Zeitschriften-Trash (Teil 2)

Dirk Philippi

Nach tantraesken Feuerstühlen und Unterhubers Tinky-Winky folgen heute schmalspurige Nymphen aus der Tschechei sowie zickige Eierrouladen in der Domrep. Teil zwei der acht unglaublichsten Druckerzeugnisse am Freiburger Bahnhofskiosk.



Hermeneutische Aspekte:

Nein, RUTE&ROLLE ist keine Sado-Maso-Onaniervorlage! Wobei (…); nein, fangen wir anders an: Kennen Sie noch Adolfo Valencia, genannt „El Tren“? Der kolumbianische Entlauber (so einst der Franz, weil er statt aufs Tor immer in die Bäume schoss) hatte laut Lothar Matthäus „soooo einen Langen!“ Nun beim Angelmagazin von Rute&Rolle-Biologie-Redakteur Arnulf Ehrchen (!!!) geht´s eigentlich um auch nichts anderes. Exakt einhundertunddrei Portraitfotos (nachgezählt!) von Knecht Ruterechts und ihren toten „Monster-Killer-Prachtexemplaren“ (soooo ein Langer!) dienen dem als Spinnfischer oder Hechtangler getarnten Phallusersetzer als barsche Leser-Köder. Thematisch gibt sich die 132-seitige Farbpostille wie ein Stein im Tegernsee, dabei gesellschaftsaffin und mit „Czech-Nymphen - Die Fliege des Monats“ hat sie gar eine eigene Erotikrubrik. Sprachlich eine Mixtur aus Anglerlatein und Dr.-Sommer-Slang („Hilfe, mein Dickdorsch hat Schuppen!“).

Semantische Stimuli:

„Ein gewaltiges Männchen“ - „Mehr als schwer!“ - „Noch ein fetter Fang!“ - „Was ein dicker Brummer!“

Fotobeweis:


Bildzitat (S.87):
„Ultrafängig: Meine Rute hat hammerhart ausgeschlagen! (Der Größte der Tour, links mit Mütze)!“

Das exemplarische Leserbriefzitat:

„Ich folgte der Angel-Einladung eines eingeborenen Aborigines. Nur mit einem Stock, umwickelt mit etwas Sehne, und einem Haken bewaffnet zogen wir los - auf dem Weg erzählte er von armdicken Aalen. Los ging´s, nach einer halben Stunde der erste Aal - nur Durchschnitt. Mit den Innereien des souverän getöteten Aales wurde weiter geangelt. Eine Stunde später, der nächste Biss und sofort Sehnenbruch. Dann beim dritten Aal lief es besser: Nachdem ich mich am Ufer auf den „nur“ 115 Zentimeter langen, aber mit 27,5 Zentimetern Umfang gewaltigen Fisch geworfen hatte, konnten wir uns endlich fotografieren. Diesen Tag werde ich wohl nie vergessen!“

Die beeindruckendste Werbung:

„Fischpräparationen! Topqualität, Gefriertrocknung! Augen-Make-up! Da stinkt nichts mehr!“



Hermeneutische Aspekte:

Popcorn und Bravo waren gestern, heute ist GO GIRL! Der neu-pubertierende Zickennachwuchs, ab 13 Jahren abwärts, findet hier alles, was das Fangirlyherz begehrt - und das ist schließlich ´ne ganze Menge: Soziologische Styling-Tipps („Mit Lipgloss klappt´s auch bei Dir mit Knutschen!“), psychologische Leitartikel ("Welcher Gilmore-Boy würde Dein Herz erobern?“), tolerant aufmunternde Motivationstheoreme („Du liebst zwei Jungs? Küss doch beide und find es heraus!“) und pädagogische Leitartikel („Zicke sein ist voll okay!“) bilden den nach Brüsten lechzenden Charakter und stärken das Selbstverständnis der tüteligen Nachwuchs-Emänzchen („Mit dem Freund im Wald verlaufen, mach´ Dir nichts draus - Irren ist männlich!“) und späteren Jungkreditnehmerinnen.

Semantische Stimuli:

„Die hat so einen süßen, knuffigen Klingelton!“ - „Ritschie verrät seine intimsten Körperdetails!“ - „Es gibt gaaaaaanz viele zickigen Mädchen, da bist Du nicht allein

Fotobeweis:


Bildzitat (S. 11):
„Chrissi, die olle Jungfrau, ist ein echtes Quotenopfer. Mit der werde ich noch lange meinen Spaß haben!“

Das exemplarische Leserbriefzitat:

"Liebes Go-Girl-Magazin, ich habe ein großes Problem. Mein Freund hat eine Neue zum Chatten. Aber ich liebe ihn noch. Als alle meine Freundinnen das gehört haben, sind sie total über mich hergezogen. Das ist so fies. Ich weiß nicht mehr weiter. Was soll ich nur tun? Sarah (11 J.)“

Die beeindruckendste Werbung:

„„Deine Basis-Ausrüstung! Die braucht jeder! Taschenspiegel, Lipgloss, Mascara und Make-up. Nur 9.90.-! Damit mit den Jungs und beautymäßig nichts mehr schief geht!!“



Hermeneutische Aspekte:

Der PRESS-KURIER ist für die manischen Eisenbahnfreunde was der Wachturm für die Zeugen Jehovas. Die schmalspurige Kampfschrift der Jim-Knopf-Fangemeinde ist das Schwarzenberger Propaganda-Werkzeug in der Schlacht gegen die Busliebhaber vom Verkehrverbund Mittelsachsen („Ja, die Busse, die standen alle schön im Stau!“). Die Vereinsmeier der Interessengemeinschaft „Preßnitztalbahn“, allesamt pathologische Märklin-Züchter, informieren über Dampffahrtage („Mit Volldampf in die Ehe!“), schmalspurige Todgeburten („Gebaut und leider nie gefahren!“) und in deutscher Sprache über die deutsche Geschichte deutschen Lokomotiv-Verkehrs. Das Wort „Neger“ habe ich nirgends gefunden.

Semantische Stimuli:

„Großer Besucherandrang am Bahnhof Oybin. Die 52 Gäste staunten und applaudierten!“ - „Mit dem Bus zum Bahnhofsfest -igitt!“ - „Dampflok-Rettung. Spendenaktion „Kohle“!“

Fotobeweis:


Bildzitat (S.13): „Führerstandsfahrten mit der deutschen 99 539 und der 99 73!“

Das exemplarische Leserbriefzitat:

„Mit Hilfe von so genannten1-Euro-Kräften, die zum Teil aus dem Ausland kamen, und dem großartigen Einsatz unserer fleißigen und treuen Vereinsmitglieder haben wir den Bahnhof Magdeburgerforth beinahe wieder aufgebaut!“

Die beeindruckendste Werbung:

„Die Eisenbahnstrecke Fohburg-Kohren als Bleistiftskizze. 8.- Euro)"



Hermeneutische Aspekte:

MEINE PAUSE ist das Rundum-Gute-Laune-Produkt aus dem Hause ‚Stegenwaller Entertainmant Group GmbH & Co KG’ für alle, die zur Geburt ihren dauergewellten Kopf primär als dekorativen Halsverschluss bekommen haben. In den Rubriken Liebe („Der Herbstnebel war Eva buchstäblich in die zitternden Glieder gefahren. Arno spielte mit ihrer Lust“) und Leben („Ich hasse meine Schwiegermutter. Sie kocht immer mit zu viel Butter!“), Mode („Der Strick-Bolero in Übergröße zaubert eine traumhafte Taille“) und Beauty („Der kinnlange Schnitt verdeckt Falten und Furchen!“) fühlt sich frau daheim und vergisst darüber hinaus schon einmal die Vera am Mittag oder die Linzer mit Herrn Stelzbock. Als ganz arg tollen Bonus gibt es jede Menge Rätsel („Ein Märchen heißt „Kalif…“ - a) Storch, b) Koffer“) und unzählige Dickmach-Tipps („Rouladen mit Ei, Rouladen mit Pilzen, Rouladen mit Püree, Rouladen mit Pommes“).

Semantische Stimuli:

„Fernsehen war für mich wichtiger als Freundschaft!“ - „Zuviel Fitness kann süchtig und krank machen!“ - „Mein Kurschatten verfolgt mich!“

Fotobeweis:


Bildzitat (S.51):
„Exotische Prachtkerle in der Dominikanischen Republik!“

Das exemplarische Leserbriefzitat:

„Mein Schwager macht mir eindeutige Angebote! Schon lange leidet meine Schwester unter der Untreue ihres Mannes. Doch jetzt wurde es besonders dreist: Als mein Mann auf Dienstreise war, kam mein Schwager mit Pizza und Piccolo vorbei. Schon während des Essens hat er heftig mit mir geflirtet. Anschließend hat er sogar versucht mich zu verführen - es bliebe doch schließlich in der Familie. Was soll ich tun? Hat er Recht? Soll ich es meiner Schwester erzählen?“

Die beeindruckendste Werbung:

„Leckerer Eierlikör für Sie und Ihre Freundinnen. Der versüßt die kalte Jahreszeit und bringt sie schön in Wallung - auch bei Männerbesuch geeignet!“

Mehr dazu:

Zeitschriften-Trash am Freiburger Bahnhofskiosk (Teil 1)