Wie war’s bei … der Lesung von Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir im White Rabbit?

Anika Maldacker

Das White Rabbit platzte am Freitagabend aus allen Nähten. Der Grund? Hengameh Yaghoobifarah, frühere fudder-Autorin, und Fatma Aydemir lasen aus ihrem viel beachteten Werk "Eure Heimat ist unser Albtraum".

Der erste Eindruck

Die Schlange vor dem White Rabbit reichte am Freitagabend bis an den Leopoldring. Ein Anblick, den man sonst selten hat an diesem Ort. Grund für den Ansturm war die Lesung von Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir. Die eine, Hengameh, war früher fudder-Autorin, nun freie Redakteurin in Berlin, die andere taz-Redakteurin. Sie waren gekommen, um ihr Buch "Eure Heimat ist unser Albtraum" vorzustellen und Auszüge daraus zu lesen. Es kamen nicht einmal alle Interessierten hinein, der Überschuss an Gästen wurde auf Treppenstufen und an die Bar (bester Platz!) gesetzt. Eine Bitte: Location und Interesse besser einschätzen.

Der Anlass

Hengameh und Fatma haben ihre Essay-Sammlung aus einem Grund zusammengestellt und veröffentlicht: Das von Horst Seehofer geführte Bundesministerium des Innern für Bau und Heimat wird ein Jahr alt. Wem deshalb nicht zu feiern zumute ist, dem ist das Werk der beiden Autor*innen sehr ans Herzen zu legen. Und jenen, die sich darüber freuen erst recht.

Veranstaltet wurde die Lesung von Samt & Sonders, einem Verein für soziokulturelle Abenteuer, der innovative Ideen umsetzen will. Fabienne Fecht und Clara Kopfermann von Samt und Sonders moderieren den Abend. Die Lesung ist unter ein weiteres Adjektiv-Motto gestellt worden, eine Lesereihe, deren Auftakt diese Veranstaltung ist: Bauschen und Biegen. Wieso, wissen wir auch nicht.

Heimat

Der zentrale Begriff des Abends ist der von Heimat. Es geht darum, wie er politisch genutzt wird, wie er im Laufe der vergangenen Monate inflationär gebraucht wurde – und wie mit ihm Menschen ausgeschlossen werden. Wie er im Dritten reich besetzt wurde, welche Rolle er in der BRD gespielt hat. Die Autor*innen stellen die Frage: Ist es angebracht und notwendig, gerade diesen Begriff in Deutschland in die Bezeichnung eines Ministeriums einzubringen?

Gänsehaut-Moment

Als Fatma Aydemir ihren Text aus "Eure Heimat ist unser Albtraum" vorliest, können die überwiegend weißen, biodeutschen Zuhörer*innen nachempfinden, wie es ist, als Nachkomme von Gastarbeiter*innen aufgewachsen und sozialisiert worden zu sein. Dass es sich ganz schön schwer anfühlen muss, wenn man ahnt, dass eine Gesellschaft einem einen Platz zuweisen möchte. Fatma erzählt von der anderen Hospitantin im Fernsehen, die ihr ins Gesicht sagt, dass sie, Fatma, das Vorstellungsgespräch auch nur bekommen habe, weil sie einen "Migrantenbonus" hätte. Ihr Text "Arbeit" beleuchtet aus ihrer Perspektive wie Migranten im Zusammenhang mit Arbeit wahrgenommen werden und wie sie dazu stehen. Migranten sind faul, so lauten die Vorurteile, nähmen den Deutschen ihre Jobs weg, liest Fatma. Doch sie kenne niemanden, der so hart arbeite wie Migranten. Im Text bäumt sich Fatma auf: Sie wolle nicht die Jobs, die für sie vorgesehen seien. Sie will den Deutschen ihre Jobs wegnehmen. Das ist stark.

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trying to heal from capitalism with more capitalism thank you, @misscaro for gifting me these fresh masks, exactly what we needed for our delayed and long ride

Ein Beitrag geteilt von (@habibitus) am Mär 16, 2019 um 7:07 PDT



Lachflash

Hengamehs Beitrag in dem Werk heißt "Blicke". Blicke würden ihr immer wieder Durchschnitts-Deutsche zuwerfen, sie nennt sie die "Annikas", die Mädels, die immer Pippi sein wollten, sich aber nur trauten "Annika" zu sein. Gelächter im Publikum. Und die Annikas kämen nicht klar mit ihrer Figur, mit ihrem Style, mit ihrer Queerness. Natürlich seien nicht alle Annikas so, sagt Hengameh entschuldigend ins Publikum hinein. Ich, die Autorin, kaufe ihr ihre Entschuldigung nicht ab. Aber ihre Annika-Lästerei ist mal was anderes und ich lache halt mit.

Kurzkritik

Der Raum zu klein, die Moderation teilweise etwas abstrakt, das Publikum sehr weiß – was will man machen – aber die Inhalte berührend und mitreißend. "Eure Heimat ist unser Albtraum" ist eine lesenswerte Gedanken- und Geschichtensammlung. Dass eine bunte Autorengruppe Seehofers Heimatministerium etwas entgegensetzt, ist erleichternd. Am Ende der Veranstaltung bleibt ein zitierter Satz der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal in Erinnerung: Die Frage ist nicht, woher du herkommst, sondern wo wir zusammen hinwollen.