Wohnen für Hilfe: Günstige WG mit Familienanschluß

Friederike Günter

Um Punkt 17 Uhr steht Samuel vor der Waldorfschule und holt Nicolay ab. Der 28-jährige Student wohnt bei dem Achtjährigen und seiner Mutter Brigitte Koerner und kümmert sich um den Jungen, wenn sie noch bei der Arbeit ist. Im Gegenzug zahlt er eine besonders günstige Miete. Die ungewöhnliche WG ist durch ein Projekt des Studentenwerks entstanden: "Wohnen für Hilfe" hat schon viele solcher nicht alltäglicher Wohngemeinschaften vermittelt. Wie's funktioniert:



Bigitte Koerner ist Redakteurin, alleinerziehende Mutter dreier Kindern und voll berufstätig. Ihre beiden ältesten Kinder sind zwar schon aus dem Haus, aber Sohn Nicolay geht seit diesem Schuljahr auf die Walddorfschule und wird dort am Nachmittag betreut. „Trotzdem ist es keine ideale Situation“, sagt Brigitte Koerner. „Der Hort macht um 17 Uhr zu, am Freitag sogar noch früher, ich kann aber erst um 17 Uhr oder noch einiges später von der Arbeit weg.“ Ein Kollege machte sie auf das Angebot „Wohnen für Hilfe“ des Studentenwerks aufmerksam.


Seit 2002 vermittelt das Studentenwerk günstigen Wohnraum für Studierende gegen Hilfe im Alltag.  „Ein Kollege hatte von einer Aktion in Darmstadt erfahren, wo ältere Menschen günstig Zimmer an Studierende gegen Alltagshilfe vermieten“, sagt Renate Heyberger, Pressesprecherin des Studentenwerks und Mit-Initiatorin des Programms. „Diese Idee übernahmen wir dann, um so neuen, bis dahin ungenutzten Wohnraum für unsere Studierenden zu erschließen.“

Viele ältere Menschen haben unbewohnte Räume, scheuen sich aber Fremde in den Haushalt zu holen. Das Studentenwerk dient hier als Vermittler und wirbt mit dem sozialen Grundgedanken. „Viele Senioren und Seniorinnen brauchen Hilfe bei kleineren Arbeiten im Haushalt oder Garten. Hilfen, für die nicht Pflegedienste in Anspruch genommen werden müssen. Das erledigen dann die Studierenden.“

Obwohl sich das Angebot zunächst ausschließlich an Senioren richtete, kamen schnell andere Anfragen. „Eines Tages rief eine Mutter an und fragte, ob sie auch das Angebot in Anspruch nehmen dürfe“, sagt Nicole Krauße, die das Projekt betreut. Krauße merkte schnell, dass auch  berufstätige und alleinerziehende Mütter in das Wohnen für Hilfe-Programm passen würden, denn oft haben sie Schwierigkeiten, Betreuungsplätze für ihre Kinder für die gesamte Arbeitszeit zu finden. So wie Samuels Vermieterin Brigitte Koerner. Brigitte Koerner zögerte zunächst. „Mein Haus ist sehr offen, es gibt wenig Abtrennwände und kaum Türen. Man muss sich daher gut vertragen. Außerdem muss ich mich auf jemanden verlassen können, sonst steht mein Sohn womöglich buchstäblich im Regen, weil er vor dem Hort vergessen wurde.“

Als sie sich schließlich doch bewarb, gefiel ihr die intensive Betreuung. „Frau Krauße nahm sich viel Zeit für mich. Sie fragte mich im Beratungsgespräch, welche Hilfe ich genau von meinem Mieter erwarte und erstellte dann ein sehr präzises Profil von mir.“ Zunächst hatte sie noch keinen Erfolg. „Ich habe im November begonnen zu suchen. Da hatten fast alle Studierenden schon einen Platz. Und die wenigen Bewerber waren dann leider unpassend.“ Bis sich Samuel meldete.

Der brasilianische Lehramtsstudent ist am 1. April für ein Semester nach Freiburg gekommen, um Germanistik zu studieren. „Ich hatte ziemliche Angst, dass ich hier kein Zimmer finden würde, da ich gehört hatte, wie schwierig die Wohnungssituation in Freiburg ist.“ Also bemühte er sich schon in Brasilien um eine Bleibe und bewarb sich an mehreren Stellen - auch bei „Wohnen für Hilfe“.

Da er kein Photo von sich selbst hatte, schickte er einfach ein Bild von seiner Oma. „Sie ist so eine tolle Frau. Wenn Sie sie sehen, wollen Sie mich vielleicht auch nehmen“, schrieb er in seine Mail. „Ich fand das witzig. Und es war mir sehr sympathisch, dass er als Erstes von seiner Familie erzählt hat“, sagte Koerner. Auch Samuel ist glücklich mit seiner Wahl. „Ich habe bis dahin in einem Studentenwohnheim gewohnt und wollte jetzt wieder in ein familiäres Umfeld. Da fühle ich mich wohler.“

Vor allem überbrückt er für seine Vermieterin die Zeit zwischen 17 und 18 Uhr, holt Nicolay ab, sorgt dafür, dass er was zu essen bekommt, falls er Hunger hat und spielt mit ihm. Das macht er auch außerhalb dieser Zeit gerne. Er hat selbst einen acht Jahre jüngeren Bruder, auf den er früher oft genug aufpassen musste. „Mit Nicolay ist es aber viel einfacher als mit meinem Bruder.“

Allgemein nehmen die Freiburger gerne ausländische Studierende bei sich auf. „Wir haben etwa 2/3 deutsche Bewerber und 1/3 ausländische, aber die Vermittlungsquote ist bei beiden 50 %“, so Krauße. „Ich bekomme fast nur positive Rückmeldungen und äußerst selten will jemand das Mietverhältnis vorzeitig beenden.“ Das erklärt sie mit zwei Faktoren: „Zuerst kläre ich im Vorfeld die Rahmenbedingungen sehr genau, damit sich die passenden Studierenden auf die jeweiligen Angebote melden. Außerdem gibt es nach einem ersten persönlichen Kennenlernen keinen Zwang zum Vermieten oder Mieten. Die Chemie muss zwischen allen stimmen.“

Die Mietkosten auch sehr individuell geregelt. „Die Bedürfnisse und Wohnsituationen sind so unterschiedlich, dass sie sich in den unterschiedlichen Mieten widerspiegeln. Dennoch wohnen die Studierende immer günstig in Freiburg und Umgebung. Das ist uns wichtig.“ Als Faustregel nennt das Studentenwerk auf seiner Website ein bis zwei Stunden Hilfe im Monat, je nach Ausstattung und Tätigkeit, für einen Quadratmeter Wohnraum. Dazu kommt eine Pauschale für die anteiligen Nebenkosten.

„Die Miete spielt bei vielen Bewerbern aber oft eine untergeordnete Rolle", sagt Nicole Krauße. "Viele entscheiden sich für diese Art des Zusammenwohnens, weil ihnen die soziale Komponente so sehr gefällt. Einige haben vor ihrem Studium ein freiwilliges Soziales Jahr geleistet oder sind auf eine andere Weise gesellschaftlich engagiert.“ Und viele Vermieter sind nach den ersten Erfahrungen mit ihren studentischen Mitbewohnern so begeistert, dass sie immer wieder an Studenten vermieten.

Immatrikulierte Studenten der Freiburger Uni und Hochschulen können sich von Nicole Krauße registrieren lassen und erhalten dann ein Passwort, mit dem sie aktuelle Angebote von "Wohnen für Hilfe" online abfragen können. Im Moment gibt es circa 20 Angebote. Vor allem während des Semesters stehen die Chancen gut, ein Zimmer zu finden, da dieses Angebot nicht an Fristen gebunden ist, sondern das ganze Jahr über besteht.

Mehr dazu:

Wohnen für Hilfe
Studentenwerk Freiburg
Nicole Krauße
Schreiberstr. 12 – 16
79098 Freiburg
0761.2101-353
krausse@studentenwerk.uni-freiburg.de  
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