Zehn Jahre Kagan: Peter Bitsch im Interview

David Weigend

Peter Bitsch (45) hat vor zehn Jahren das Kagan eröffnet und ist heute noch der Kopf von Freiburgs höchstgelegenem Club. Bevor morgen die Feierlichkeiten beginnen, nimmt Bitsch bei uns Stellung: zu seiner Einlasspolitik, Dieter Salomon, den größten Partyflops und Sex im Kagan. [Mit Ticketverlosung für Sektempfang & Kagan-Jubiläumsparty!]



Zum Warmwerden spielen wir ein bisschen Stichwort-Pingpong mit Herrn Bitsch. Der Kaganchef nimmt einen Schluck aus der Limoflasche (Kaffee trinkt er keinen) und versucht, möglichst schnell etwas zu folgenden Begriffen zu sagen:


Angela Merkel

…seriös, zurückhaltend, wenig entscheidungsfreudig.

Mo Idrissou

…guter Fußballer.

Thilo Sarrazin

…thematisiert.

Yacine Abdessadki

…Kämpfer.

Crash Musikkeller

…Goldgrube.

Türpolitik im Kagan

…nicht jedermanns Sache.

Michael Ammer

…hat die beste Zeit hinter sich.

Miss Kagan

…Partyreihe.

Jogi Löw

…hat seinen Weg gemacht.

Midlife Crisis

…bei mir noch nicht.

Sex im Kagan

…Treppenhaus.

Barack Obama

…bemitleidenswert.

Johannes Dultz

…Fantast.

Freiburgteil der Badische Zeitung

…immer lesenswert.

Lady Gaga

…eigener Style.

Kirchhofen

…lange dort gelebt.

Kagan ist besser als Schneerot weil

…muss jeder selbst entscheiden.

Dominik Dilger

…meine absolute Vertrauensperson. Ohne ihn würde das Kagan nicht existieren.



So, die erste Minute ist rum. Bitsch lacht und lehnt sich entspannt zurück. In der nächsten halben Stunde fällt auf: Der Mann redet freiheraus und hält stets Blickkontakt.

Schon mal im Kagan-Aufzug steckengeblieben?

Ja, schon öfters. Es ging aber immer schnell wieder weiter. Allerdings habe ich von anderen Leuten mit längeren Wartezeiten im Lift gehört.

Welchen Cocktail muss man im Kagan getrunken haben?

Der Long Island Iced Tea wird am häufigsten bestellt. Der zieht schon rein, ist aber auch entsprechend teuer. Bei uns kostet der halbe Liter zehn Euro.

Was war rückblickend der größte Kagan-Flop?

DJs, die sehr teuer sind und kein Publikum haben. Irgendwelche One-Hit-Wonder, wo dann um Zwei die Gäste zu mir kommen und fragen, wie lang der Heini noch spielt. Ein typisches Problem sind DJs, die ausschließlich elektronischen House spielen. Die fegen innerhalb von einer Stunde den ganzen Club leer.

Sie sind also kein Freund von Housemusik?

Doch, ich stehe auf den Sound, gehe auch mal gern ins Drifters. Aber im Kagan kannst du dieses Brett nicht bringen. Das ist vielleicht die wichtigste Regel für DJs bei uns: Du musst variabel sein. Die Leute, die zu uns kommen, haben extrem unterschiedlichen Musikgeschmack. Es gibt nur wenige DJs, die den Spagat schaffen. Ein Flop bedeutet für mich, wenn ein DJ versucht, eine bestimmte Musikrichtung auf Biegen und Brechen durchzuziehen. Das mündet in eine Katastrophe.

Wenn ich im Kagan House auflege – wielange dauert es, bis die ersten Mädels gehen?

Eine halbe, dreiviertel Stunde. Spätestens dann musst du gegensteuern. Sonst sind um 3 Uhr nur noch Männer da. Ich hass’ die alten Black- und Souldinger auch, aber ich muss schauen, dass der Laden läuft.

Ihre Jubiläumsparty am Samstag bestreiten Sie ausgerechnet mit Voodoo & Matthew Sanders von „Ministry of Sound“. Ausgewiesene House-DJs.

Die spielen aber nicht das Elektro-House-Brett, sondern eher die sanftere Happy-House-Geschichte.

Welche Einlasskriterien haben Ihre Türsteher?

Unsere Gäste müssen sich im Club wohlfühlen. Deshalb gilt es für den Türsteher, Leute mit Stresspotenzial von vorneherein zu filtern. Unsere Türsteher haben die Anweisung, zu begründen, warum sie bestimmte Leute abweisen. Menschen, die schon in der Schlange alkoholisiert sind, gehen zum Beispiel gar nicht. Ich will hübsche Mädels und Typen, die in Ordnung sind.

Im Fall einer Behindertengruppe, die bei Ihnen abgewiesen wurde, kam die Begründung der Türsteher offenbar nicht richtig an.

An einem Donnerstag in den Ferien passt zu vorgerückter Stunde kein Streichholz mehr ins Kagan. Mit 300 Leuten ist der Laden voll. Da spielt es überhaupt keine Rolle, ob eine mehrköpfige Gruppe, die reinwill und nicht reserviert hat, nun behindert ist oder nicht. An jenem Abend hat unsere Security schon zwei Mädchen runtergebracht, weil sie oben keine Luft mehr bekamen. Der Türsteher hat absolut richtig gehandelt. Er trägt ja auch die Verantwortung für das Wohl aller Gäste. Ein bisschen Verständnis sollte man als Gruppe in so einer Situation doch entgegenbringen können.

Dennoch haben die Abgewiesenen nicht verstanden, warum ihnen der Einlass verwehrt wurde.

Ja, das ist unglücklich gelaufen. Der Türsteher hätte einen der Betreuer hochlassen sollen, damit sich dieser ein Bild macht, wie voll es oben ist. Ich denke, dann hätte es keine Missverständnisse gegeben.

Gibt es etwas, das Ihnen den Schlaf raubt?

Das ständige Gezerre um Konzessionen und Sperrzeiten bereitet mir schon mal schlaflose Nächte. Ich sitze da Leuten im Ordnungsamt gegenüber, die sagen: „Brauchen wir net, wollen wir net.“ Fast wäre an dieser Einstellung die Eröffnung des Kagan gescheitert. Auch die Hausverwaltung setzt mir zu. Inzwischen bin ich der Sündenbock im ganzen Hochhaus. Das stresst mich schon extrem.

Zumindest, was die Kommentare unter fudder-Artikeln über Ihren Club anbelangt, scheint das Kagan zu polarisieren. Warum?

Warum polarisiert Bayern München oder Guido Westerwelle? Ich weiß es nicht. Viele finden das Kagan spießig. Damit kann ich leben.

Ist das Kagan der Dieter Salomon unter den Freiburger Clubs?

Von Herrn Salomon kann man zumindest lernen, wie man lange im Geschäft bleibt, trotz einer politischen Richtung, die nicht jeder verfolgen mag. Salomon hat seine Politik der Situation angepasst, die in der Stadt herrscht. Klar ist er ein anderer als vor 20 Jahren. Man sieht es ja an den Grünen: es ist leicht, gegen alles zu sein, aber irgendwann gilt es, Entscheidungen zu fällen. Bei vielen Dingen muss Salomon jetzt Flagge zeigen.

Zum Beispiel?

Der Umgang mit Kommando Rhino im Vauban. Ich glaube, Salomon merkt jetzt, dass er in dieser Geschichte bislang viel zu weich war.



„Bitsch insolvent“ ist das Dauergerücht in Freiburgs Nachtleben. Wie erklären Sie sich das?

Es überrascht mich immer wieder, das zu hören. „Der Bitsch gibt auf, ich hab’s sogar in der Zeitung gelesen.“ Wenn ich versuche, nachzuverfolgen, woher das kommt, lande ich stets in einer Sackgasse. Ich kann nicht verhindern, dass jemand solche Gerüchte streut. Mir schadet es jedenfalls nicht. Das Kagan ist offen.

Mit welchem Sportclub-Mitglied haben sie am meisten zu tun?

Mit Dirk Dufner. Wir sind Nachbarn und haben ein gutes Verhältnis. Ab und zu treffen wir uns und quatschen ein bisschen. Ein sehr netter und aufgeweckter Mann.

Hin und wieder bewegen ja auch Sportclubspieler auf der Kagantanzfläche ihre Füße.

Das sind teils super junge Burschen. Wenn du die abends in ihren Baggy Pants siehst, mein lieber Mann. Da erkennst du den Spieler aus dem Stadion kaum wieder. Die dürften fast gar nicht reingelassen werden.

Braucht das Kagan mehr Promis?

Ich bin niemand, der sich mit bestimmten Gästen brüstet. Meine Freundin kennt sich auf diesem Gebiet wesentlich besser aus als ich. Wenn Promis kommen, ist es schön, aber ich renne keinem hinterher. Es gab ja ein Riesengalama, als vor ein paar Monaten H.P. Baxxter von Scooter bei uns war. Der war mit einer Oldtimer-Ralley unterwegs und auf Durchreise, verbrachte eine Nacht in Freiburg. Daheim wartete seine Frau auf ihn. Im Kagan ließ er sich mit allen möglichen Frauen ablichten. Das war ein bisschen ungeschickt. Wenn er uns was gesagt hätte, hätten wir ihn da rausgehalten. Ich weiß: viele Leute stehen auf Promis. Aber Freiburg ist nun mal eine Kleinstadt und es gibt nur ganz wenige Prominente, die sich mal hierher verirren.

Wohin flüchten Sie, wenn Sie von Freiburg die Nase voll haben?

Nach Brasilien. Im Winter versuche ich immer, einen Monat lang in Rio zu verbringen. Viele Freiburger, die ich von früher kenne, leben inzwischen dort. Die Kälte im Breisgau macht mir zu schaffen.

Was machen Sie da so?

Joggen am Strand, ich bin auch einem Boxclub in einer Favela beigetreten. Meistens beginne ich meine Reise nach Rio in einem ziemlich frustrierten Zustand. Diese kleinen Alltagskämpfe mit den Freiburger Beamten können mir schon ganz schön auf die Stimmung drücken. Aber wenn ich einen Monat in Rio lebe und sehe, wie lebensfroh die Menschen dort sind, obwohl sie weiß Gott schlimmere Probleme haben, komme ich wie verwandelt zurück.

 

Last-Minute-Verlosung

fudder verlost zwei Mal zwei Tickets für Sektempfang & Party zum 10. Geburtstag des Kagan am Mittwoch, 29. September 2010. Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit seinem Namen, seiner Telefonnummer und dem Betreff  "18. Stock" an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Mittwoch, 29. September 2010, 11 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden direkt nach dem Ende der Verlosung per Anruf benachrichtigt.

Mehr dazu:

Was: Opening 10 Jahre Kagan mit DJ Deenasty
Wann: Mittwoch, 29. September 2010, Party ab 22 Uhr
Wo: Kagan