Freiburg Festival

Wie war’s bei... der DJ-Performance "MDLSX" im Theater Freiburg?

Gina Kutkat

Ein Abend, der DJ-Sets, Live-Videos, Fiktion und persönliche Geschichte unter einen Hut bringt: Die Performance von Silvia Calderoni in "MDLSX" im Kleinen Haus des Theaters Freiburg ist eine kleine Sensation.

Silvia Calderoni

Biographie oder Fiktion? Die Grenzen verschwimmen bei "MDLSX", einer Art DJ-Performance der italienischen Ikone Silvia Calderoni. Calderoni, 1981 in Lugo di Romagna geboren, erzählt in diesem Stück eine Geschichte über Identität, Herkunft und Intergeschlechtlichkeit. In der Performance wird die eigene Geschichte mit der von Cal Stephanides, der hermaphroditen Hauptfigur aus Jeffrey Eugenides Roman "Middlesex", vermischt. Auf der Leinwand laufen Homevideos von Calderoni als heranwachsende Jugendliche, die Zuschauer hören Geschichten von Ärzten, die Calderoni/Cal Stephanides zur Frau machen wollten.

Der erste Eindruck

Tanzfläche? Club? Theaterbühne? Das Set-Up von Silvia Calderonis "MDLSX" ist alles gleichzeitig. Calderoni agiert um eine Tischreihe am Ende der Bühne herum: Von dort wird die Musik gesteuert, die Kamera, die Calderoni selbst bedient; dort liegen auch die Utensilien, mit deren Hilfe Calderoni in verschiedene Rollen schlüpft. Den BH zieht Calderoni an, als von der Episode aus der Jugend erzählt wird, als die Brüste einfach nicht wuchsen. In das Fußballtrikot schlüpft Calderoni, wenn es um die Beziehung zum älteren Bruder geht.

Bühne und das Bühnengebaren

Was für eine Ausstrahlung: Calderoni erscheint in engen Leopardenleggins und Tanktop auf der Bühne des Kleines Hauses, die blondierten Haare stehen wild vom Kopf ab. Sie werden immer wieder mit tonnenweise Haarspray bearbeitet.Gesicht und Körper sieht das Publikum oft nur indirekt von vorne: Mit einer Handkamera filmt Calderoni sich selbst – die Aufnahmen werden auf eine spiegelrunde Leinwand geworfen. Das bewirkt, dass man sich als Zuschauer weniger voyeuristisch fühlt und trotzdem stets eine starke Verbindung zu Calderoni spürt. Der sehnige Körper ist ständig in Bewegung: Er tanzt, groovt, räkelt sich, während die Geschichte von Calderoni/Cal Stephanides auf Italienisch erzählt wird. Die deutsche und englische Übersetzung läuft auf der Leinwand parallel dazu.

DJing und Performance

Calderoni steht hinter dem DJ-Pult und bedient mit einer Hand die Regler des Mixers. Die andere Hand hält entweder die Handkamera oder das Mikrofon. Auf der Wand werden die Namen der Songs eingeblendet, die gespielt werden. Vampire Weekend, Rodriguez oder REM: Es ist der perfekte Soundtrack für Calderonis Reise, bei der die klassischen Definitionen von Identität ad absurdum geführt werden. "Please please please let me get what i want" fordern The Smiths . "I’m on the road to nowhere" singen die Talking Heads – und man merkt, dass die Songs Calderoni aus der Seele sprechen. DJing als Theaterformat? Das funktioniert ausgezeichnet.

Track-Check

Ein Besuch von "MDLSX" lohnt sich schon der Musik wegen: Rodriguez – "This is not a song", Placebo – "Nancy Boy", REM – "Imitation of Life", Talking Heads – "Road to nowhere", Dead Man's Bones - "In The Room Where You Sleep", außerdem Songs von Ibeyi, Suuns, Get Well Soon, Air, Buddy Holly, Vampire Weekend und den Yeah Yeah Yeahs. Im Anschluss an das Stück gab es noch ein DJ-Set von Calderoni in der Passage46.

Was in Erinnerung bleibt

Das junge Mädchen Calderoni, das im privaten Familienvideo aus voller Inbrunst einen italienischen Klassiker zur Karaoke-Maschine schmettert. Das Lächeln von Calderoni beim Blick in die Augen der Freiburger Zuschauer, die minutenlangen Applaus schenken. Die eigene Gänsehaut.

Pauschalurteil

Sonntags um 18 Uhr eine Performance über Geschlechtsidentität gucken? Ja – "MDLSX" berührt, weil es ein freiheitsbejahendes Meisterwerk ist.


  • Was: MDLSX
  • Wann: Sonntag, 10. Juni, 18 Uhr
  • Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus
  • Eintritt: 25 Euro, 20 Euro ermäßigt

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