"Wir lieben den Begriff Dokuschlampen": Interview mit den Macherinnen der Sibylle-Berg-Doku

Kathrin Müller-Lancé

Sibylle Berg ist nicht nur Roman- und Theaterautorin, sondern, seit Neuestem, auch Filmstar. Wer die Madame Terrible der deutschen Gegenwartsliteratur schon mal gesehen hat, weiß: Das musste so kommen. Diese grazile Nonchalance, dieser herrlich verwirrende Dada-Humor – wie gemacht für die große Leinwand. Die Doku "Wer hat Angst vor Sibylle Berg" läuft gerade im Friedrichsbau, an diesem Dienstagabend kommen die Macherinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier zum Filmgespräch:



Sie haben ein Jahr lang die Schweizer Schriftstellerin Sibylle Berg mit der Kamera begleitet. Herausgekommen ist der Dokumentarfilm „Wer hat Angst vor Sibylle Berg?“. Hatten oder haben Sie beide denn Angst vor Sibylle Berg?

Sigrun Köhler: Wir? Nö! Oder, vielleicht...

Wiltrud Baier: Wir haben gehört, dass es durchaus Menschen gibt, die sich vor Sibylle Berg fürchten – vor allem Männer. Außerdem mögen wir gerne Titel, die ganz verschiedene Ebenen haben. Man denkt zum Beispiel gleich an das berühmte Theaterstück „Wer hat Virgina Woolf“, das zeigt die Verbindung Sibylle Bergs zum Theater.

Man denkt an das Kinderspiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ – Sibylle trägt immer schwarz. Und dann gibt es natürlich noch die Angst vor dem, was sie schreibt. Sie guckt genau auf die Abgründe unserer westlichen Welt, auf die Endlichkeit des Seins.

Sibylle Berg schreibt Kolumnen, Bücher und Theaterstücke. Wie kamen sie auf die Idee, nicht eine Geschichte von ihr, sondern die Autorin selbst zu „verfilmen“?

Baier: Uns ist aufgefallen, dass in den meisten Dokumentarfilmen die Protagonisten alte Herren sind. Seltsam! Deshalb wollten wir unbedingt einen Dokumentarfilm über eine Frau machen.

Köhler: Mitten in diese Überlegungen platze dann ein ehemaliger Kameradozent herein, mittlerweile 90 Jahre alt. Er rief uns an und sagte: Ihr müsst einen Film über Sibylle Berg drehen.

Er hatte die Autorin zuvor auf einem SPIEGEL-Foto gesehen – mit ihren roten Haaren und ihrer Pose geradezu ikonografisch anmutend. Wir waren gleich beeindruckt, auch und gerade von ihrer Lebensgeschichte: Flucht aus der DDR, viele Schwierigkeiten, dann der rasante Aufstieg in der Literatur...

Die Autorin gilt als unnahbar. Konnten Sie sie gleich von ihrem Vorhaben überzeugen?

Köhler: Wir haben sie kontaktiert mit einem handgeschriebenem Brief.

Baier: Auf wunderschönem Briefpapier, aus Paris, wahnsinnig teuer, in einzelnen Bögen. Zwei Tage später kam dann eine Mail von Sibylle Berg, das Briefpapier habe ihr gefallen. Der Mailwechsel, der dann folgte, machte sie immer interessanter für uns: an sich schon eine eigene literarische Form, toll formuliert, immer auf den Punkt. Es war ja zunächst auch für uns ein Wagnis, einen Film zu machen mit einer einzigen Protagonistin, auf die man sich ganz verlassen muss.

Und, hat das funktioniert?

Baier: Es ist jedenfalls ein Film geworden.

Köhler: Natürlich ist es eine Herausforderung, einen Film zu machen über eine Schriftellerin, deren Arbeit vorwiegend im Tippen besteht. Und je mehr wir uns mit Sibylle Berg beschäftigt haben, desto mehr Vorurteile sind uns begegnet: „Schwierig, unzugänglich, gnadenlos“.

Baier: Umso überraschter waren wir, als wir die Schriftstellerin als Menschen kennenlernten. Sie ist ungeheuer lustig und schlagfertig, schnell im Kopf. Die Aura der Angst, die sie umgibt, will unser Film ein bisschen abbauen.

Ihr Film soll kein klassisches literarisches Porträt sein. Sondern?

Köhler: Eher ein Experiment zwischen Distanz und Nähe. Wie nah darf man in einem Dokumentarfilm jemandem kommen? Wir haben Sibylle Berg ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. Weil sie das nicht immer ganz so gern hatte, und natürlich viel arbeiten musste, gab es meist etwa drei Monate Pause zwischen den Drehs.

Baier: Aber wenn sie dann mit uns gearbeitet hat, hat sie alles gegeben. Wir waren mit ihr auf Häusersuche und bei Treffen mit Freunden wie Olli Schulz oder Katja Riemann. Auch ihr preisgekröntes Theaterstück „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ haben wir von der Textarbeit über die Proben bis zur Premiere verfolgt.

Nach einem Jahr Zusammenarbeit bezeichnet Sibylle Berg sie beide als „Dokuschlampen“. Darf man das als Kompliment verstehen?

Baier: Das darf auf jeden Fall nur Sibylle Berg zu uns sagen – wieder mal so eine schöne Wortschöpfung von ihr.

Köhler: Wir nennen das die „Poesie der Kraftausdrücke“. Das hat sowohl etwas Skeptisches als auch etwas Liebenswertes. Wir haben sie ja geradezu mit der Kamera verfolgt, klar nervt das auch ein bisschen. In den „Dokuschlampen“ schwingt gleichzeitig Nähe und eine etwas abwehrende Haltung mit – deshalb lieben wir diesen Begriff sehr.

Video: Wer hat Angst vor Sibylle Berg? Trailer



Zu den Personen



Sigrun Köhler und Wiltrud Baier, beide 1967 geboren, arbeiten seit 16 Jahren als „Böller und Brot“ zusammen. Sie haben an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der künstlerische Dokumentarfilm (Buch, Regie, Kamera, Schnitt). Für die Stuttgart-21-Doku „Alarm am Hauptbahnhof“ erhielten sie 2012 den Grimme-Preis.

Mehr dazu:

Was: „Wer hat Angst vor Sibylle Berg?“, anschließend Filmgespräch mit den Regisseurinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier
Wann: Dienstag, 3. Mai 2016
Wo: Friedrichsbau, Freiburg [Foto: Böller und Brot/ZVG]