Konzert

Wie war’s bei … Judith Holofernes im Freiburger Jazzhaus?

Laura Maria Drzymalla

Berühmt wurde Judith Holofernes als die laute Frontfrau von "Wir sind Helden". Jetzt ist sie im Alleingang unterwegs. Im Freiburger Jazzhaus hat sie bewiesen: Das ist gut so. Danke, Judith.

Wir alle kennen Judith Holofernes als die laute und schöne Front-Kanone mit der vielseitigen kaleidoskop-artigen Stimme von der Band "Wir Sind Helden". Die Heldenzeiten sind lange rum - die Band seit fünf Jahren in Pause, die Kanone dafür auf Alleingang. Und wie wunderbar dieser ist – denn Judiths Flugbahn als Solokünstlerin könnte funkelnder und schillernder nicht sein. Aus Heldenzeit wird Spielzeit wird Glitzerzeit wird Rock 'n' Roll.



Die Show

Da steht sie nun mit ihrer E-Gitarre im Scheinwerferlicht (Fotos), kokett und fordernd in einer gemusterten Leggings, einem schlichten dunklen Kleid und der scheußlich schönsten Glitzerjacke darüber, die die Welt je gesehen hat. Die 41-Jährige Girlie-Göre, die trotz ihrer offiziellen Erwachsenheit wirkt wie ein junges rebellisches Wesen, das jederzeit bereit ist, nachts heimlich einen Farbbeutel gegen eine Hauswand zu werfen – zum einen, weil sie gegen das System ist und zum anderen, weil die schlichte Hauswand im Anschluss (seien wir mal ehrlich) um einiges bunter und schöner wäre.

Ihren Fuß hat sie wohl verletzt, sieht man genauer hin, entdeckt man eine Schiene um ihren linken Knöchel, der in dicken Schuhen steckt. Das scheint egal, die quickende Sängerin mit der Vollmeise summt und brummt, hüpft und flattert wie eine wilde Hummel über die Bühnen-Bretter. Das funktioniert tatsächlich relativ gut – ohne arg albern oder überdreht zu wirken. "Platz da, ich bin das Chaos!" ist hier halt das Credo und nicht etwa falsche Zurückhaltung oder gar Schüchternheit, die man machmal leise in ihrem Gesicht zu erkennen glaubt.

Die Band
Die Besetzung der Band ist ein Statement für sich: Drei Frauen front row: Judith am Mikro und an den Gitarren, zwei weitere Frauen an Keyboard und Percussions. Stark, talentiert, ebenfalls wilde Meisen wie die Chefin. Dahinter erst die Männer, die für Bass, Gitarre und Schlagzeug-Klänge sorgen. Besonders fein für Auge und Ohren: Judiths Bandmitglied und Vikingerkumpel Teitur von den Färöer-Inseln, der gleichzeitig als Vorband auftreten konnte.

Die Musik
Verspult, verzogen, verrückt und verlegen. Manchmal nervig, nicht immer Töne treffend, oft aber wegen absoluter Grandiosität und Lautmalerei auch Gänsehaut auslösend. Man muss Judiths Sprachtürme und Wortpuzzeleien lieben, sonst verliert man den Verstand. Das fände sie wohl aber gut, solange man dadurch sein Herz findet. Sie kommentiert alles ihrer Welt, dreht jeden Stein um und versteckt Ironie darunter, damit der nächste unerwartet darauf stoßen kann. Judith jauchzt und weint, dichtet und beleuchtet, rockt und schreddert laut, singt leise über Vögel und Bienen, Lisas und Charlottes, über das Chaos und das Leiden mit Anmut. Nicht immer kann man ihr folgen, aber die Sprachfetzen, die man versteht, will man sich oft auf einen kleinen Zettel schreiben und in im richtigen Moment im Leben aus der Hosentasche ziehen. Und wahrscheinlich zitieren, weil die Situation gerade so gut passt.

Ihre Texte erinnern an Kinderreime, die wir auf dem Pausenhof gedichtet haben: Mach dich bunt, mach dich grell - Mach nicht fiep, mach Gebell - Mach dich groß, mach dich schnell - Mach dich schlau, mach dich hell

Einmal tut Judith so als hätte es eine Umfrage auf ihrem Blog gegeben, welcher Song als nächstes gespielt werden soll. Zufällig sei es genau der Song, den sie jetzt am liebsten spielen will, Hihi. Eine Schwindelei mit der wir sehr gut leben können.

Die Crowd
Ähnlich facettenreich wie Judiths Sprache sind auch die Menschen, die dieser gerne lauschen. Der jüngste Fan ist ungefähr vier Jahre alt – eine coole Socke im rosa Blumenkleid und schwarzen Ohrenschützern mit Totenköpfen drauf sitzt ganz vorne auf der Box und himmelt sie von unten an. Viele Fans über Fünfzig, die die Texte in und auswendig können, und viele Männer, die mit Judith bestimmt gerne mal ein Bier trinken möchten. Viele Freundinnen sind da, halten sich im Arm, weil ihr Lied gespielt wird. Viele Paare halten sich im Arm, wahrscheinlich auch, weil ihr Lied gespielt wird. Judiths drei kleine Cousinen sind in der ersten Reihe, der Größe nach geordnet stehen sie nebeneinander und sehen ihrer großen, saucoolen Rock-Cousine mit ihren langen blonden Haaren so ähnlich, dass es schon fast hinreißend ist.

Warum wir Judith Holofernes lieben
Liebe Judith, wir lieben dich aus Tausend Gründen. Erstens: Du hast in Freiburg gelebt, besser geht’s ja wohl eh nicht. Aber wir finden dich nicht nur geil, weil du viele Dinge liebst, die wir Freiburger auch lieben (die Seen, die Parks und die viele Sonne). Wie finden dich geil, weil du authentisch wirkst - du zeigst uns auf der Bühne viel von dem, was dein Wesen ausmacht: Du bist kokett, du bist ironisch, du bist klug und hörst nicht auf Autorität. Manchmal zu viel von allem, aber das ist ok. Du magst Sprache, Spiel und Witz, du bist manchmal eitel, aber nicht zu sehr. Du bist fröhlich, du bist perfektionistisch und siehst Leuten gerne in die Augen. Du siehst Sorgen und Probleme, nicht nur bei dir sondern auch in deinem Umfeld. Du forderst Menschen auf, kannst harsch und laut zu ihnen sein, aber nimmst sie auch in den Arm, wenn sie wieder schlappmachen. Du hast einen Schalk im Nacken – und da sitzt er gut.

Fazit
Was Judith ankündigte, war auch Programm. Unter dem Stern"Ich bin das Chaos" ist ihre Tour geschaffen worden, unter dem hellen Sternenregen auf der Bühne bemerkt man jedoch an manchen Stellen, dass das Chaos natürlich durchaus einem System folgt und in Wirklichkeit wahrscheinlich doch sehr viel Struktur hat. Das Ungeordnete hat Aufwand gekostet, das Kokette hat viele Worte gebraucht, um kokett und verspielt zu wirken. Für knapp 30 Euro pro Karte, eine wirklich lange Zugabe und soviel gute Laune und Grinserei lässt man sich aber gerne ein bisschen vermeintlichen Chaos unter der manchmal zu schweren Decke des Alltags verstecken. Danke Judith, du kleine Vollmeise - haste gut gemacht!

Mehr zum Thema: