Wie Studierende aus China in Freiburg leben

Annika Gawlik

436 Studierende aus der Volksrepublik China sind aktuell an der Albert-Ludwigs-Universität eingeschrieben – mehr als aus jedem anderen Land der Welt. Warum sind sie nach Freiburg gekommen? Was studieren sie, wonach streben sie und wie gefallen ihnen Deutschland und seine komplexe Sprache? Wir haben fünf von ihnen gefragt.



Yang Wenchao

 


Wenchao ist seit drei Monaten in Deutschland – gekommen ist er aus rein wissenschaftlichen Gründen. Als Teil eines  80 Personen starken Teams forscht der 27-Jährige an der Verbesserung von MRT-Geräten; die Hälfte seiner Doktoranden-Kolleginnen und -Kollegen kommt nicht aus Deutschland.

Wenchaos Familie gehört zu den offiziell sechs Millionen Katholiken in China. „Durch meine wissenschaftliche Bildung habe ich den Glauben verloren, aber ich hoffe, dass er irgendwann zu mir zurückkehrt“, sagt er. Trotzdem geht Wenchao in Freiburg oft zur Messe, dort hat er auch  erste Kontakte zu Deutschen geknüpft. Die meisten seiner Freiburger Freunde sind trotzdem Chinesen. Das liegt an sprachlichen und kulturellen Barrieren, findet er. „Die Deutschen sind aber nett“, sagt Wenchao. Als er seine Mikrowelle zu Fuß nach Hause hatte bringen wollen, habe ihn sogar ein Autofahrer angesprochen und nach Hause gefahren.

Wenchao findet es toll, dass in Deutschland jeder krankenversichert ist. „Diese Nachricht muss ich in China verbreiten!“, sagt er euphorisch. Außerdem mag er, dass der Himmel hier so blau ist und man auf der Straße Fahrrad fahren kann. „Das ist gesund für Körper und Umwelt.“ Auch die Tram mag er – besonders ihre Pünktlichkeit.

Li Tong


Ausgerechnet die Tram war für Tong zu Beginn ihres Studiums in Freiburg ein Mysterium. Genauer gesagt: die Tram-Schienen, die die Straßen Freiburgs durchziehen. Im sonst überaus geregelten Deutschland sind Unwissende hier auf sich allein gestellt: So machte die 24-Jährige vor den Straßenbahnschienen halt, bis sie schließlich allen Mut zusammennahm und hinüberschritt.

Sprache und Kultur stellen für Tong längst kein Problem mehr dar. Zu Beginn ihres Master-Studiums in Interkultureller Germanistik fiel es ihr noch schwer, Professoren und Kommilitonen zu verstehen. Doch jetzt, im dritten Semester, hat sie viele deutsche Freunde – auch dank Aktivitäten wie den Studitours des Studierendenwerks, bei denen ausländische und deutsche Studierende zusammen Ausflüge unternehmen.

Kontakte mit Deutschen knüpfte Tong bereits während ihres Bachelor-Studiums in Wuhan. Die Universität hat eine Partnerschaft mit der Uni Aachen. Deshalb tummelten sich auch Deutsche auf dem Campus – für die Germanistikstudierenden natürlich ein großes Glück. Ob sie für immer in Deutschland bleiben würde? „Niemals!“, sagt Tong entschieden. „Das Essen hier schmeckt nicht!“ Aber eine Sache mag sie doch: „Schwarzwälder Kirschtorte ist super!“

Dou Xukai



Xukai beschäftigt weniger das Essen als vielmehr die deutsche Philosophie. Vier  bis fünf Jahre möchte er in Freiburg bleiben, um seine Promotion über die Freiburger Philosophen Husserl und Heidegger zu schreiben. Freiburg bedeutet für den 28-Jährigen Freiheit, die Atmosphäre in der Stadt inspiriert ihn.

Xukai ärgert sich nur über die hohen Buchpreise und die Vorurteile der Deutschen gegenüber China: „Demokratie kann nicht über Nacht kommen, sie muss sich entwickeln.“ Dass sich in seiner Heimat etwas entwickelt, dessen ist sich Xukai gewiss. Und dazu will er auch beitragen: Wie der vor etwa tausend Jahren lebende Buddhist Xuanzang will er als Botschafter neuer philosophischer Ansätze nach China zurückkehren. Xuanzang war so etwas wie der buddhistische Martin Luther: Nach einem 19 Jahre währenden Studium in Indien kehrte er nach China zurück, um zahlreiche Schriften ins Mandarin zu übersetzen. Zum Dank widmete man ihm die berühmte Wildganspagode in Xi'an.

China gewährt Xukai zum quasi vorgezogenen Dank ein Stipendium, mit dem er in Deutschland gut leben kann. Dafür muss er allerdings auch zurückkehren, sobald seine Arbeit fertig ist.

Xian Yishi

An die Rückkehr nach China denkt Yishi (Bild ganz oben) noch nicht, sie ist erst vor drei Monaten in Freiburg angekommen. Die 22-jährige Anglistikstudentin wohnt in einer deutsch-schweizerischen WG, in der seit Weihnachten nur noch Deutsch gesprochen wird. „Deutschland ist gemütlich“, findet sie. „Die Menschen haben Zeit.“ Außerdem mag Yishi, dass Freiburg gut überschaubar ist; man muss nicht Stunden vor einem geplanten Treffen losfahren, das mache das Leben spontaner als in China.

Etwas vermisst sie aber doch: die Straßenstände, an denen man nachts fettiges Essen aus Plastiktüten essen und dazu Qingdao-Bier trinken kann. Auf die Idee, nach Deutschland zu kommen, kam Yishi, nachdem ihre Familie ein Jahr lang einen deutschen Gastschüler aufgenommen hatte, der viel von seiner Heimat geschwärmt hatte.

An Weihnachten hat sie seine Familie in Münster besucht – ihr Gastbruder war nicht da, er lebt momentan in Shanghai.

Zhang Bin


Für Bin ist die Zeit in Freiburg jetzt vorbei. „Ich will aber auf jeden Fall wiederkommen“, sagt der 28-Jährige. Er hat an der Albert-Ludwigs-Universtität Materialwissenschaft studiert und tritt nun seinen ersten Job an – für Volkswagen in Peking. Obwohl nur etwa die Hälfte der Beschäftigten dort aus Deutschland kommt, ist die Arbeitssprache Deutsch.

Bin wäre gern in Freiburg geblieben, doch er hat keine Arbeitsstelle gefunden. Studiert hat er auf Englisch, das ist seiner Meinung nach ein großes Problem: „Viele Ausländer kommen zum Studium nach Deutschland und können dann aufgrund ihrer mangelhaften Sprachkenntnisse keinen Job finden. Sie konzentrieren sich beim Studium nur aufs Fachliche und lernen schlecht oder gar nicht Deutsch.“

Sein Verbesserungsvorschlag: Das Studium sollte teilweise auf Deutsch stattfinden oder fachspezifische Sprachkurse enthalten.

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[Bild 1: Linn-Marie Hahn, Rest: Annika Gawlik]