"Wir wollen uns dem widmen, was wehtut": Interview mit Michael Fischer vom Zentrum für Populäre Kultur und Musik

Manuel Lorenz

Das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg heißt ab sofort Zentrum für Populäre Kultur und Musik! Wir haben den Geschäftsführenden Direktor Michael Fischer gefragt, ob ihm der alte Name zu angestaubt war und ob er demnächst über den Einfluss von Herbert Grönemeyer auf Tim Bendzko forscht:



Herr Fischer, 100 Jahre lang hieß Ihr Institut „Deutsches Volksliedarchiv“. Jetzt nennen Sie sich plötzlich „Zentrum für Populäre Kultur und Musik“. Klang Ihnen Ihr alter Name zu verstaubt?

Ja. Die Umbenennung hatte einen ganz langen Vorlauf. Im Grunde sind wir schon seit fünf Jahren dran. Sie hat einen wissenschaftlichen Grund. Der Begriff „Volkslied“ ist ja problematisch, ideologisch aufgeladen und bildete auch nicht ab, was wir forscherisch machen. Der Begriff „Archiv“ stimmte auch nicht, denn wir sind gar kein richtiges Archiv. Wir haben zwar verschiedene Sammlungen, sind aber zunächst ein Forschungsinstitut. Wir beschäftigen uns ja im Kern seit der Gründung vor 100 Jahren mit der Musik der Vielen. Und das ist – das bestätigt die alltägliche Erfahrung immer wieder – die populäre Musik in ihrer Breite.

Was ist für Sie populäre Musik?

Das kann ein Volkslied sein, dass kann Blasmusik oder ein Chorstück sein. Aber in der Hauptsache handelt es sich um die medial vermittelte Musik – seit 1950 die US-amerikanische beziehungsweise anglophone Rock- und Popmusik.

Nun ist Freiburg ja kein Epizentrum populärer Kultur und Musik.

Das stimmt. Für den Wissenschaftsbetrieb ist das aber nicht relevant. Wir machen ja keine praktische Ausbildung. An der Popakademie in Mannheim können Sie Popmusikmanagement, E-Gitarre oder Popgesang lernen. Wir hingegen sind eine kulturwissenschaftliche Einrichtung. Und die Neuentwicklung bedeutet nicht, dass das Volkslied durch Popmusik abgelöst wird, sondern die Öffnung zu allen Formen populärer Musik.

Gehört da auch der deutsche Jazzschlager dazu, den Musiker wie Götz Alsmann wieder popularisiert haben?

Da müssen Sie zwischen Theorie und Praxis unterscheiden und die Institutsgröße bedenken. Das interessiert uns schon, aber das heißt nicht, dass wir alle diese Bereiche flächendeckend erforschen können. Das geschieht natürlich immer punktuell. Ich habe gestern eine Vorlesung über Musikwirtschaft gehalten, heute Morgen ging es um Liedflugschriften des 17. Jahrhunderts. Das ist wie bei einem Deutschen Seminar an einer Universität. Das kann ja auch nicht alle Erscheinungen der deutschen Literatur erforschen.

Aber es wäre denkbar, dass Sie den Einfluss von Herbert Grönemeyer auf Xavier Naidoo und Tim Bendzko untersuchen.

Unbedingt. Wir wollen uns ganz entschieden dem Mainstream zuwenden und uns insgesamt dem widmen, was wehtut. All das, was ästhetisch abgewertet wird oder auf das viele herabschauen – gerade in akademischen Kreisen.

Zum Beispiel?

Denken Sie an den kommerziellen Erfolg von Andrea Berg und Helene Fischer. Da geht’s nicht darum, ob einem das gefällt oder das gute Musik ist, sondern darum, es als kulturelles Phänomen wahrzunehmen. Zum Beispiel wäre es interessant zu untersuchen, wie sich die Publica dieser beiden Künstlerinnen unterscheiden – was man schon sieht, wenn man ihre Sendungen anguckt.

Und zwar?

Ich glaube, dass sich über die Ästhetik, die diese beiden Frauen mit ihrer Musik und Erscheinung vermitteln, unterschiedliche soziale Schichten angesprochen werden. Helene Fischer mehr in dem Milieu, das Musical goutiert und das, was man früher gepflegten Schlager genannt hat. Andrea Berg ist bodenständiger.

Wie kommen Sie in Ihrem Institut auf Ihre Themen?

Das sind einerseits aktuelle Forschungsfragen, zudem kommt es immer darauf an, in welchen Forschungstraditionen man selbst steht. Ich mache jetzt gerade ein Buch fertig, das „Religion, Nation, Krieg“ heißt, und da geht es um die Rezeption des Lutherchorals „Ein feste Burg ist unser Gott“ im Ersten Weltkrieg als Kriegspropaganda.

Kann man von solchen Themen aus auch die Brücke zur populären Musik von heute schlagen?

Bei der jetzigen Lehrveranstaltung zu Liedflugschriften im 17. Jahrhundert ging es um ein Lied mit dem Titel „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“. Und da hab’ ich für die Studierenden auch zwei aktuelle Beispiele herausgesucht und auf YouTube vorgeführt: Das eine war der Folksänger Ulf Schröder mit Gitarre, das andere die Gothic-Metal-Band „Leichenwetter“. Beide haben das Lied auf ihre zeitgenössische Art interpretiert. Eine gute Karriere für ein Barocklied, wie ich finde.

Was nützt mir als stinknormalem Freiburger Bürger Ihr Institut?

Das Feld der Populärkultur beziehungsweise -musik ist ein riesiger Markt mit riesiger Bedeutung für die Sozialisation und Identitätsbildung junger Menschen. Dazu forschen wir. Und dazu soll es nicht nur eine Ausbildung geben, wie die Popakademie in Mannheim das vorbildlich macht, sondern auch Reflexionsinstanzen. Das ist der Platz, den wir in Baden-Württemberg besetzen. 

Zur Person

Michael Fischer wurde 1968 in Heidelberg geboren. Er lebt und arbeitet in Freiburg. Am Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Universität ist er als Geschäftsführender Direktor tätig. Fischer hat Geschichte und Theologie studiert und wurde in den Fächern Theologie (Universität Freiburg) und Literaturwissenschaft (Universität Bielefeld) promoviert.



Mehr dazu:

[Foto 1: Patrick Seeger / Universität Freiburg; Foto 2: Privat]