Wie tolerant sind Freiburger?

Frederik Baumann

Sind Freiburger wirklich so tolerant, wie man vielleicht meinen könnte? Wir wollten das von vier Menschen wissen, die sich öfters als andere mit dieser Frage auseinandersetzen müssen: Ein körperlich Behinderter, ein Gepiercter, eine Schwarzafrikanerin und ein Schwuler.



Ismael sitzt wegen eines Genfehlers im Rollstuhl

"Freiburg ist schon eine einigermaßen tolerante Stadt. Mir gegenüber hat sich noch niemand direkt rassistisch oder ähnlich diskriminierend geäußert. Im Gegenteil: Die Menschen begegnen mir größtenteils mit Respekt und Offenheit. Das soll aber nicht heißen, dass alle total tolerant und offen sind. In Freiburg gibt man sich gerne weltoffen, solange es einen nicht unmittelbar betrifft. Man geht zum Beispiel gern beim Türken etwas essen, wenn dieser mit seiner Familie nicht gleich nebenan wohnt. Hier sehe ich auf jeden Fall noch Handlungsbedarf, um solche Mauern einzureißen.

Alles in Allem sind dies aber eher kleinere Probleme. In anderen Städten gibt es mit Diskriminierung und Toleranz viel größere Schwierigkeiten. Obwohl mich ein paar Kleinigkeiten stören, fühle ich mich hier dennoch sehr gut aufgehoben."



Fabian, 21, hat über 40 Piercings

"Die Freiburger sind relativ tolerant. Es sind aber nicht die Leute, von denen man glaubt, dass sie einen anstarren würden. Es sind eher solche, die selbst ein Hochmaß von Toleranz erwarten und den anderen selbst kein Stück davon entgegenbringen. So hab ich das zum Beispiel auf Schwulenpartys erlebt.

Im Moment arbeite ich in einer Seniorenwohnanlage. Die Leute dort haben kein Problem mit meinen Piercings. Klar kommt ab und zu die Frage: "Tut das nicht weh?" Oder: "Stört das nicht beim Essen und Küssen?" Mich stört es überhaupt nicht. Denn Piercings sind für mich ein Schmuck und ein super Trick, bevorzugte Köperstellen zu betonen und andere zu kaschieren.

Komisch reagieren Leute eher, wenn ich meine Narben zeige. Dafür haben die Wengisten Verständnis, da wird auch gegafft. Ich erinnere mich, wie eine sehr gute Freundin von mir richtig sauer wurde und meinte: "Bist du bescheuert? Was kommt als nächstes? Willst du dich an Fleischerhaken aufhängen?"

Freiburg werde ich wahrscheinlich bald verlassen. Mich nervt einfach diese möchtegern-grüne Haltung. Scheinbar wird hier ja alles toleriert. Aber in welchen Situationen soll das gelingen, wenn selbst die Menschen, die Toleranz erwarten, keine für andere übrig haben?"

Alexis, stammt von der Elfenbeinküste

"Ich habe in Freiburg nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Ab und zu schauen mich sowohl jüngere als auch ältere Bürger komisch an. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen, aber manchmal werde ich anders behandelt. Bei der Wohnungssuche zum Beispiel. Vermieter geben hier nicht selten Europäern den Vorzug. Aber auch bei Gruppenarbeiten an der Universität sind schon seltsame Dinge passiert: Einmal wurde ich ausgelacht, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist und ich der deutschen Sprache nicht so mächtig bin wie gebürtige Deutsche.

Schwachstellen bei der Integration gibt's daher immer noch zu viele. Die Menschen müssen aufhören, mit uns Dunkelhäutigen nur Krieg, Armut und Kriminalität zu assoziieren. Diese Themen haften uns leider noch zu sehr an. Wir können genauso studieren, arbeiten und Kinder erziehen wie andere auch!"



Mike, 27, schwul

"Freiburg ist in der letzten Zeit immer toleranter geworden. Wenn ich mit meinem Freund Hand in Hand durch die Stadt gehe, wird man hin und wieder noch angeschaut. Nicht nur von Älteren, auch von Jüngeren. Vor fünf Jahren war das schlimmer. Damals drehten sich reihenweise die Passanten nach uns um. In meinem engeren Umfeld wird meine Homosexualität akzeptiert. Hauptsächlich sieht man in mir die Person mit ihrem Charakter, also den Bruder, den Cousin, den Kumpel, den Pfleger.

Leider existiert keine Bar mehr wie das Tiffanys. Zwar gibt's noch die Sonderbar, aber die ist wirklich sehr klein und im Les Gareçons im Bahnhof ist man nicht unter sich. Ein "Tiffanys" gehört hier wieder her. Ein kleiner Club, in dem man sich auch mal abends auf ein Glas Sekt treffen kann. In Freiburg kennt jeder jeden. Manchmal ist das ganz nett, manchmal aber auch nervig. Um sich als Schwuler hier richtig wohlzufühlen, fehlt es an vielen anderen Schwulen und vielen Vereinen, Läden und Clubs, die unterm Regenbogen stehen."

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