Wyhl 1975: Ein Aktivist erinnert sich

20. Februar 1975: Zwangsräumung mit Wasserwerfern in Wyhl am Kaiserstuhl. Dort protestierten Tausende von Aktivisten gegen den Bau eines Kernkraftwerks. Die Demonstrationen gaben den entscheidenden Impuls für die Wende in der deutschen Antiatomkraftbewegung. Bernd Nössler war dabei. Ein Rückblick.



Ein hübsches, ruhiges Dorf am Kaiserstuhl. Am Waldrand fließt der Rhein vorbei, es schnattern Enten und Schwäne – ein friedlicher Winternachmittag in der Natur. Kaum zu glauben, dass der Wald vor 33 Jahren mit Stacheldraht und Barrikaden eingezäunt war und als Bauplatz für ein neues Atomkraftwerk gehandelt wurde.


Am 23. Februar 1975 protestierten rund 30.000 Menschen. Nach der Kundgebung stellten sie sich vor die Baumaschinen, überwanden die Barrikaden mit bloßen Händen und besetzten den Bauplatz. Der zähe Widerstand hat sich gelohnt: der Bau des Atomkraftwerks wurde verhindert.

Bernd Nössler blickt auf einen unscheinbaren Gedenkstein am Wegrand, der an die damalige Zeit erinnert und die alemannische Inschrift trägt „Nai hämmer gsait“ („Wir haben nein gesagt“). Er war als junger Mann bei den Protesten aktiv dabei. Bereits als 19-jähriger fuhr er zu seiner ersten Demonstration nach Fessenheim ins Elsass. Parallel wirkte er gegen das geplante Kernkraftwerk in Breisach mit und sammelte Unterschriften. Sobald die Nachricht zu Plänen für sein Heimatdorf Wyhl als Kernkraftwerkstandort an die Öffentlichkeit drang, klinkte er sich in den Widerstand ein: „Als junger Mensch mit Idealen war ich geprägt von Bürgerrechtsbewegungen, gewaltfreiem Widerstand – dies habe ich immer als Leitfaden empfunden. Martin Luther King, Mahatma Gandhi waren meine Vorbilder.“



Steine fliegen

Die Wyhler Umgebung war sehr stark gegen das Projekt engagiert, 1974 lagen bereits etwa 100.000 Einsprüche aus der Bevölkerung beim Landratsamt Emmendingen vor. Die Demonstranten kamen zum Großteil aus der Region, sowie aus dem benachbarten Elsass und der Nordwestschweiz; parallel gab es zu dieser Zeit Proteste gegen die geplanten Atomkraftwerke bei Kaiseraugst (CH) und Gerstheim (Elsass). So entstand 1974 der Zusammenschluss der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen.

Für die Demonstrationen gab es eine Vorlaufzeit, zuerst fanden viele Infoveranstaltungen statt. „Je nach Größenordnung eines Gesprächskreises trafen wir uns in Gemeindehäusern, Gaststätten und Sälen, kleinere Gruppierungen auch einfach privat. Es war eine Zusammenarbeit von Menschen aller Generationen, die einen starken Lernprozess durchlebten.“ Nicht nur, was die gemeinsamen Aktionen anging: man musste auch lernen, damit umzugehen, dass man von Staates Seite durch Hausdurchsuchungen wegen angeblichem Waffenbesitz eingeschüchtert wurde oder von privater Seite her angefeindet und bedroht wurde.

Es flogen Steine, ein Hund wurde vergiftet, Drohbriefe flatterten ins Haus. Wyhl war in zwei Lager gespalten, die Atomkraftbefürworter rechneten mit Arbeitsplätzen und wirtschaftlichem Aufschwung. Viele, die damals aktiv waren, änderten ihre Lebensphilosophie und ihre Berufspläne. Bernd Nössler scheint unermüdlich und wandte für das Engagement Lebensjahre auf: „Erfolg ist mit Zeitaufwand verbunden.“ Doch die Begegnungen mit anderen Aktivisten, aus denen sich auch private Kontakte entwickelten, gehörten zu den schönen Seiten: „Es bestand ein sehr offenes menschliches Verhältnis, das war das Besondere.“ So kamen Australier oder Kanadier zu Besuch – Bewohner von Gebieten, in denen Uranerz abgebaut wird. Die heute noch aktiven Leute konzentrieren sich auf die Sachverhalte von Fessenheim, die Anfechtung des alten Atomkraftwerks mit sehr vielen technischen Tücken oder auf die Nutzung von alternativen Energien.

„Europäisch agieren, regional tätig sein“


Ob eine so erfolgreiche Aktion wie in Wyhl heute noch durchführbar wäre, lässt sich nur sehr schwer sagen, denn die Entwicklung einer Region, die Mentalitäten und politischen Strukturen sind nie genau vorhersehbar. Protestaktionen können heute dank dem Internet zwar schnell ins Leben gerufen werden, aber laut Bernd Nösslers Erfahrungen entstehen sie zunächst emotional. Seinen Standpunkt hat er an seinen Sohn weitergegeben: „Es gehört zum Leben, sich zu engagieren. Man sollte nicht nur einen Tag lang demonstrieren gehen und Luft ablassen, sondern sollte es als Teil des Gesprächs mit der Familie, in der Kirchengemeinde und am Arbeitsplatz sehen, als Thema des Lebens.“



Mit 54 Jahren ist der hauptberufliche Lebensmittelkontrolleur in zahlreichen Umwelt- und Naturschutzorganisationen tätig: „Wir müssen europäisch und global agieren, aber trotzdem regional tätig sein, damit Widerstand herrscht. Man kann sich nicht nur auf politische Diskussionen verlassen.“

Bernd Nössler kennt die Bestrebungen der Atomkonzerne allzu gut: „Ein Projekt wird meist als trojanisches Pferd verwendet für weitere Durchsetzungen.“ Seiner Meinung nach hat die Vorbereitung der juristischen Auseinandersetzung zum Atomkraftwerk Fessenheim momentan oberste Priorität: „Ein interessanter Punkt wird die Erdbebenhäufigkeit am Oberrhein werden mit dem Basler Beben von 1356 als Grundlage. In den letzten Jahren gab es etliche Erdbeben, ich habe selbst einige Schäden am Haus.“

Seinen Ökostrom bezieht er aus Schönau: „Für mich lautet die entscheidende Frage: Klopft man diese ganzen Möglichkeiten von Alternativ-Energien nicht erstmal ab, bevor man sich politisch dazu entschließt, für die nächsten Jahrzehnte weiterhin das Risiko Kernenergie ganz hoch einzustufen?“ Der von ihm initiierte Mahnweg gegen Atomkraft führte letztes Jahr nach Fessenheim und gedachte dem den 21. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe.