Wie war's bei "Schieß doch, Kaufhaus!"?

Max Vogelmann

Die Gruppe "physical virus collective" (pvc) will in ihrer neuen Aufführung "Schieß doch, Kaufhaus!" zeigen, dass man eine Satire auch tanzen kann. Max hat sich das angeschaut und beurteilt, ob die Inszenierung gelungen ist.



So geht’s los

Langsam tröpfelt das Publikum ins „Kleine Haus“ des Stadttheaters und blickt erwartungsvoll auf die Bühne, wo drei Männer und drei Frauen stehen und nervös lächeln, als seien sie auf einer Party, auf der sie noch keinen kennen. Ein rotes Megaphon liegt auf dem Boden, ansonsten ist die Kulisse leer und dunkel. Plötzlich quillt Nebel aus einer Ecke und bringt Bewegung in die verstockten Körper. Voller Verlegenheit begrüßt man sich, stammelt Versatzstücke von Kennenlern-Phrasen. Spätestens hier begreift der Zuschauer, dass es sich um ein komisches Stück handelt.

Darum geht es

Um das Quietschen und Knarzen in der gesellschaftliche Mechanik. Die Tänzerinnen und Tänzer joggen im Karree über die Bühne, knutschen, tanzen Schuhplattler, verlieben sich, brüllen Selbstzweifel ins Megafon, weinen, feiern Parties, bauen Häuser, rennen gegen Wände und eiern wie wilde Roboter herum. Wie oft bei den Projekten der pvc bietet die sinnlich-körperliche Darstellung abstrakter Tatbestände ein Vergnügen.

Die stärkste Szene

...ist der glänzend gehemmte Monolog Tom Noonans, der mit blondem Seitenscheitel, grauem Business-Anzug und weißen Basketball-Schuhen immer wieder das vor ihm liegende Megafon ergreifen möchte und dem Publikum dabei stotternd auf Englisch erklärt, dass er schon könnte, wenn er wollte. Sein jungenhaftes Lächeln weicht dabei langsam einem starren Grinsen, das die aufkeimende Panik vor der gesellschaftlichen Blamage heraus schreit. Das Ganze ist so gut getimt und nuancenreich gespielt, dass man sich als Zuschauer nicht „fremdschämt“, sondern wirklich Spaß an der Darstellung hat.



Die schwächste Szene

...ist die Stelle mit den Schaukästen. Sie ist aber auch die einzige Stelle des Stücks, bei der man versucht ist, auf die Uhr zu sehen. Der bunte Reigen der Posen und Parolen wird hier dermaßen übertrieben, dass das für diese Inszenierung so essentielle Stilmittel der Ironie ins Lächerliche kippt. Dies mag beabsichtigt sein oder nicht, jedenfalls verliert das Stück hier etwas von seiner Dynamik.

Das gewisse Etwas

Die gesamte Inszenierung wirkt sehr durchdacht, mit vielen überraschenden Details – zum Beispiel der große Bühnenscheinwerfer, der mitten in der Performance plötzlich von der Decke fällt und mit seinem hin und her schwingenden Spotlight einen langsamer werdenden Takt angibt wie ein kaputtes industrielles Metronom.

Die Message

Am Ende finden sich alle Tänzer in der Anfangssituation wieder, als wäre alles nur ein grotesker Traum gewesen. Wieder quillt Nebel aus der Ecke. Doch anstatt wie am Anfang des Stücks ein verrostetes Gesellschaftsspiel zu spielen, lehnen sie diesmal die „Teilnahme am Projekt Weltkommunikation“ ab – und geraten gerade dadurch wieder in Kontakt miteinander. Das ganze Stück über weiß augenscheinlich keiner so genau, was hier eigentlich läuft – weder die dargestellten Personen, noch die Zuschauer –, und genau dieses Gefühl von Verlegenheit, Verwirrung und Verlorensein des modernen Menschen im westlichen Kapitalismus bildet den Kern dieser Satire.

Fazit

pvc at their best! Mit Witz und Ironie werden psychische Verlegenheiten auf unterhaltsame Weise in physische Gegebenheiten transformiert. Die Darstellerinnen und Darsteller stürzen sich voller Energie in die Szenen und strahlen ihren Spaß an der Sache ins Publikum aus. Der Sprachwitz von Martin Heckmanns, der das ursprüngliche Theaterstück verfasste, sorgt für zusätzliches Vergnügen.

Weitere Vorstellungen

Sonntag, 21. Februar 2010, 20 Uhr und Samstag, 27. Februar 2010, 20 Uhr jeweils im Kleinen Haus, Theater Freiburg

[Fotos: Matthias Kolodziej]

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