Wohnzimmerkonzert im Stühlinger

David Weigend

Nächste Woche gibt es in Freiburg eine Konzertpremiere der intimen Art: zwei Liedermacher und eine Band spielen live im Wohnzimmer einer Privatperson. Nachdem man sich für diesen Gig per Mail angemeldet hat, kann man den Künstlern sehr nahe kommen.



Kommen Sie doch rein!

Amsterdam 2002: Rick Treffers, Sänger der Band Mist, startet die Konzertreihe Live in the Living (LITL), was man frei übersetzen könnte mit „Konzert im Wohnzimmer.“ Das Konzept: Bands und Liedermacher spielen im Wohnzimmer eines Privathaushalts, zwischen Bücherregal, Esstisch und Sofa. Diese heimeligen Gigs finden statt in Lofts und mittelständischen Appartements, etwa einmal im Monat.

Sie unterscheiden sich in zwei wesentlichen Dingen von herkömmlichen Clubkonzerten: Die Gäste hören den Musikern konzentriert zu und unterhalten sich nicht nebenher, wie man das sonst so beim Singer-Songwriter-Abend in der Eckbar macht. Außerdem ist die Gastgeberschaft von großer Bedeutung und das, was die Niederländer gezellig nennen: Die Gäste bezahlen zwar geringen Eintritt, werden dafür von den Gastgebern aber mit Getränken versorgt, manchmal auch bekocht. Wenn das Konzert zu Ende ist, unterhält man sich mit den anderen Gästen, den Wohnzimmereinrichtern und natürlich auch mit den Musikern.



Robert Fisher von der Willard Grant Conspiracy und Steve Wynn von Dream Syndicate traten bei den ersten LITL-Konzerten auf, Menschen, die man durchaus als Szenegrößen bezeichnen kann. Rick Treffers konnte sie über persönliche Kontakte für diese Auftritte gewinnen.

Wohnzimmergigs in Deutschland

Elena Brückner (Foto unten), 39, aus Berlin und Schauspielerin von Beruf, kam mit Anfang 30 in die Garage Pankow. Ein altes Fuhrparkgelände, das Brückner mit Freunden umfunktionierte: „Wir bauten da Proberäume für Bands auf, ein kleines Theater, ein Studio. Ich weiß nie, wie ich das genau nennen soll“, sagt Brückner.

Sie lernt in dieser Garagenzeit neben vielen anderen Musikern auch Rick Treffers kennen, in den sie sich verliebt. So erlebt Brückner auch Treffers Privatkonzerte in Amsterdam und ist begeistert davon. Seit 2006 organisiert Brückner mit Freunden LITL in Deutschland – in Leipzig, Saarbrücken, Kassel, Hamburg, die meisten Gigs in Berlin. Klappstühle, Markenzeichen der Konzertreihe, bilden in jeder Stadt die Sitzgelegenheit für die Gäste.



Klingeln mit Ansage

Wie kommt man ins Wohnzimmerkonzert? Einfach so? „In der Regel meldet man sich auf unserer Website an und bekommt dann von mir eine Bestätigung. Das ist angenehm, weil man sieht, wer kommt und die Gäste dann auch persönlich begrüßen kann“, sagt Brückner. Zwar könne man auch ohne Ankündigung erscheinen; man laufe dann aber Gefahr, wegen Überfüllung des Wohnzimmers weggeschickt zu werden – für beide Seiten keine angenehme Sache. „Einmal wurde ein Gig auf Radio Eins angekündigt. Da stand dann eine Riesenschlange im Hausflur und wir mussten viele wegschicken. Das wollen wir vermeiden“, so Brückner.



Meist kommen zwischen 35 und 60 Menschen, das hängt natürlich von der Größe des Wohnzimmers ab, das mindestens 25 Quadratmeter groß sein muss. „In meinem Wohnzimmer fand noch kein Konzert statt, es ist zu klein“, sagt die Veranstalterin.

Der Gig

Zur Privatsphäre passt auch der Unplugged-Charakter der musikalischen Darbietung. Der Gesang ist stets unverstärkt: „Für die Musiker ist dies Herausforderung und vielleicht auch Anreiz, in diesem Rahmen aufzutreten. Sie können sich nicht hinter der Technik verschanzen“, sagt Brückner. Sie tituliert sich übrigens als Patchworkerin: „Ein wenig Geld verdiene ich mit dieser Reihe auch.“ Als einzige Verdienstquelle wäre LITL freilich zu wenig.



Freiburger Premiere

Der Stühlinger-Gig wird etwa das 30. Wohnzimmerkonzert, das Brückner organisiert. Es treten auf: der Berliner Folkpoper Boris Klabunde (2. Foto von oben), der Low-Fi-Folker Mirko Köhler (SW-Foto oben) aka Fuse Empire aus Duderstadt sowie die fünf Basler Straßenpoeten James Legeres, deren Pressetext etwas kryptisch klingt.

Klarer dagegen ist der Ablauf des Abends: Einlass ist um 19.30 Uhr, das Konzert beginnt um 20 Uhr. Es folgen zwei Sets á 45 Minuten mit einer Pause dazwischen. Jeder Act spielt jeweils 15 Minuten, immer abwechselnd. Insgesamt spielt jeder Musiker also eine halbe Stunde. „Klabunde und Fuse Empire sind Freunde von mir“, sagt Brückner. „Der Freiburger Gig ist ein Pilotprojekt, deshalb will ich das auch mit Leuten machen, die ich schon kenne.“



Der Gastgeber

…heißt Dirk Hollstein und arbeitet als Webdesigner. Elena Brückner hat er am Rande der documenta kennengelernt. Ursprünglich kommt er aus Kassel, wo er durch Punkrock sozialisiert wurde. Heute ist er Spex-Abonnent.

Er hat seine Wohnungstür unterm Dach der Stürtzelstr. 5 schon einmal für eine ähnliche Veranstaltung geöffnet, Anfang Februar, als Graham Smith vom Tanztheater pvc dort eine Text-Bewegungs-Performance zeigte. „Damals waren 25 Leute da, neun von ihnen saßen hier auf dem Sofa. Es gab Hirschgulasch“, erinnert sich Hollstein.

Nun also Hausmusik. Dem Gastgeber ist dabei auch der Aspekt des konzentrierten Zuhörens wichtig. „Ich war neulich bei einem spanischen Singer-Songwriter in der BeatBar, dem hat keiner richtig zugehört. Das fand ich sehr schade.“



Ob sich die Indie-Hausmusik in Freiburg etabliert? „Das wird sich zeigen. Zeitgenossen aus der Musikszene, die bisher als Veranstalter auftraten, zweifeln an der Zahlungsbereitschaft, auch bedingt durch die hohe Dichte an Konzertveranstaltungen in dieser Stadt."

Immerhin rechnet Hollstein mit 30 bis 35 zahlenden Gästen. Die Nachbarn sind tolerant und eingeladen, die Zither von Hollsteins Großvater liegt schon bereit. „Die Basler Jungs kommen mit Kontrasbass und Schlagzeug. Es könnte eng werden.“



Mehr dazu:

Was: Live in the Living, Wohnzimmerkonzert
Wann: Freitag, 7. November, Einlass ab 19.30 Uhr, Beginn 20 Uhr
Wo: im Wohnzimmer von Dirk Hollstein, Stürtzelstr. 5, 79106 Freiburg
Anmeldung: elena@liveintheliving.de
Eintritt: 11 € (Getränke inklusive)