zis-Reisestipendien: Wenig Geld, viel Abenteuer

Maria-Xenia Hardt

Wer reisen will, braucht Zeit und Geld. Zeit haben junge Menschen genügend, Geld meistens keines. Was also machen? Zuhause bleiben und Däumchen drehen? Nein, sich um ein zis-Reisestipendium bewerben und Abenteuer sowie Gemeinschaft erleben. Maxi erzählt uns, wie das geht und was Ex-Stipendiaten von ihren Reisen berichten.



Reise alleine, ohne zu fliegen und ohne eigenes Auto für mindestens vier Woche in ein fremdes Land. Gib dabei nicht mehr als die Stipendiensumme von 600 Euro aus. Führe Tagebuch und schreibe einen Bericht über das Thema deiner Reise.


Wer die Bedingungen eines zis-Stipendiums zum ersten Mal hört, ist darüber meist verwundert. Viele bezweifeln, dass man mit 600 Euro vier Wochen lang unterwegs überleben kann - schließlich muss man ja irgendwo schlafen, irgendwas essen und auch irgendwie hin und zurückkommen. Außerdem werden zis-Reises vor dem Studium unternommen, und die meisten waren noch nie allein unterwegs, erst recht nicht in einem fremden Land.

Auch Lukas Gückler (20) musste sich erst mit diesen Bedinguen anfreunden: „Ein paar Forderungen haben mich schon gestört. Ich wäre zum Beispiel gerne mit dem Auto gefahren, weil das viel einfacher ist.“ Lukas war letzten Sommer einen Monat lang in den Schweizer Alpen, um die Auswirkungen des Bergtourismus auf diese Region zu erforschen, bevor er in Freiburg sein Lehramtsstudium begonnen hat. „Im Nachhinein macht jede der Bedingungen für mich Sinn“, sagt er. „Ich habe viel über mich selbst gelernt und bin selbstständiger geworden, was mir jetzt im Studium extrem hilft. Man erfährt, was es bedeutet auf sich selbst gestellt zu sein.“

Während seiner vier Wochen in den Bergen musste er auf vieles verzichten, da die Schweiz ist ein teures Land ist. „Ich wollte nicht zu knapp kalkulieren, denn irgendwie musste ich ja auch wieder zurück nach Hause kommen“, sagt er. Und damals habe er noch bei seiner Familie in Norddeutschland gewohnt. „Also habe ich die ganze Zeit Nudeln mit Ketchup gegessen. Das konnte ich mir leisten.“

Eine zis-Reise fordert gewisse Opfer, aber sie geizt auch nicht mit überwältigenden Erfahrungen. Lukas kann sich besonders gut an den Schweizer Nationalfeiertag erinnern, den er von oben herab betrachtet hat: „Ich saß auf über 2000 Metern Höhe und hab ins Tal geschaut, wo Feuerwerk gezündet wurde. Die Raketen sind unterhalb von mir explodiert und haben alles in Nebel gehüllt. Das sah unglaublich geil aus.“

Es sind solche Anekdoten und Erinnerungen, die die Stipendiaten mit zum Maitreffen bringen, das jedes Jahr in Salem stattfindet. Dort kommen die Gereisten des letzten Jahres, die Kandidaten des neuen Jahres, andere Ehemalige und die ehrenamtliche Jury zusammen. Das Maitreffen bietet die Möglichkeit, noch einmal auf die eigene Reise zurückzublicken und Erfahrungen an die Nachfolgenden weiterzugeben. Tagebücher und Berichte liegen aus, das Wetter in Bodenseenähe ist bombastisch und in der Luft liegt ein Hauch von Abenteuer und Freiheit.



Seit 1956 gab es mehr als 1500 zis-Reisen in fast 80 Länder. Im Laufe der Zeit hat sich einiges verändert: Seit Mitte der siebziger Jahre dürfen auch Mädchen reisen, und die Stipendiensumme (anfangs 220 Deutsche Mark) hat sich den erhöhten Lebenshaltungskosten und der Inflation angepasst. Ältere Jury-Mitglieder, die Anfang der neunziger Jahre unterwegs waren, erzählen grinsend von den Zeiten ohne Internet. Damals sind sie einfach losgefahren, hatten zwar Ahnung von ihren Themen, aber nicht die ganze Reise durchgeplant. Kontakte hat man vor Ort geknüpft: in Holland, Nordafrika oder auf den Shetland-Inseln - nicht aber vorab im Internet.

Trotz aller Veränderungen ist zis im Kern dasselbe geblieben: ein illustrer Haufen junger Menschen, von Abenteuerlust geeint, aber doch so unterschiedlich wie ihre Reisen: Einer war zum Thema Straßenmusik in Frankreich unterwegs und hat seine regenbogenfarbene Gitarre mitgebracht, ein anderer erzählt von Wasserrohrbrüchen in der Ukraine. Dragqueens in Istanbul, Chinatown in Paris, Probleme und Nutzen von Elchen in Schweden – bei zis scheint nichts unmöglich.

Johanna Salomon (19), die jetzt in Freiburg Geschichte und Philosophie studiert, war in Polen. Das Thema ihrer Reise hat sie in London gefunden: „Ich war bei einer jüdischen Gastfamilie und habe angefangen mich dafür zu interessieren. Die jüdische Gemeinde in Polen ist die einzige in Europa, die wächst, weil viele Menschen, die ihr ganzes Leben lang im christlichen Glauben erzogen wurden, plötzlich herausfinden, dass sie jüdische Wurzeln haben. Ich wollte wissen, was diese Menschen antreibt, sich auf das Judentum einzulassen.“

Sie hat Hebräisch gelernt, sich um ein Stipendium beworben und ist losgefahren. Sechs Wochen lang war sie unterwegs: meist in großen Städten wie Warschau, Krakau, Lodz, aber auch in Auschwitz. Sie hat mit jüdischen Familien Sabbat sowie Hochzeit gefeiert und viele Gespräche geführt. „Das war das Wichtigste für mich“, sagt sie.

„Ich habe mit Alten und Jungen geredet, mit Schriftstellern, mit einfach Leuten, mit Gläubigen und Nichtgläubigen, mit Holocaust-Überlebenden, die von der Zeit in Auschwitz erzählt haben, mit jungen Leuten, die auf einmal nicht mehr wissen, wer sie sind. Ich wollte subjektive Antworten, und die habe ich bekommen.“

Wie bei fast allen „zislern“ ist Johannas Bericht emotional: Entbehrungen, Schwierigkeiten, aber auch bereichernde Erfahrung. „Manche Erzählungen haben mich überfahren“, sagt Johanna. „Ich habe viel Schreckliches gehört, aber ich war auch begeistert von der Kraft dieser Menschen.“

Aus vielen Mosaiksteinen hat sie sich ein Bild der polnischen Juden zusammengesammelt; viele Begegnungen habe sie weit über die Reise hinaus geprägt: „Ich denke noch oft an eine Frau, bei der ich drei Wochen wohnen durfte. Sie hat mir geholfen, die Motivation der Polen besser zu verstehen, sich nach vielen Jahren im katholischen Glauben auf das Judentum einzulassen. Ihr Judentum, hat sie gesagt, sei wie eine Beinprothese: Es sitzt nicht perfekt, aber es macht sie vollständig, ermöglicht ihr, wieder zu tanzen.“



Für Johanna, Lukas und die anderen Gereisten ist das Maitreffen eine Art Abschluss; für den nächsten Jahrgang der Startschuss ihrer eigenen Reise, denen die Geschichten der letzten Jahre einen Schub gegeben haben. Man ist sich nach dem Maitreffen ein bisschen sicherer, dass es tatsächlich klappen kann: für vier Wochen allein im Ausland, mit 600 Euro und einer verrückten Idee. Ausdauer, Mut und ein bisschen „zis-Glück“ werden es schon richten – dass es einfach wird, erwartet trotzdem niemand.

„Eine solche Reise ist eine nicht immer erfreuliche Erfahrung“, resümiert Lukas. „Aber eine, die ich auf keinen Fall missen möchte.“

Bewerbung

Bewerbungsschluss ist jedes Jahr am 15. Februar. Bewerben kann sich jeder zwischen 16 und 20, der noch kein Studium begonnen hat.

Mehr dazu: