Wie zwei Flüchtlingen meine Flädlesuppe nicht schmeckte - und wir trotzdem Freunde wurden

Alexander Schumacher

Wie lernt man Flüchtlinge kennen? Indem man für sie kocht und mit ihnen isst! Das ist die Idee dreier Freiburger, die die Plattform zusammenessen.de gegründet haben. Unser Autor Alex Schumacher hat für Ahmed und Mustafa aus dem Irak Flädlesuppe gekocht. Geschmeckt hat's ihnen nicht - Freunde sind sie jetzt trotzdem.



Was kocht man für jemanden, der neu in Deutschland ist und den man nicht einmal kennt? Etwas typisch Deutsches? Sind Spaghetti mit Tomatensoße nicht auch typisch deutsch? Bevor wir unsere Einladung auf zusammenessen.de stellen, diskutieren meine Freundin Lisa und ich lange über das Menü. Irgendwann entscheiden wir uns dann für eine Flädlesuppe und selbstgemachte Ravioli. Die Pasta steht für Lisas italienische Familie, die badische Suppe für meine.


Ist das zu angestrengt? Egal. Jetzt noch einen netten Einladungstext und eine Beschreibung, wer wir sind, in die Maske eingeben. Ach ja, natürlich das Ganze ins Englische übersetzen und zur Sicherheit auch noch ins Französische. Dann können wir unsere Einladung abschicken. Einige Stunden später erscheinen sie auf der Website, wir sind offiziell Gastgeber auf zusammenessen.de. Hoffentlich meldet sich jemand.

Johanna Dangel, Leonora Lorena und Sophia Maier arbeiten und studieren in Freiburg und gehören zum engeren Kreis derjenigen, die hinter zusammenessen.de stehen. „Wir möchten mit der Webseite vor allem Leute ansprechen, die sich für Flüchtlinge einsetzen wollen, denen aber ein zeitaufwendiges Ehrenamt zu viel ist“, sagt Johanna. Vorbild sind die „Welcome Dinners“ in Hamburg, bei denen Deutsche Flüchtlinge zum Abendessen einladen. Dort werden Gastgeber und Gäste von Freiwilligen zugeteilt. „Wir wollten das aber offener und weniger aufwendig haben“, sagt Johanna. Auf zusammenessen.de suchen sich deshalb die Flüchtlinge ihre Gastgeber selbst aus. „Es ging uns auch darum, dass das ganze keinen Rattenschwanz hat. Idealerweise entstehen durch die Treffen neue Freundschaften. Aber wenn es nicht passt, dann eben nicht“, erklärt Sophia.

Mustafa trinkt Cola, Ahmed trinkt Alkohol

Mit einer automatischen Mail von zusammenessen.de melden sich Mustafa und Ahmed für unser Essen an, darin steht eine Handynummer und dass sie Arabisch und ein wenig Englisch sprechen. Wir nehmen Kontakt auf und einigen uns , dass ich die beiden von der Freiburger Erstaufnahmestelle abhole. Die beiden wohnen seit drei Monaten in der Zeltstadt auf dem Gelände der Polizeiakademie.

Zuerst stellt sich Mustafa vor, er grinst nervös und mustert mich. Wir schütteln Hände, dann begrüßt mich Ahmed. Auch er sieht aufgeregt aus, wirkt etwas unsicherer als sein Freund. Ich frage auf Deutsch, wie es ihnen geht, doch Mustafa legt seine Handflächen aneinander und bittet mich lächelnd, Englisch zu sprechen. „Deutsch ist sehr schwer. Du bist unser erster Freund in Deutschland“, sagt er. Während wir im strömenden Regen zum Auto laufen, sagt er: „The weather is very nice“ und lacht. Im Irak hat Ahmed auf Baustellen gearbeitet, Mustafa war Kunststudent.

In der Wohnung angekommen, biete ich Getränke an. Mustafa entscheidet sich für Cola, Ahmed für Weißwein. Weil ich sichergehen möchte, frage ich wohl einmal zu oft, ob Ahmed Alkohol trinkt. Die beiden schauen sich irritiert an. Gar nicht so einfach, auf andere Gewohnheiten Rücksicht zu nehmen, ohne zu nerven.

Verständigung mit Bleistift und Papier

Immer wieder entstehen angestrengte Gesprächspausen, weil wir uns nicht verstehen oder uns kein neues Thema einfällt. Ich bin ein wenig erleichtert, als Lisa eintrifft und neuen Schwung in die Runde bringt. Während der Vorbereitungen fürs Essen erzählt Mustafa vom Leben im Heim: Meistens gebe es außer schlafen und essen nicht viel zu tun, besonders bei schlechtem Wetter.

Beim Essen ist die Stimmung gelöster. Ahmed und Mustafa haben großen Spaß daran, uns arabische Wörter stammeln zu lassen, dann erzählt jeder von seiner Familie. Ahmed holt ein Foto seiner Mutter hervor. Es ist schwarz-weiß und zeigt eine junge Frau mit dunklen Haaren, die eine Hand mit Ring ans Kinn gelegt hat und an der Kamera vorbei in die Ferne blickt. Ahmed verstaut es behutsam in seinem Geldbeutel. Obwohl unsere Gespräche scheinbar unverfänglich sind, schwingt immer mit, warum die beiden aus dem Irak geflohen sind. Etwa, wenn Ahmed von seinen Eltern und Geschwistern erzählt, die noch in seiner Heimatstadt Mossul leben, unter der Herrschaft des IS.

Von der Idee, Pfannkuchenfäden in die Suppe zu geben, scheinen Mustafa und Ahmed nicht ganz überzeugt. Trotzdem wird die Vorspeise überschwänglich gelobt, vielleicht aus Höflichkeit. Auch die Ravioli mit Salbei begeistern unsere Gäste nicht, auf ihren Tellern bleibt mehr als der übliche Anstandsrest zurück. Später googeln wir Bilder von irakischem Essen: Ahmed und Mustafa schwärmen von Kubbah – Kugeln aus Bulgur und Hackfleisch – und Falafel von Straßenverkäufern. Wenn uns ein Wort nicht einfällt, kritzeln wir mit Bleistift kleine Zeichnungen aufs Papier. Ahmed bringt Lisa dazu, das arabische Alphabet nachzusprechen, und weil Lisa an den fremden Lauten verzweifelt, lachen wir uns kringelig.



Beim Abschied vor der Wohnungstür legt Mustafa noch einmal lächelnd seine Handflächen aneinander, bedankt sich und wiederholt, dass wir ihre ersten Freunde in Deutschland seien. Auch wir haben das Gefühl, zwei neue Freunde gewonnen zu haben. Bevor wir uns verabschieden, vereinbaren wir schon das nächste Treffen. Dann gibt es Falafel.

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