Kritik

Wie war’s bei ... der Debatten-Arena im Artik?

Christina Braun

Clubsterben meets Ordnungsamtbeschwerde: Bei der Debatten-Arena am Dienstagabend kam in Freiburg das viel diskutierte Thema um die Nutzung des öffentlichen Raumes auf den Tisch. Ob am Ende eine Lösung gefunden wurde?

Das Konzept

Die Debatten-Arena will Streitkultur und eine offene Diskussion zu relevanten politischen Themen fördern. Die bereits dritte Veranstaltung des Formats, das diesmal vom E-Werk in Kooperation mit dem Artik/Freizeichen und der Projektplattform JUPP organisiert wurde, hatte Freiburgerinnen und Freiburger eingeladen ins (Streit-)Gespräch zu kommen. Damit auch jeder und jede zu Wort kommt, hatten sich die Organisatorinnen und Organisatoren einige pädagogische Tools einfallen lassen, die ein bisschen an ein Gruppenpuzzle in der Schule erinnerten. Schon zu Beginn animiert das Moderatoren-Duo dazu, offen und ehrlich die eigene Meinung kundzutun. Dass die Diskussion dabei in einem fairen und respektvollen Rahmen bleiben soll, wurde von Anfang an deutlich gemacht.

Das Publikum sollte zu konkreten Fragen Stellung beziehen, dazu gab es auf der Bühne drei "offene" Mikrofone, an denen die Besucherinnen und Besucher zum Beispiel die Frage beantworten konnten, inwieweit der Lärm in Freiburg die Lebensqualität einschränke. Für all diejenigen, die mit so viel Bühnenpräsenz überfordert waren, gab es im Laufe des Abends immer wieder die Aufforderung, in kleinen Diskussionsrunden mit den Sitznachbarinnen und -nachbarn für einige Minuten ins Gespräch zu kommen. Ziel war es, am Ende konkrete Vorschläge für die Lösung des Problems zu erarbeiten.

Das Thema

Junge Urbanität gegen alternde Idylle, Rücksichtslosigkeit gegen mangelnde Toleranz: Das Freiburger Dauerthema um die (fehlende) Nachtruhe polarisiert wie eh und je. Nach dem Augustinerplatz und der Säule der Toleranz gibt es seit diesem Sommer einen neuen Konflikt-Ort: den Lederleplatz beim Spätkauf "Bis Späti" im Stühlinger. Verärgerte Anwohnerinnen und Anwohner beschweren sich über Bass, Gelächter und das Klirren der Bierflaschen – kurzum den Feierlärm vor ihrem Fenster – der bis spät in die Nacht andauert und klagen deshalb über Schlaflosigkeit, manchmal sogar über gesundheitliche Beschwerden. Nachtaktive dagegen fühlen sich immer stärker aus der Stadt verdrängt: die zunehmende Kommerzialisierung des Stadtraums und die Beschwerden der Anwohnerinnen und Anwohner lassen immer weniger Raum für eine freie Feierkultur. Aber wem gehört eigentlich der öffentliche Raum und wer darf darüber bestimmen, wie er genutzt wird?

Das Publikum

Fast alle Plätze sind belegt, zwischen vielen jungen Gesichtern sind auch ältere Semester zu entdecken. Neben Interessierten sind auch Vertreter und Vertreterinnen aus Gemeinderat und Ordnungsamt und Kulturschaffende vor Ort. Mit Bier in der Hand wird der Diskussion gelauscht und mitdiskutiert – manchmal aber auch nur ganz leise mit dem Nachbar oder der Nachbarin. Ganz so heterogen wie sich das die Veranstalterinnen und Veranstalter gewünscht haben, ist das Publikum aber nicht: Neben studentisch-alternativen Besucherinnen und Besuchern, scheinen nur vereinzelt auch betroffene Anwohnerinnen und Anwohner den Weg ins Artik gefunden zu haben.

Die Diskussion

Die anfängliche Scheu, auf der Bühne ganz persönlich Stellung zu beziehen, ist nach wenigen Minuten peinlichen Schweigens schnell gebrochen. Allerdings trauen sich hauptsächlich junge Leute ins Rampenlicht, ältere Semester bleiben lieber auf ihren Plätzen – was sie jedoch nicht daran hindert, deutlich zu sagen, was ihnen nicht passt. Ein richtiger Schlagabtausch kommt jedoch kaum zu Stande, emotionale Diskussionen bleiben aus.

Nach jedem Beitrag wird höflich applaudiert – einzig, als der Vertreter des Ordnungsamtes das Freiburger Clubsterben als nicht existent erklärt und auf die Regulierungsmacht des freien Marktes verweist, bleibt der Beifall aus. Grundsätzlich herrscht eine lockere Atmosphäre, in der immer noch Platz für den ein oder anderen Lacher ist. Auch das Konzept des Nachbarschaftsplausches wird relativ gut angenommen, auch wenn für den eigentlich Austausch zu wenig Zeit ist und viele erstmal zum Rauchen verschwinden. Manche Besucherinnen und Besucher kommen danach auch gar nicht mehr wieder, sodass die potenziellen Gegenstimmen der Anwohnerinnen und Anwohnern zunehmend leiser werden.

Fazit

Während ein hitziger verbaler Schlagabtausch ausbleibt, hört man immer wieder den Satz "Eigentlich wollte ich nur zuhören, aber ich sag jetzt trotzdem was". Das ist vielleicht das größte Kompliment für das Organisationsteam, weil es zeigt, dass der richtige Rahmen eine demokratische Streitkultur entstehen lassen kann, in der auch die was sagen, die eigentlich nur unbeteiligt zuschauen wollten. Mehr Diversität im Publikum wäre aber trotzdem wünschenswert gewesen und hätte eventuell noch die ein oder andere Filterblase mehr platzen lassen.

Dass die Wahl des Austragungsortes mit dem Artik als alternatives Jugendzentrum dabei weder hilfreich noch neutral war, scheinen auch die Veranstalterinnen und Veranstalter erkannt zu haben. Was die Kreativität der Lösungsansätze angeht, hätten sich manche vielleicht mehr erhofft: So schien weder der Vorschlag einer Verlagerung der nächtlichen Feier- und Biertrinkkultur in den Eschholz- oder Colombi-Park, noch der Einsatz von lärmisolierenden Fenstern und Kopfhörern wirklich überzeugen zu können.

Und so blieb am Ende vor allem ein Konsens, nämlich dass viele Freiburgerinnen und Freiburger bereit sind zu reden – und vielleicht auch irgendwann eine gemeinsame Lösung für das nächtliche Raumproblem finden werden. Auch wenn momentan noch kollektive Ratlosigkeit herrscht.

Mehr zum Thema: