Wird der Obstladen von Tevabil Özdin boykottiert, weil er Muslim ist?

Joachim Röderer & Uwe Mauch

Wird sein Obstladen am Freiburger Münster boykottiert, weil er Muslim ist? Der Vorwurf von Tevabil Özdin wiegt schwer – und birgt reichlich Sprengstoff. Auch der Gemeinderat diskutiert das Thema.



Für Tevabil Özdin, den Obst- und Gemüsehändler vom Münsterplatz, steht die Entscheidung fest. Er will so schnell als möglich den kleinen Laden am Historischen Kaufhaus abgeben, den er erst im vergangenen November übernommen hat: "Ich muss gesund werden", sagt er. Zugesetzt haben ihm fremdenfeindliche Äußerungen von ein paar wenigen Kunden. "Frommen Christen", so wurde er im Rundfunk zitiert, würde es nicht passen, dass ein Muslim nun den alteingesessenen Laden führe. Pauschalisieren will er die Vorwürfe aber auf keinen Fall. Er habe auch sehr viele Stammkunden, die für die Kirche arbeiteten, sagte er am Dienstag.


Von den Kunden im Laden gebe es viel Zuspruch, viel Aufmunterung. Einer seiner Stammeinkäufer hat sogar ein Solidaritätsbuch mitgebracht, in dem sich schon viele Unterstützer eingetragen haben. Tevabil Özdin hofft, dass er bald einen Nachfolger findet, der seinen Fünfjahresvertrag übernimmt.

Verlust an Qualität?

Es gibt Diskussionen, auch die BZ erreichen Zuschriften im Internet und per Post. Die einen loben das Engagement Özdins, sehen aber trotzdem einen, wenn auch nur kleinen Verlust an Qualität im Laden im Vergleich zu Vorgänger Schwörer. Andere widersprechen da vehement. Tevabil Özdin selbst sagt nur: "Ich kaufe beim gleichen Lieferanten wie Herr Schwörer." Das Sortiment hat er leicht verändert: Alkohol und Zigaretten gibt es beim neuen Betreiber nicht mehr.

Özdins im Südwestrundfunk gesendetes Zitat zu den "frommen Christen" hat in der direkten Nachbarschaft für Irritationen gesorgt, wie Robert Eberle, der Sprecher des Erzbistums, zugibt: "Das klingt so, als hätte die Kirche etwas gegen ihn." Dem sei aber nicht so. Im Gegenteil: Eberle selbst ist zufriedener Stammkunde wie andere Mitarbeiter des Ordinariats auch. Und die Haushalte der Bischöfe an der Herrenstraße versorgen sich regelmäßig im Laden am Münsterplatz und sorgen für Umsatz. Eberle: "An der Kirche kann es nicht liegen."

Hauptausschuss debattiert

Seit 25 Jahren kauft Martina Feierling-Rombach in dem Obstladen ein – beim Vorbesitzer wie bei seinem Nachfolger. Die langjährige Stadträtin hofft, dass der kleine Laden überlebt. "Es ist ein großer Komfort, alles an einem Platz zu bekommen", sagt sie. Natürlich sei es nicht einfach und es erfordere eine große Anstrengung: "Herr Schwörer hat eben sehr große Fußstapfen hinterlassen". Eng mit dem Umsatz sei es in dem Geschäft von jeher gewesen. Die ganze Debatte hält sie insgesamt für überzogen.

Der tatsächliche oder vermeintliche rassistische Boykott hat auch den Hauptausschuss des Gemeinderats erreicht. In seiner Sitzung am Montagabend forderte SPD-Fraktionschefin Renate Buchen den Oberbürgermeister zu einer Stellungnahme auf. Doch Dieter Salomon tat sich schwer. "Es ist doch billig, dass wir uns für Religionsfreiheit und gegen Rassismus aussprechen. Oder ist hier jemand gegen Religionsfreiheit und für Rassismus?"



Der Südwestrundfunk habe das Thema "hochgefahren ohne Belege". Der Radiobeitrag beruhe auf Behauptungen. "Es ist unklar, ob Herr Özdin wegen Fremdenfeindlichkeit geschäftliche Probleme hat." Bei Vorgänger Schwörer einzukaufen, sei ein Erlebnis gewesen. Tevabil Özdin hingegen sei eher zurückhaltend. Vielleicht, spekulierte Salomon, vermissten manche Kunden nun das Event. Hohe Qualität lieferten sowohl Schwörer als auch sein Nachfolger. Dass es Spinner gebe, die fremdenfeindliche Sätze losgelassen haben, hält Salomon für sehr wahrscheinlich. Zweifel hat er indes, ob das die Ursache für den Umsatzeinbruch ist.

Auch die Miete sei nicht der Grund, versicherte Bruno Gramich, neuer Leiter des Liegenschaftsamtes. Die Stadtverwaltung als Vermieterin habe den Preis im Vergleich zum Vorgänger vervierfacht, sagte unwidersprochen Stadtrat Michael Moos (Unabhängige Listen). Doch laut Gramich, der zur Miete keine Angaben machen wollte, war die Miethöhe weder in den Vertragsverhandlungen noch später ein Thema. Sie liege immer noch unter dem untersten Rand für 1a-Lagen. Allerdings: Tevabil Özdin habe schon sehr früh von fremdenfeindlichen Äußerungen berichtet. "Das hat ihn sehr betroffen gemacht." Früh habe der neue Inhaber schon über einen Ausstieg aus dem Vertrag nachgedacht. Die Miete sei nicht das Problem, die sei akzeptabel, erklärte er auch am Dienstag noch einmal.

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  [Foto 1: Michael Bamberg; Foto 2: Marius Notter]