Wie werde ich TV-Moderatorin?

Christine Duttlinger

Ton läuft, Kamera läuft und bitte! Das sind die Worte, die Tamina Kallert hört, bevor sie Interviews führt, live moderiert oder mit dem Kamerateam aus einem Flugzeug springt. Die 40-jährige Freiburgerin moderiert seit zehn Jahren das WDR-Reisemagazin "Wunderschön!" - und das, owohl sie eigentlich Lehrerin werden wollte.



Berufseinstieg

"Tamina, Du hast Pepp - du wärst auch vor der Kamera gut geeignet." Das hat eine WDR-Redakteurin zu Tamina Kallert gesagt. Die damals 20-Jährige war begeistert. Ihren ersten eigenen Beitrag hat sie für das Jugendmagazin "Lollo Rosso" gemacht: Mädchen im Männersport. Sie war Reporterin im Einsatz – hat Gewichthebermädels und Fußballerinnen besucht und selbst gekickt - und das vor laufender Kamera.

Tamina Kallert hatte eigentlich nie vor, TV-Moderatorin zu werden. Eigentlich hat die gebürtige Freiburgerin Anglistik, Geschichte und Politik auf Lehramt studiert. Erst in Freiburg, später in Köln. "Ich dachte, Lehrerin ist ein Job bei dem man etwas bewegen kann und der sich gut mit Familie vereinbaren lässt", so Kallert. Ein unsicheres Arbeitsverhältnis mit Anfang 20 wollte Kallert zunächste nicht - doch ein guter Freund, der bereits für das WDR arbeitete, breichtete so leidenschaftlich über die Arbeit beim Fernsehen, dass sich die damalige Studentin von der Euphorie anstecken ließ. Parallel zur Uni machte Kallert ein Praktikum in der Redaktion des Jugendmagazins "Lollo Rosso" in Köln. "Ein schicksalhaftes Praktikum", wie die heute 40-Jährige sagt.

Sie ist mit der Redakteurin und dem Kamerateam mitgelaufen, hat zugeschaut und selbst recherchiert. Das erste Mal moderieren hat ihr Spaß gemacht. "Die fanden mich frisch und authentisch", sagt Tamina Kallert. Anschließend ist sie festes Mitglied im Reporterteam von "Lollo Rosso" geworden. Bastian Pastewka war auch mit dabei. "Und andere nette Leute", so Kallert. "Wir waren eine ziemlich coole Truppe." Pastewka hat die lustigen Themen übernommen und Kallert die Erlebnis- und Action-Berichte.  Um noch mehr beim WDR arbeiten zu können, ist die Moderatorin nach Köln gezogen. Das Lehramtsstudium an der Uni hat sie parallel weitergemacht.

Ausbildung

Eine Ausbildung im Sinne von einem medienspezifischen Studium oder Volontariat hat die Moderatorin nicht gemacht. "Ich bin über das Machen in die Rolle reingewachsen“, erklärt Tamina Kallert. Wichtig war für sie, mit erfahrenen Leuten zusammenzuarbeiten. So wurde sie gepuscht und man vertraute ihr immer neue Aufgaben an.

"Es hieß auf einmal: Du moderierst jetzt live vor Ort", erzählt Tamina Kallert. Eine Livesendung ist mit speziellem Aufwand verbunden: Es gibt einen Übertragungswagen, Scheinwerfer, Maskenbildner und Tontechniker. Was es nicht gibt: eine zweite Chance, wenn man sich verhaspelt. "Mein Herz hat damals so laut gepocht, dass ich es in den Ohren hören konnte". Doch schnell hat die Moderatorin gelernt, ruhiger zu werden. "Ich operiere ja nicht am offenen Herzen", so Kallert. "Es stirbt keiner, wenn ich mal einen Fehler mache."

Ganz ohne Unterricht geht es allerdings nicht: Neben dem Learning by doing-Prinzip hat die damalige Studentin Sprechtraining, individuelles Moderations-Coaching und Seminare mit Titeln wie "Schreiben fürs Fernsehen" besucht. "TV Moderatorin ist ein Beruf, den man von vielen verschiedenen Seiten aus erreichen kann", so Kallert. Wer auch in den Medien arbeiten will, dem rät die Moderatorin neben einer fundierten Ausbildung, so früh wie möglich praktische Erfahrungen zu sammeln: mitlaufen, mitschauen, mitmachen.



Welche Fähigkeiten muss man mitbringen?

"Präsenz ist das Stichwort", erklärt Tamina Kallert. Wer im Fernsehen vor der Kamera arbeiten will, muss Ausstrahlung haben und authentisch sein, sagt Kallert. "Es ist nicht mehr so wichtig, dass man Model-Maße hat und super aussieht." Schaltet man heutzutage den Fernseher ein, sehe man öfter mal eine krumme Nase und ein paar Schwimmringe um die Hüften. "Ein Fernsehmoderator muss den Zuschauer direkt ansprechen, ihn irgendwie begeistern – dafür muss man nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen."

Aber das ist nicht alles: Bei Tamina Kallerts jetziger Fernsehsendung "Wunderschön!" arbeiten mindestens sechs Menschen zusammen am Set: zwei Kameramänner, eine Autorin, ein Tonmeister, eine Maskenbildnerin und die Moderatorin selbst. Alle haben ihre eigenen Fachgebiete, und die müssen aufeinander abgestimmt sein. Teamspieler sind hier die Gewinner. Erst vor wenigen Tagen war Tamina Kallert für Dreharbeiten auf dem Freiburger Münsterplatz unterwegs.

"Arbeitszeiten: egal". Je nach Sender wird gedreht, bis alles im Kasten ist. 15 Stunden Arbeitstage und Feierabend auch mal erst um 2 Uhr nachts, kommen nicht selten vor. Beim öffentlich rechtlichen WDR allerdings wird auf moderate Arbeitszeiten geachtet. Tamina Kallert hat auch schon ein Abenteuerreisemagazin moderiert. Aus Flugzeugen springen und in sämtlichen Flüssen weltweit padeln hieß damals auch: Erst ein paar Tage in Lissabon drehen, dann nachts in die Karibik fliegen und kurz darauf nach Brasilien weiterziehen. Ruhezeiten: wurscht!

Berufsalltag

Nach fünf Jahren WDR machte ProSieben Tamina Kallert ein Angebot. Das war auch die Gretchenfrage, wie das mit dem Studium weitergeht. Sie war kurz vor ihrem Abschluss, es hätten nur ein paar Scheine gefehlt. Die Moderatorin entschied sich für den Job beim Privatsender in München. "Ich dachte, wenn ich das nicht mache, werde ich es mein ganzes Leben bereuen." Also stand sie  eineinhalb Jahre für das Magazin "Die Reporter" vor der Kamera.

"Langfristig war das aber nicht meine Art zu denken", sagt Kallert über das Arbeiten beim Privatfernsehen. "Diesen Aufregerjournalismus, den kann man lernen", so Kallert „und das fand ich damals auch ganz spannend." Die Moderatorin identifiziert sich aber mit dem öffentlichrechtlichen System. "Hier machen wir Qualitätsfernsehen. Wir nehmen den Zuschauer ernst und ich habe viele Möglichkeiten, mich weiter zu entwickeln.“ Deshalb ist sie 2004 zurückgekehrt. Jetzt moderiert Tamina Kallert schon zehn Jahre das WDR-Reisemagazin "Wunderschön!". Sonntagabends zur Tatort-Prime-Time werden hier beliebte Destinationen und die besten Touritipps für Reiseziele auf der ganzen Welt vorgestellt.



Im Herbst wird das Programm für das kommende Jahr besprochen: Wie viele neue Sendungen produziert werden, welche Destinationen bereist werden und in welchen Teams gearbeitet wird. Bis 2009 war Tamina Kallert die einzige Moderatorin für dieses Format. Dann ist sie zum ersten Mal Mutter geworden und hat ihr Pensum reduziert. Mittlerweile gibt es drei Moderatoren, die sich abwechseln.

Für jede Folge von "Wunderschön!" konzipiert ein Autor in Zusammenarbeit mit einem WDR-Redakteur die Sendung. Im Vorfeld bedeutet das vor allem eines: Recherche über das Reiseziel. Alle Landschaftsbilder und Szenen in denen Tamina Kallert nicht zu sehen ist, werden im Vorfeld ohne die Moderatorin gedreht. Dann kommt die Hauptarbeit: Eine Woche ist das Team in einer Region unterwegs auf der Jagd nach den besten Touri-Tipps, den schönsten Geschichten, den spannendsten Menschen. Morgens eine Kutschfahrt auf einem Panoramaweg, mittags ein regionales Bier in einer Brauerei und am Abend den lokalen Kabarettisten kennenlernen. So ein straffer Plan muss gut überlegt sein: Im Vorfeld schreibt der Autor ein Drehbuch mit stichwortartigen Moderationsvorschlägen. Tamina Kallert überarbeitet sie und das auch gerne spontan vor Ort, weil es dann authentischer ist. Sie mag beim Drehen den Raum fürs Unvorhergesehene.



Zukunftsperspektiven

Tamina Kallert macht sich keine Sorge um ihre Zukunft. Momentan hat sie zwischen Job und Kindererziehung noch keinen Kopf dafür. "Das ist schon ein ganz schöner Krafteinsatz", so die Moderatorin über die Mischung Familie und Arbeit. "Aber auch ein großes Glück!" Ihre Mutter ist "leidenschaftliche Großmutter" und unterstützt die junge Familie. Und auch Ihr Mann nimmt sich viel Zeit für die Kinder. Zusammen sind sie vor ein paar Wochen zurück nach Freiburg gezogen.

Einen Rat, den die Moderatorin selbst immer wieder hört: "Stellt euch breit auf." Und das hat Tamina Kallert beherzigt: Neben der Arbeit vor der Kamera moderiert sie Veranstaltungen, ist als Sprecherin tätig und hat als Autorin schon erfolgreich eigene Filme realisiert.

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