Wölfe begeistern sich und ihre Fans

Dirk Philippi

Hockey´s back in town! Über 2000 Zuschauer schrieen sich vor Erregung die Seele aus dem Leib, faire und unfaire Checks krachten durch die Franz-Siegel-Halle, Gästespieler entgleisten mit Stinkefingern, 110 Strafminuten hagelte es vom Schiedsrichter und feinste Puckstafetten sicherten den Wölfen Freiburg einen in jeder Hinsicht sehenswerten 7:2-Erfolg gegen den frustrierten Tabellenführer aus Bad Tölz (Foto: ice-wolf.de).



„Ein geiles Ding!“, jauchzte Sekunden nach Spielende ein Wölfe-Fan vollkommen erschöpft, aber zufrieden. Kurz zuvor hatte er mit seinen Mitstreitern die Tölzer Star-Truppe samt Cheftrainer Axel Kammerer in deren Kabine gebrüllt, um darauf die Helden in blau-weiß-rot frenetisch zu feiern. Der Sieg gegen den davongeeilten Ligenprimus war nicht nur immens wichtig, er war mehr als das - ein Zeichen, wohin die Reise gehen soll, und ein Sammelsurium an Geschichten:


Der Schleudertrauma-Check

Fünf Minuten und 42 Sekunden lang sahen die Wölfe Freiburg gegen die Tölzer Löwen keine Sonne. Kadera, Vozar, Mares & Co. spielten Fehlpässe, retteten in Unterzahl mit Müh und großer Not das Unentschieden und stolperten wie zuletzt verunsichert über das Eis.

Dann kam Adam Spylo zu seiner ersten Eiszeit in der vierten Reihe. Spylo schoss aufs Tor, verpasste den Nachschuss und folgte dem Puck in die Ecke. Dort blieb der ECT-Verteidiger Roman Göldner stehen, als Spylo seitlich anrauschte. Es krachte, Göldner wurde von über zwei Zentnern Muskel- und Fleischmasse gecheckt, flog rückwärts und donnerte mit dem Hinterkopf gegen die Bande. Diagnose: Schleudertrauma. Ein typischer „Nittel“, der allerdings aufgrund des Anlaufs und der Distanz von Göldner zur Bande vollkommen zu Recht mit einer Spieldauerstrafe geahndet wurde.

Die Protagonisten dazu: „It was a clean hit. We are all professional hockey players”, analysierte Spylo, der fortan mit seiner hübschen Begleiterin vom C-Block aus sein Team anfeuerte. „Das war schon ein Ding, aber jetzt ist es wieder ganz okay“, zeigte sich Roman Göldner hernach weitestgehend wiederhergestellt. „Eigentlich ein sauberer Check, wie mir gerade auch Axel Kammerer versichert hat“, stellte schließlich Peter Salmik fest. In der Geschichte des Spiels bildete dieser überharte Körperangriff jedenfalls den Türöffner für das Wölfe-Spiel. 12 Sekunden nach der Spylo-Strafe begann der Torreigen mit dem insgesamt neunten Unterzahltreffer von Petr Mares und die Freiburger waren hellwach in diesem packenden Fight angekommen.

Die B-Block-Laola

Die folgenden zehn Minuten spielten die Wölfe beinahe durchgehend in Unterzahl und die Fans zeigten, wofür sie einst so berüchtigt waren: Jeder Körperkontakt wurde laut, ekstatisch und gestenreich kommentiert, der Gegner gnadenlos ausgepfiffen und der Schiedsrichter gebuht. Absoluter Höhepunkt der Schiri-Schelte war schließlich die Sitzplatz-Laola im B-Block, als Stascha Ninkov, der Unparteiische, mit Adam Borzecki endlich auch einen Gästespieler zur Abkühlung schickte.

Die polnische Kopf-ab-Attacke

3:0 stand es zur Pause für die Freiburger, Robert Hoffmann hatte nach seinem Schlagschuss, den Kapitän Patrick Vozar in die Maschen abfälschte, einen eingesprungenen Sachsenjubel kreiiert und Petr Mares kurz vor Drittelende blitzsauber nachgelegt, als nach Wiederbeginn in der 25. Minute erneut Adam Borzecki, die Strafzeitenmaschine in Diensten der Tölzer Abwehr, zum schmutzigen (weil mit Schläger als Waffe) Höhepunkt des Abends ansetzte:

In der neutralen Zone gleitet der Pole auf Wölfe-Stümer Josef Kottmair zu und als die Halle mit einem wuchtigen Check rechnet, reißt er im letzten Moment seinen Schläger querhoch, als wolle er den erst jüngst Wiedergenesenen Kottmair skalpieren. Die folgende Zwangsdusche nutzte der starke Vozar zur 4:0-Vorentscheidung.

The Return of the Virta

Dass die Qualitäten des Wölfe-Verteidigers Turo Virta mehr in der Offensive als im Abwehrverhalten liegen, war bereits bekannt, als man den Finnen aus Weiden in den Breisgau holte. Dass er allerdings teilweise so verunsichert und geradezu verwirrt auftritt wie über weite Strecken der Saison, das erschreckte doch sehr. Umso mehr glänzten gestern nicht nur seine Augen, als er nicht unverdient zum Spieler des Abends gekürt wurde. Ein Tor und drei Assists steuerte der sensible Skandinavier zum großen Spiel der Wölfe bei und als ein Pressevertreter nach Spielende ein „Virta ist wieder da!“ ausstieß, nickten die Umherstehenden richtigerweise zustimmend.

Die Überzahl-Maschine

Es sind viele Faktoren, die letztlich über einen Aufstieg in die 2. Eishockey-Bundesliga entscheiden können. Torhüter, Defensive, Kontingentspieler, Wille und vieles mehr. Doch was die Vergangenheit zeigt, ist der Umstand, dass zahlreiche Playoff-Spiele in Special-team-Situationen entschieden wurden. Und in diesem Sinne zeigten sich die Wölfe gegen die Tölzer Löwen von ihrer leckersten Sahneseite.

Sechs Tore fielen in Überzahl (eines in Unterzahl) und kein einziges musste man während neun Unterzahlsituationen hinnehmen. Der Puck zirkulierte ordentlich, Petr Mares und Roman Kadera sortierten das Geschehen und die Verteidiger schossen im richtigen Moment. Gerade der tschechische Puckschamane Kadera macht aus dem Freiburger Überzahlspiel wieder eine effektive Waffe.

Die Zwei-Mann-Verteidigung

“So etwas habe ich noch nie erlebt“, klagte Axel Kammerer, der Tölzer Cheftrainer, nach Spielschluss. Mit sechs Verteidigern waren die Bayern angereist, von denen sich bis zum Ende einer nach dem anderen verabschiedete bzw. verabschieden musste. Roman Göldner fiel verletzt aus, Adam Borzecki ging Duschen, Florian Kirschbauer bekam nach einem Check gegen den Kopf eine Disziplinarstrafe und als Kammerer dann auch noch Marc St. Jean aus dem Spiel nahm, nachdem dieser Freiburger Spieler wie Freiwild wegfoulte, blieben in den letzten neun Minuten noch zwei wackere Bayern-Verteidiger übrig.

„Weißt Du jetzt, wer Kadera ist?“

Axel Kammerer nimmt den Mund gerne etwas voll, mimt dann aber wieder den schmeichelnden Schwiegersohn und erinnert insgesamt irgendwie an die Anekdote des TV-B-Promis Fritz Egner, der vor der Münchner Edeldisko P1 steht und mit sich wiederholenden „Ich bin doch der Egner, mich kennt man!“-Rufen um Einlass bittet. Wen wiederum Kammerer - nach eigener Aussage in der heimischen Presse - nicht kannte, war der mehrfache tschechische Nationalspieler und Hockeyzauberer Roman Kadera („Kadera? Sagt mir überhaupt nichts!“).

Nach dessen trotz müdem Beginn insgesamt starken Spiel und dem Copperfield-Tor in der 55. Minute, als er die Scheibe wie von Geisterhand geführt durch drei Tölzer Gegner hindurch und am verdutzt gaffenden Torwart vorbei bugsierte, ergoss die Freiburger Nordkurve eine LKW-Ladung Hohn und Spott über den ungeliebten Gästetrainer: „Weißt Du jetzt, wer Kadera ist?“

Die Hockey-Rüpel

Trotz der bitteren Demontage hatte sich Axel Kammerer äußerlich noch richtiggehend im Griff. Anders einige seiner Spieler (Florian Kirschbauer!), die die Contenance doch gänzlich vermissen ließen und peinlicherweise der Zuschauerschar mehrfach ihre Stinkefinger zeigten. Doch wie sprach einst Bertold Brecht: „Am schönsten ist die Freude über einen Sieg, wenn sich der verhasste Gegner noch so richtig ärgert!“

Das Zeichen

Das gestrige Spiel der Wölfe gegen den Tabellenführer darf man getrost als Zeichen für die Zukunft nehmen. Egal, wie die folgenden Spiele ausgehen werden und von welchem Platz aus man in die Playoffs starten wird: Die Mannschaft der Wölfe Freiburg unter Erfolgstrainer Peter Salmik hat gestern bewiesen, dass sie Playoff-Hockey spielen kann und will.

Die Pressekonferenz: