Wie war's bei... Sascha Lobo in Merzhausen?

Thomas Steiner

Datensouveränität, digitales Ökosystem, Plattform-Kapitalismus: Sascha Lobo kann mit Schlagwörtern umgehen. Doch kann der "Netzerklärer der Nation" diese auch im Inhalt füllen?



Die Performance

"Geile Rede erstmal", sagte nach dem Vortrag der erste Fragesteller aus dem Publikum. In der Tat: Sascha Lobo weiß zu unterhalten. Mit dem Outfit, das er sich vor Jahren zugelegt hat, also mit bräunlichem Anzug und roter Iro-Frisur passt er auf die "re:publica"-Konferenzen der Netzgemeinde genauso wie ins Fernsehen oder vor ein Publikum von Wirtschaftsleuten. Nach Freiburg hat ihn die hiesige Marketing-Community eingeladen, ein rühriger Verein von Vermarktern und Vertriebsleuten, der für seine Mitglieder ein vielfältiges Vortragsprogramm organisiert.

Der Auftritt von Lobo war das "Top Highlight" des Jahres darin. Voll war denn auch das Forum Merzhausen, fast 400 Zuhörer, Rekord für die Community. Neben den Marketing-Leuten waren auch ein paar Mitglieder der Netzgemeinde gekommen, kenntlich am lockereren Kleidungsstil. Lobo war den Auftrieb und sein gewiss nicht ganz geringes Honorar wert. In freier, gut akzentuierter Rede, illustriert mit Karikaturen, Screenshots und Videos bringt er seine Thesen zur Digitialisierung auf die Bühne. Pointen setzt er wie ein Comedian.

Beispiel

Es sei ja in Bezug auf das Netz immer von der "Weisheit der Vielen" die Rede. Doch wenn man sich die Kommentare auf Youtube ansehe, dann seien das zwar viele, aber mit der Weisheit sei es nicht weit her. Oder: Netznutzer wollten ja alles immer sofort, sagt er, zum Beispiel eine Geldüberweisung. Und dokumentiert dann genüsslich, wie lange eine herkömmliche Überweisung bei seiner Sparkasse dauere: von Donnerstag bis Montag. Auch für Freiburg hat er noch einen charmanten Seitenhieb übrig: Er sei jetzt das dritte Mal da, und jedes Mal bemerke er die "entspannte Bedächtigkeit" der Stadt, im Gegensatz zu seinem Wohnort Berlin.

Der Internetgigant

Er habe, sagt Lobo, jetzt genau das Alter des durchschnittlichen Facebook-Nutzers in Deutschland: 40,5 Jahre. Es liegt aber nicht nur daran, dass Facebook im Zentrum seines Vortrags steht. Sondern schon an der "schieren Größe", wie Lobo sagt: 45 Milliarden Nachrichten würden täglich global über das soziale Netzwerk geschickt. Und was da alles drin steht: Die "Datenbegeisterung" der Nutzer kenne kaum Grenzen, meint Lobo, noch das Privateste werde gepostet.

Diese Daten könne man nutzen. So habe eine Studie gezeigt, dass ein Unternehmen, das neue Leute rekrutiert, sich lieber deren Facebook-Profile anschauen sollte, um die Richtigen zu finden, und nicht wie seit Jahrzehnten Fragebogen zu verteilen. An der Stelle fiel im Publikum ein Glas um: "Das war der Personalberater im Raum", feixte Lobo. Die Wirtschaft müsse lernen, sozial zu denken, so seine Botschaft, so sozial wie die sozialen Medien funktionierten.

Ein paar Schlagworte

Angekündigt war Lobos Vortrag mit dem Titel "Die Arbeit in der digitialen Welt - Wie die digitale Transformation die Gesellschaft verändert". Da hätte er, wie man aus seinen Blogs und Kolumnen weiß, durchaus einiges dazu zu sagen. Er hat dafür den Begriff "Plattform-Kapitalismus" geprägt. Schön wuchtig und sperrig, weil er solche Worte möge, sagt er. Der Plattform-Kapitalismus ist die Unternehmensform eben von Facebook, aber auch von Google oder Airbnb. Alles Unternehmen, deren Dienstleistung im Vernetzen und Datenverwalten besteht.

Ihre "Effizienmaschinen" und ihr "digitales Ökosystem" legten sich über die ganze Wirtschaft. Was das für die Gesellschaft bedeutet, darauf geht Lobo entgegen seiner Ankündigung nicht ein. Stattdessen folgen einige schlagwortartige Thesen für die Wirtschaft: Essentiell sei die Beziehung zum Kunden, statt um Produkte gehe es um Prozesse, Wirtschaft werde zur Datenwirtschaft. Für Marketing-Leute ist das nun nicht so ganz neu. Wie man Facebook zur Kundenbindung nutzt, wie man mit Gewinnspielen Kundendaten einholt, das wissen sie bereits.

Beeindruckend allerdings ist die Dimension, die Lobo aufmacht: die schiere Größe und Wucht von Intergiganten wie Facebook. Da kann einem als regionaler Akteur schon mal bange werden. Schade nur, dass Lobo auch nicht weiß, was man als Hotelier angesichts von Airbnb tun kann.

Thema Datenschutz

Sascha Lobo, der Netzaktivist, kommt an diesem Abend nicht zum Zug. Er sei doch viel rumgekommen im Ausland, fragt ihn nach dem Vortrag ein Zuhörer, und wisse, dass anderswo das mit dem Datenschutz nicht so streng gesehen werde. Ob Deutschland da nicht übertreibe? Mit der These ist der Frager bei Lobo eigentlich an der falschen Adresse.

Denn er hat nach den Enthüllungen von Edward Snowden schon mal das freie Internet für tot erklärt, er ist für "Datensouveränität" jedes Individuums, wie er in Merzhausen sagt. Aber dann redet er lieber darüber, wie schlecht es sei, dass deutsche Unternehmen sich an bei Regeln halten müssten, an die sich amerikanische Unternehmen nicht halten müssen. Dass es da einen Zielkonflikt zwischen Datenwirtschaft und Datenschutz gibt, das bleibt ungesagt. Der Netzerklärer bleibt schön im Rahmen.

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[Foto: dpa picture alliance]