Wo rockt's: LinieZwei im E-Werk

Manuel Lorenz

Wer besucht eigentlich noch klassische Konzerte? Allem Anschein nach doch nur noch spießige Bildungsbürger, prestigesüchtige Allgemeinärzte und verstaubte Oberstudienräte. Und natürlich nerdige Musikstudenten, die schon in der Grundschule jene Stunden am Klavier verbrachten, die andere am Game Boy verdaddelten. Lang ist’s her, dass Alex, der jugendliche Hauptdarsteller aus Stanley Kubricks "Uhrwerk Orange", zu Beethovens Neunter Symphonie rockte. Um auch ein junges Publikum anzusprechen, hat der SWR die Veranstaltungsreihe "LinieZwei" ins Leben gerufen. Manuel erklärt worum es geht.



Um einerseits Räng-Teng-Cowboys, Kamikaze-Piloten und Crash-Chaoten mit klassischer Musik in Berührung zu bringen und andererseits die Seh- und Hörgewohnheiten der Konzerthaus-Gänger herauszufordern, hat der SWR Sinfonieorchester die „LinieZwei“ ins Leben gerufen.


An vier späten Abenden soll im E-Werk versucht werden, E (Ernst) und U (Unterhaltung) sinnvoll zusammenzubringen. Der Clou: Im Anschluss an die Konzerte beschallen – so die Homepage – „Klangexperten mit Mut zum Grenzübertritt“ das Foyer des ehemaligen Elektrizitätswerks. Rachmaninoff on the rocks? Die „Klassik Lounge“ macht’s möglich.

Wie so etwas aussehen kann, zeigt seit Jahren die so genannte Yellow Lounge. In regelmäßigen Abständen veranstaltet das altehrwürdige Klassik-Label Deutsche Grammophon in namhaften Clubs wie dem Berliner Berghain oder dem Frankfurter Cocoon spätabendliche Kammerkonzerte mit illustren Stars wie Lang Lang, Mischa Maisky oder dem Emerson String Quartett.

Beim anschließenden DJ-Set gibt es – zu Bierchen, Kippe, Plausch und Flirt – gnadenlos Klassik auf die Ohren: Bach trifft Ligeti, Monteverdi wird mit Cage bekannt. Ähnlich konzipiert und vergleichbar erfolgreich sind in Zürich die Tonhalle late und in Hamburg die Veranstaltungsreihe  Phil & Chill – nur dass hier die Party nicht ausgelagert wird, sondern im Foyer des jeweiligen Konzerthauses stattfindet.



Die Freiburger LinieZwei dürfte unvorhersehbarer und vielseitiger als die genannten Veranstaltungen ausfallen. Den Anfang macht kommenden Freitag der renommierte Karlsruher Komponist Wolfgang Rihm.

Inwiefern sein Stück „Über die Linie II“, das er 1999 eigens für den Freiburger Klarinettisten Jörg Widmann (Bild unten) geschrieben hat, musikalische und körperliche Grenzen überschreitet, werden Rihm und Widmann zuvor mit Sylvain Cambreling, dem Hausdirigenten des SWR Sinfonieorchesters, diskutieren.

Der Rest des Abends gehört Candy’s Galactic Lounge – die hoffentlich zeitgemäßer ausfällt, als ihr altbackener Name. Mastermind des Projekts ist der Rihm-Schüler Andreas Raseghi, der zuerst klassisch komponierte, dann herumjazzte, um sich zuletzt auch elektronischen Geschichten wie dem Deep-House zu widmen. Übermorgen wird er danach fragen, was die Welt des Popjazz sowie der Film- und Tanzmusik mit den arrivierten Komponisten der Neuen (klassischen) Musik verbindet.



An den übrigen drei Abenden werden wir in blaues Licht getauchte, maskierte Musiker sehen, mit Gershwins „Rhapsody in Blue“ ins New York der 1920er versetzt werden und herausfinden, wie’s Wagner in Jordanien ergangen wäre.

Der Berliner Pianist und DJ Christoph Grund wird die „Klassik Lounge“ mit Ives, Cage und Satie musikalisch einrichten und Joachim Haas vom SWR-Klangstudio das E-Werk in jazzige Großstadtklänge hüllen.

„Rock me Amadeus“? Vielleicht ja schon am kommenden Freitag.

Mehr dazu:


Was: Wolfgang Rihm, „Über die Linie II“ - Moderiertes Werkstattkonzert mit dem Komponisten mit Jörg Widmann, Klarinette und dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Dirigent: Sylvain Cambreling
Wann:Freitag, 13. Februar 2009, 21 Uhr, E-Werk Freiburg
Tickets:15 Euro (ermäßigt: 10 Euro); der Eintritt zur Klassik Lounge ist frei, die Bar geöffnet


Weitere Termine:

  • Mittwoch, 25. März 2009 - Vox Balaenae
  • Mittwoch, 20. Mai 2009 - Rhapsody in Blue
  • Dienstag, 7. Juli 2009 - Rosa Silber