Weinmesse

Wie war’s bei...Sting in Colmar?

Peter Disch

Halbe-halbe zwischen Solojahren und Police-Repertoire, hohes Klassikeraufkommen und ausgiebiges "Lo-Lo-Lo"-Singen: Stings Auftritt in Colmar war von Anfang bis Ende ein Selbstläufer.

Der erste Eindruck:
Voll, voller, Sting: Das Amphitheater der Weinmesse in Colmar ist mit 10.000 Menschen bis auf den aller-allerletzten Platz gefüllt. Ausverkaufter als das Konzert mit Sting am Montag geht nicht. Toll, toller, Sting: Die Stimmung ist trotz der Enge entspannt-vorfreudig. Als der Musiker mit seiner Band um 21.15 Uhr auf die Bühne kommt, hat er im Grunde schon gewonnen.


Die Songliste:
Synchronicity II, If I Ever Lose My Faith in You, Spirits in the Material World, Englishman in New York, Every Little Thing She Does is Magic, She’s Too Good for Me, Mad About You, Fields of Gold, Shape of My Heart, Petrol Head, One Fine Day, Message in a Bottle, Ashes to Ahses/50.000, Walking on the Moon, So Lonely, Desert Rose, Roxanne/Ain’t No Sunshine, Next to You, I Can’t Stop Thinking About You, Every Breath You Take, Fragile

Vater und Sohn I:
Eltern kennen das. Irgendwann sind die Kinder groß genug, dass man nicht mehr alles für sie machen muss, sondern verlangen kann, dass sie etwas für einen selbst tun. Im Hause Sting funktioniert die Theorie auch in der Praxis. Also übernimmt Sohn Joe Sumner gleich zweimal das Vorprogramm. Erst übernimmt er die Pressekonferenz, beantwortet freundlich die tonlos hin genuschelten Fragen der französischen Kollegen. Dann stellt er sich allein mit seiner Gitarre auf die Bühne, um das wie immer aufgeschlossene Colmarer Publikum zu unterhalten, das sein gutes Singer/Songwriter-Handwerk mit viel Beifall honoriert. Musikalisch, stimmlich und optisch gilt: wie der Vater, nur ohne die Ecken und Kanten.

Vater und Sohn II:
Damit ist der Arbeitstag von Joe Sumner noch nicht zu Ende. Er spielt auch in Vaters Band. Ein bisschen Schellenkranz, ab und an Gitarre, vor allem aber singt er. Die hohen Noten, die Sting mit 65 Jahren nicht mehr erreichen kann. Und "Ashes To Ashes", eine Hommage an David Bowie. Das Desillusionierte des Originals geht seiner nicht wirklich inspirierten Version aber ab. In der Chronik der großartigen Bowie-Tribute-Songs reicht es damit nur für eine Fußnote. Noch ein anderer Musiker hat seinen Sohn dabei. Gitarrist Dominic Miller hat Sohn Rufus dabei, der Rhythmusgitarre spielt. Bevor jetzt einer "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" ruft noch ein Zitat aus der erwähnten Pressekonferenz. "Mein Vater ist ein strenger Bandleader", hat Joe Sumner gesagt. "Aber wenn er streng mit dir ist, bedeutet dass: "Du bist nicht gut genug für die Band."

Die Musik:
Sting macht Halbe-halbe. Wahrscheinlich nicht bei der Gage, wohl aber, was das Verhältnis von Song der Solo-Jahre und den Hits seiner Band The Police im Programm angeht. Das abgezirkelt Stakkatohafte der originalen Police-Mischung aus Pidgin-Reggae und platinblondem New Wave ist einem volleren Sound gewichen, in dem vor allem Gitarrist Dominic Miller alle Freiheiten genießt, die Parts von Stings Hilfspolizisten Andy Summers klanglich umzudeuten. Alles geht ein bisschen mehr in die Breite, ist auf eine distinguierte Art rockender und – gewollt - weniger filigran als damals. Ein Akkordeon sorgt bei den langsameren Songs im mittleren Teil des Programms für zusätzliche Klangfarben zwischen Tex-Mex und ein bisschen Pariser Quartier-Latin-Gefühl. Sting redet nicht viel, greift am Ende von "Englishman in New York" – "You drink coffee, I drink tea, my dear" – passenderweise zur weißen Bechertasse und spielt das ganze Konzert auf dem einen abgeschabten Fender-Bass durch. Bei der Qualität und dem Widererkennungswert der Songs – das lässliche "One Fine Day" vom aktuellen Album "57th & 9th" mal ausgenommen – läuft fast alles wie von selbst. Erhöhtes Klassikeraufkommen und ausgiebiges "Lo-Lo-Lonely"- und "Roxanne-O"-Singen sorgen für den Rest. Großer Jubel, glückliche Gesichter und mit "Fragile" eine finale Zugabe, die nicht jedem Publikum auf der laufenden Tour gewährt wird.

Fazit:
100 Minuten Spielzeit, die richtige Mischung aus Routine und Lässigkeit, ein Repertoire, das dem Musiker wie dem Publikum gerecht wird – Qualität von einem der ganz Großen des Pop.