Wie werde ich Schornsteinfeger (16)

Johanna Schoener

Eigentlich müsste Elmar Kölz sich immer links von seinen Mitmenschen aufhalten, denn: "Schornsteinfeger zur Linken, Glück wird winken – Schornsteinfeger zur Rechten, Glück wird brechen." Wie wird man Kaminfeger und was hat der Mythos des Glücksbringers mit dem Berufsalltag zu tun? Der 32-Jährige, der in Heitersheim aufgewachsen ist, erzählt vom Messen, Fegen, Tod und Würsteln.



Traumberuf Schornsteinfeger


Der Schornsteinfeger hat mich als kleines Kind immer beeindruckt. Zu Hause kam der Kaminfeger dreimal im Jahr und hat mir mit seiner schwarzen Kleidung, schwarzen Händen und seinem Werkzeug echt imponiert. Außerdem hat er immer Gaudi gemacht und uns zum Lachen gebracht. Damals dachte ich, das könnte was für mich sein. Irgendwann wollte ich auch mal Ingenieur oder Architekt werden – man hat ja so Fürzle im Kopf. Aber ich habe bald gemerkt, dass die handwerklichen Sachen besser für mich sind. 

Mir wird schnell langweilig und als Kaminfeger passiert das eigentlich nicht, weil man dauernd mit anderen Leuten zu tun hat, verschiedene Tätigkeiten macht und unterwegs ist. Ich würde es nicht aushalten, nur in einem Büro eingesperrt zu sein.

Ausbildung: Mitlaufen und Blockunterricht

Nach der mittleren Reife habe ich den Kaminfeger in meinem Dorf angesprochen. Das sollte man übrigens auch machen, wenn man sich für ein Praktikum interessiert. Er hat rumtelefoniert und so kam ich zu meiner Lehrstelle in Freiburg. Die Lehre habe ich in zweieinhalb Jahren gemacht, von 1992 bis 1995. An sich dauert sie drei Jahre, aber mit mittlerer Reife kann man sie um ein halbes Jahr verkürzen. 

In Baden-Württemberg gibt es nur eine Berufsschule für uns – in Ulm. Während des Blockunterrichts kann man im Internat wohnen. Der kürzeste Block dauerte drei Wochen, meistens gingen die Blöcke ein bis zwei Monate. Mir hat’s immer Spaß gemacht: andere Umgebung und Kollegen aus unterschiedlichen Ecken. Das gemeinsame Wohnen war auch sehr witzig. Als Fächer hatten wir unter anderem Mathematik, Bauordnung, Baurecht und Feuerungstechnik, aber zum Beispiel auch Geschichte. Bei den vielen Gesetzen und Verordnungen muss man ziemlich viel auswendig lernen. Außerdem muss man sich mit den ganzen Verbrennungsvorgängen auskennen. Das hat leider viel mit Mathe zu tun. 

Als Lehrling läuft man lange mit dem Meister mit, weil man bei der Arbeit viel Verantwortung trägt. Es dauert, bis man da durchsteigt und alles kennt. Die letzten paar Monate vor der Gesellenprüfung schickt einen der Chef dann alleine los. Am Anfang ist das aufregend, aber man freut sich auf den Zeitpunkt, wenn man mal keinen mehr im Genick hat, der einen herumkommandiert.



Geselle und Meister

Nach dem Gesellenbrief hat mein damaliger Meister mich übernommen. Ich habe dann drei Jahre als Geselle gearbeitet und bin 1998 ein Jahr auf die Meisterschule in Ulm. Eigentlich arbeitet jeder Kaminfeger auf die Meisterprüfung hin. Man kann sich dann in eine Bewerberliste für Baden-Württemberg eintragen, um einen eigenen Kehrbezirk zu erhalten. Angefangen habe ich mit Nummer 620, mittlerweile bin ich auf 198. Die Nummer eins kriegt den nächsten freien Kehrbezirk in Baden-Württemberg angeboten. Einmal darf man das Angebot ausschlagen, beim zweiten Mal muss man annehmen. Wenn man Pech hat, muss man umziehen. Heutzutage kann man nach dem Gesellenbrief auch gleich auf die Meisterschule. 

2002 habe ich meinen Meister gewechselt, weil ich mal was Neues brauchte. Zu meinem Kehrbezirk gehören Littenweiler, ein Teil von der Oberwiehre und ein Stück am Waldsee entlang. Vorher war ich in Zähringen, Freiburg West und im Industriegebiet Nord. 



Arbeitsalltag: messen und fegen

Um sieben Uhr morgens geht’s los und um halb vier, vier habe ich Feierabend. Es ist unterschiedlich, wieviele Leute pro Tag man sieht: manchmal nur sechs oder acht, gelegentlich auch bis zu 15. Auf dem Land ist die Arbeit ein bisschen anders, da wird noch ziemlich viel mit Holz geheizt. Die Gesellen fegen dort teilweise zehn Monate im Jahr und messen nur zwei Monate. Hier in der Stadt fege ich drei oder vier Monate im Jahr, der Rest ist Messarbeit. Man überprüft Abgasverlust, Kohlenmonoxidgehalt und kontrolliert den Schornstein. Ich find’s perfekt so, weil man sich nach einer Zeit der Messarbeit wieder auf’s Kaminfegen freut. Irgendwann hat man die Schnauze voll vom vielen Ruß, dreckig sein und sich schrubben müssen: Dann freut man sich, wenn man wieder messen darf. 

Zu manchen Leuten kommt man viermal im Jahr. Die freuen sich, wenn immer der Gleiche kommt und sie ihm ihr Vertrauen schenken können. Immerhin ist das ihre Intimsphäre, in die ich da eindringe. Ich komme in ihr Haus. Und da sieht man die unterschiedlichsten Sachen. Bei einem sieht’s picobello aus, beim anderen ist alles zu spät. Es gibt Menschen, die das nicht gern haben. 

Besonderheiten: Tod und Würstle

Man erlebt allerhand als Kaminfeger. Ich erinnere mich an eine Situation in meinem alten Bezirk. Da bin ich schwarz gekleidet mit schwarzem Messkoffer zum Messen gekommen. Die Frau sagte: „Oh, sind sie da!“ und führte mich durch das Wohnzimmer. Ich wunderte mich, weil die Heizung im Keller war, konnte aber nicht mehr reagieren und stand plötzlich im Schlafzimmer, wo der Opi lag. Die Frau hatte mich mit dem Bestattungsunternehmer verwechselt, konnte aber drüber lachen. Ich war erstmal sprachlos. 

Mit dem Tod war ich in meinem alten Kehrbezirk auch konfrontiert, weil der Hauptfriedhof und das Krematorium dazugehörten. Dort musste ich den Schornstein fegen und dann ging’s runter in die Kanäle und die Brennkammern. Zwei große Tonnen mit Rückständen habe ich da rausgeholt. Das war krasse Arbeit, weil es in den Kanälen auch wahnsinnig eng und heiß war. Das erste Mal bin ich mit Metallohrringen rein und nach paar Sekunden gleich wieder raus, weil sich das Metall sofort aufgeheizt hat. 

Schlimm war früher auch der Gruninger, die Riesenmetzgerei im Industriegebiet Nord. Da mussten wir drei- oder viermal jährlich die Räucherkammern reinigen: abfegen, abflammen und schließlich den Belag abkratzen. Ich habe sicher noch fünf Tage später nach Würsteln gestunken. 

 



Eigenschaften: schlank und schwindelfrei

Wichtig ist als Kaminfeger, dass man schwindelfrei ist. Manchmal muss man aufs Dach, entweder mit Trittstufen oder indem man eine Leiter anlegt. Bisher ist bei mir immer alles gut gegangen, aber man hört immer wieder von Unfällen unter Kollegen. Man sollte eher schlank sein, damit man durch die Dachluken oder Kriechspeicher durchkommt und sein Ziel erreicht – die Schornsteinwindung oder das Kamintürle. Körperlich muss man fit sein, weil man den ganzen Tag Treppen hoch und runter rennt. 

Perspektiven: Umwelt und Sicherheit

Wir Kaminfeger sind beliehene Arbeitnehmer. Die Bundesemissionsschutzmessungen machen wir im Auftrag des Staats. In Frankreich zum Beispiel ist das anders. Bei uns wird sich da auch was ändern, vielleicht schon nächstes Jahr, aber das steht noch in der Schwebe. Im Moment ist Kaminfeger mein Traumberuf. Mal gucken, wie sich der Beruf mit neuen Bestimmungen verändert. Wenn die Arbeit plötzlich ganz anders wäre, würde ich mich vielleicht umschulen lassen. 

Das Thema regenerative Energien interessiert mich sehr. Heutzutage ist eigentlich jeder Kaminfeger auch Gebäudeenergieberater. Inzwischen werden in der Schulzeit und bei den Meisterprüfungen extra Prüfungen in dem Bereich abgelegt. Ich habe das vor drei Jahren nachträglich übers Internet gemacht. Das ist umso interessanter, weil auf diesem Gebiet dauernd was in Bewegung ist. Es macht Spaß, wenn man den Leuten helfen kann und der Umwelt – ganz wichtig. Umwelt und Sicherheit sind die zwei wichtigen Aspekte bei uns. 



Glücksbringer: Lottozettel und Knöpfe

Oft passiert mir, dass ich Lottozettel ausfüllen muss. Viele Leute kommen auch und wollen mich anfassen, an meinem Knopf drehen oder ich muss links an ihnen vorbeilaufen, damit sie Glück haben. Mich stört das nicht, wenn es ihnen gut tut: Der Glaube kann ja Berge versetzen. 

Dass Kaminfeger Glück bringen sollen, kommt aus Zeiten, in denen es noch keinen Brandschutz gab. Wenn der Schornsteinfeger die Kamine nicht reinigte, hat es schnell gebrannt und so ein Feuer übertrug sich ruckzuck auf das gesamte Viertel. „Der Kaminfeger war da, jetzt haben wir Glück und es brennt nicht“, hieß es deswegen.