Yacine Abdessadki: La Grinta

David Weigend

Viele haben gerätselt, wie es kam, dass SC-Mittelfeldrackerer Yacine Abdessadki (29) im Mai au revoir sagte und im August plötzlich wieder sein 6er-Trikot für den Sportclub anzog. Yacine erzählt uns nun diese Geschichte. Und er sagt, warum der Begriff "la grinta" seinen wesentlichen Charakterzug darstellt.



Yacine, dein Comeback beim SC Freiburg kam für die meisten sehr überraschend. Kannst du erklären, warum du den Verein zuerst verlassen hast und nach der Sommerpause plötzlich wieder im Kader standest?

Die zwei Jahre, die ich in Freiburg verbracht hatte, waren eine tolle Zeit. Ich schätzte mich glücklich, hier gespielt zu haben. Aber ich suchte eine neue Herausforderung. Es gab auch zwei kleinere Gründe, warum ich Freiburg verlassen wollte.

Welche?

Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Jedenfalls war ich nicht ganz zufrieden in Freiburg. Deshalb suchte ich einen neuen Verein. Aber ich bekam kein Angebot, das mir sportlich und finanziell zusagte. Nun war es so, dass mir mein Freund Jonathan (Jäger, Anm. d. Red.) eine Karte für den Saisonauftakt besorgt hatte: SC Freiburg gegen den FC St. Pauli.

Dieser Auftakt ging ja ziemlich in die Hose.

Du sagst es. Ich war, vorsichtig ausgedrückt, ganz schön überrascht darüber, wie sich die Mannschaft an diesem Tag präsentierte. Ich erkannte das Team im Vergleich zur Vorsaison nicht mehr wieder. Das hat ganz schön an mir geknabbert.

Und dann?

Ich ging nach dem Spiel in die Kabine, um meine Ex-Kollegen zu sehen. Irgendwie fühlte ich mich noch sehr verbunden und ich wollte mit einigen von ihnen kurz reden. Robin Dutt kam dann zu mir und sagte: „Yacine, wenn du willst, kannst du wieder mittrainieren. Aber das heißt nicht, dass du gleich einen neuen Vertrag bekommst.“

Ein seltsames Angebot.

Für mich klang dieser Vorschlag gut. Ich hatte da auf jeden Fall Lust drauf. Drei Tage lang trainierte ich mit. Dann sprach mich der Trainer wieder an: „Willst du nicht doch wieder zu uns kommen? Wir könnten dich schon am Samstag in Nürnberg brauchen.“ Es war eine Win-Win-Situation: Ich wollte der Mannschaft helfen, der Sportclub unterbreitete mir ein faires Angebot.



Auch, wenn dein Auftritt in Nürnberg noch nicht optimal war: Seit du wieder in der Mannschaft bist, wirkt sie zumindest selbstbewusster.

Vielleicht bin ich ja ein Glücksbringer (lacht). Nein, im Ernst: es gab in einem Training nach dem St. Pauli-Spiel einen Moment, da hat es Klick gemacht. Ich kann das auch nicht genau beschreiben. Aber die Mannschaft hat einen Schalter umgelegt. Die Motivation war wieder da, die Kreativität auch. Als ich auf der Tribüne saß und das St. Paulispiel sah, wusste ich: Unsere Mannschaft hat Potenzial. Aber wir konnten es aus irgendeinem Grund nicht abrufen. Ich versuche, durch mein bewegliches Spiel im Mittelfeld Räume zu schaffen und zu helfen, die Mitspieler zur Entfaltung zu bringen.

Wir nehmen mal an, dass du den Sommer über nicht nur mit Bierflasche und Shishapfeife vor dem Fernseher gesessen bist und WM geschaut hast.

Da liegst du richtig. Ich habe hart trainiert. Jeden Tag lief ich zu Hause in Strasbourg zehn Kilometer. Manchmal lief ich auch nur sieben, baute dafür aber Sprints ein. Ich ging schwimmen, zum Einkaufen fuhr ich mit Fahrrad und ließ das Auto stehen.

Deine Bestzeit auf zehn Kilometern?

35 Minuten.

Die Men’s Health-Redaktion würde dich lieben.

Nach dem Lauftraining traf ich mich mit drei Freunden und übte Technik am Ball. Wenn es heiß war, spielten wir Beachvolleyball. Ab und zu ging ich auch Pumpen ins Fitness-Studio.

Yacine, der Rocky von Strasbourg.

Nun ja, hauptsächlich war ich Laufen. Mal im Wald, mal am Kanal entlang, mal in den Bergen. Ich wechselte jeden Tag die Strecke. Immer mit Musik im Ohr: R’n’B, House, für die schnelleren Strecken auch mal was Knalliges. Auf mein Comeback wollte ich perfekt vorbereitet sein. Auch mental.

Was meinst du damit?

Es ist doch vieles Kopfsache. Wenn es draußen regnet, sage ich mir: Jetzt laufe ich erst recht drei Kilometer mehr. Wenn andere Leute 20 Liegestützen machen, will ich 23 schaffen. Diese Einstellung, die anderen überbieten zu wollen, ist ein ausgeprägter Charakterzug bei mir. Wenn ich weiß: wir trainieren morgen eine bestimmte Zweikampfsituation, versuche ich, mich darauf schon daheim vorzubereiten. Es geht um Disziplin. Ich stehe täglich um 7.30 Uhr auf und ziehe meinen persönlichen Trainingsplan durch. Da gibt’s keine Ausreden.



Du sagst, es geht um Disziplin. Viele von uns haben aber auch Bilder im Kopf, bei denen dir ein wenig der Gaul durchgeht. Ich erinnere mich da an diese berühmte Szene aus dem St. Paulispiel vom April 2009. Es sah so aus, als wolltest du dem Spieler Thomas Meggle die Nase abbeißen.

Ich bin eben ein temperamentvoller Typ. Ein Antreiber. Ich hasse es, zu verlieren. Weißt du, ich komme aus Nizza. Bei uns am Mittelmeer, übrigens auch bei den Italienern, gibt es den Begriff „la grinta“. Ich würde das mal frei übersetzen mit „Das Feuer, unbedingt gewinnen zu wollen.“ Das liegt in meiner Mentalität, fließt in meinem Blut. Damit ist auch eine gewisse Aggressivität verbunden und so kann es manchmal zu Szenen kommen wie die Konfrontation mit Meggle, die du ansprichst. Aber diese Angelegenheit von vor anderthalb Jahren ist schon längst bereinigt.

[Fotos: Weigend, dpa, Heuberger]

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