Wie war's bei Benjamin von Stuckrad-Barre im Vorderhaus?

Marius Buhl

Panikherz ist sein neuestes Werk, Freiburg war die letzte Station seiner Lesereise. Benjamin von Stuckrad-Barre las gestern im Vorderhaus aus seiner Autobiographie, die den Weg rein und raus aus der Kokssucht schildert. Natürlich war das sehr, sehr lustig - und traurig:



Der erste Auftritt

Licht aus, Musik an. "Honky Tonky Show, und abends läuft die Honky Tonky Show". Dann sprintet Stuckrad-Barre, Schädel voran, Richtung Bühnenmitte, dreht ab, schlittert zurück, zappelt, zittert, lacht, schwitzt. Es ist der maximal geistesgestörte Auftritt, den er hinlegen muss. Was wohl Imagepflege und was Natur ist? Anknipslächeln!


Der Künstler

Was wirklich Neues lässt sich nicht schreiben über Stuckrad-Barre, daher die alten Fakten kurz wiedergekäut: Musikjournalist beim Rolling Stone, Pressereferentenpraktikant bei Küppersbusch, Gagschreiber für Harald Schmidt, gefeierter Popliterat mit 23, steile Fernsehkarriere, immer schlau, immer schnell, immer drauf!

Was dann passierte, erzählt er in "Panikherz": Koksen mit Bret Easton Ellis, koksen im Hotel, koksen auf dem Klo, während der Finanzberater da ist, koksen bis zum Ende. Wären Udo Lindenberg, Helmut Dietl und sein eigener Bruder nicht gewesen, Stuckrad-Barre hätte womöglich nicht überlebt. Hat er aber doch, auch wenn - Achtung Spoiler - der letzte Satz seines Buchs lautet: "Man muss aufpassen".  

Das Buch...

... ist wohl eine Autobiographie, aber eine gepimpte. Stuckrad-Barre lässt extrem viel aus (Freunde, Frauen, Sex), was das Buch beschleunigt. Inwiefern er Szenen zugespitzt und verdichtet hat, ist unklar, aber auch egal.

Manchmal liest sich das Buch, als habe der Autor einfach dutzende, in sich schlüssige Ich-Reportagen, aneinander gereiht. Furios zum Beispiel ist gleich die erste, als er mit Udo Lindenberg in die USA einreist. Udo schwallt den ESTA-Typen am Flughafen mit Udo-Slang zu ("yeah man, you never know"), der muss irgendwann laut lachen und lässt beide passieren - obwohl Udo die ganze Zeit Zigarre geraucht hat. 

Ein anderes Kapitel ist bereits als Reportage in "Der Welt" erschienen. Da schreibt Stuckrad-Barre über Klassentreffen - und zwar so diagnostisch, dass man nach jedem Satz seine eigene Klasse vor Augen hat und immer nur zustimmend nicken und lachen und weinen möchte.

Grundsätzlich ist das Buch natürlich ein melancholisches. Gefeierter Popstar will mehr Licht, mehr Fame, mehr Drogen. Endet fast im Tod. Rettung durch die Familie, heute clean, nicht mal mehr Alkohol. Klingt fast kitschig, war aber wohl der einzige Ausweg.

Was Stuckrad-Barre trägt

Weiße Hose, als Reminiszenz an Helmut Dietl. Weiße Sneakers, weil's cooler nicht geht, derzeit. Vor der Show: weiße Kopfhörer in "Lukas-Podolski-steigt-aus-dem-Bus-Optik". 

Wie Stuckrad-Barre Wasser trinkt

Zuerst dreht er die Wasserflasche senkrecht über das Glas. Wasser quillt, spritzt neben das Glas. Dann greift Stuckrad-Barre zu, die Hand zittert, das Glas auch, Wasser spritzt wieder. Glas zum Mund, senkrecht, Mund auf, Wasser quillt. Spritzt. Glas leer, hinknallen, Mund abputzen.

Auf Drogen, schreibt Stuckrad-Barre in Panikherz, sei er immer ruhig geworden. Am Donnerstagabend war er nüchtern, ganz sicher.

Stuckrad-Barre, der Raucher

Ja, er hat sich das vertraglich festlegen lassen, sagt er zumindest. Er darf rauchen während der Lesung. Sonst darf das niemand im Vorderhaus, womit sich der Künstler natürlich geschickt über das Publikum erhebt.

Die Dramturgie des Abends war dann folgende. Kapitel vorlesen, Zigarette anstecken, labern bis sie aus ist, dann wieder lesen, Zigarette...

Beobachtet man Stuckrad-Barre beim Rauchen, muss man ihn, klar, der Pose verdächtigen. Unbemerkt vom Publikum pafft Stuckrad-Barre den ganzen Abend über Rauchringe, die über seinen Schädel aufsteigen und dann durch den Raum wabern. Rauchen. Oder wie es der Autor selbst nennen würde: sehr, sehr gut aussehen.

Dauerwitz des Abends

Will jemand sein Feuerzeug mit Stuckrad-Barre tauschen?

Stuttgart-Freiburg-Bruchsal-Gags

Natürlich, eine Lesung braucht Pointen. Und natürlich ziehen die über andere Städte am besten. Stuttgart: hässliche Betonstadt voller menschenhassender Architekten. Bruchsal: klingt wie eine Diagnose. Münster: schlimmste Ökostadt Deutschlands, in der alle immer "quasi" sagen. Leipzig: Stasi-Wachteln im Publikum. 

"Ihr braucht jetzt aber nicht so zu lachen mit eurem ... Städtchen hier."

Immerhin: Stuckrad-Barres Frau, die Journalistin Inga Grömminger, ist Freiburgerin. Ob es "des isch" oder "desch is" heißt, weiß Stuckrad-Barre trotzdem nicht. Sagt er zumindest.

Gags, die keine sind - und trotzdem funktionieren

"In Karlsruhe", sagt Stuckrad-Barre, "gab es fancy Black-Forest-Sprudel zu trinken. Hier dagegen nur Quintus-Quelle." Das Publikum lacht sich schlapp. Das hat er absichtlich gemacht, wetten?

Benjamin und die Nazis

Auf der Bestsellerliste stünden dutzende Nazi-Bücher, sagt Stuckrad-Barre. Sarrazin auf der eins, "Mein Kampf - eine kritische Edition" auf der zwei. Das könne doch nicht sein.

Stopp! Wird er, der ewig Oberflächliche, der Famesuchti, jetzt tatsächlich politisch? Verstößt er gegen den uralten Harald-Schmidt-Kodex, wonach Ernsthaftigkeit mit allen Mitteln zu vermeiden und immer durch Ironie gebrochen werden muss?

Natürlich nicht. Man solle jetzt schnell sein Buch kaufen, sagt Stuckrad-Barre. Dann könne er die Nazis noch überholen. 

Mehr dazu:

[Foto: Julica Goldschmidt]