Wie sich ein blinder Mensch durch Freiburg bewegt

Felix Klingel

Durch den Trubel der Freiburger Innenstadt zu kommen, ist nicht einfach. Hans Georg Fischer hat damit erstaunlich wenig Probleme – obwohl er kaum sieht. fudder hat ihn begleitet und herausgefunden, wie sich Blinde in der Stadt orientieren.

Blaue Flecken gehören eben dazu, sagt Hans Georg Fischer nach einer unsanften Begegnung mit einem Laternenmast. Er schüttelt kurz die Schultern, dann dreht er sich am Mast vorbei – und es geht weiter durch die Freiburger Innenstadt. Hans Georg Fischer ist blind, er sieht nur wenige Kontraste. Trotzdem bewegt sich der 65-Jährige sicher durch die Fußgängerzone, umgeht Bänke, Pfeiler und Mülltonnen. Außerdem weiß er immer genau, wo er gerade ist, biegt rechtzeitig in jede noch so kleine Seitengasse ab. Wie macht er das? fudder war mit ihm unterwegs, und hat herausgefunden, wie sich blinde Menschen in der Stadt orientieren.


Hilfe Nr. 1 : Leitindikatoren auf der Straße

Leitindikatoren auf der Straße

Die vielen weißen Streifen und Noppen auf der Straße sind nicht zur Zierde da. Hans Georg Fischer kann sich mit ihnen sicherer durch die Stadt bewegen. Meistens sind sie vor Ampeln, Straßenübergängen oder Haltestellen angebracht. Mit dem Blindenstock erfühlt Fischer sie beim Laufen. Die Noppen deuten ihn auf eine Gefahrenstelle hin, also etwa eine Bahnsteigkante. Die Leitlinien führen zu besonderen Punkten, etwa zu einer Ampel.

Hilfe Nr.2 : Das Gehör

"Ich muss mit all’ meinen anderen Sinnen arbeiten", sagt Hans Georg Fischer. Besonders wichtig sei dabei das Gehör. Kommt Fischer zu einem Straßenbahnübergang, bleibt er stehen und hört erst einmal,was um ihn herum passiert. Fährt gerade eine Bahn? Laufen andere Menschen über die Gleise oder bleiben sie stehen? So kann er ausmachen, wann es für ihn sicher ist zu Laufen. Außerdem probiert er gerade eine neue Technik aus: Mit einem Zungenschnipsen erzeugt er Klopflaute, die sich je nach Umgebung anders anhören. So versucht er sich zu orientieren. "In einer leisen Umgebung ist das deutlich einfacher, als in der lauten Fußgängerzone."

Hilfe Nr.3: Blindenschrift

Blindenschrift am Hauptbahnhof

An einigen markanten Punkten in Freiburg orientiert sich Hans Georg Fischer mit der Hilfe von Blindenschrift. Am Hauptbahnhof steht etwa die Gleisnummer auf den Handläufen bei den Treppen in Brailleschrift. Das ist die wohl bekannteste Blindenschrift, die über Punktmuster funktioniert.

Hilfe Nr.4: Stadtkenntnis

Obwohl Fischer nichts sieht, weiß er in der Freiburger Innenstadt immer genau, wo er sich befindet. "Ich nutze dazu Orientierungspunkte, die sehenden Menschen wahrscheinlich kaum auffallen", sagt Fischer. Dazu muss er einen genauen Plan der Stadt im Kopf haben – und sich dann an der Bodenbeschaffenheit, festen Mülltonnen oder Toilettenhäuschen orientieren. "Natürlich verliert man sich mal und weiß nicht mehr, wo man ist. Aber dann fragt man eben nach." In unbekannten Gegenden ist Fischer daher lange nichts so selbstsicher unterwegs wie in der Freiburger Innenstadt, die er schon seit Jahrzehnten kennt.

Hilfe Nr.5: Blindenampel

Blindenampel in Freiburg

In Freiburg gibt es viele verschiedene Arten von Blindenampeln. Die neueren Modelle geben Töne von sich, außerdem hilft ein vibrierender Taster an der Unterseite der gelben Kästen, um zu erkennen, wann grün ist. Bei älteren Ampeln gibt es nur diesen Taster, keine Töne: "Fahrradfahrer lehnen gerne an die Masten, um nicht umzufallen. Dann komme ich schlecht an den Taster ran, deshalb bevorzuge ich die neuen Modelle", sagt Fischer.

Besondere Schwierigkeit: Baustellen

Baustelle in Freiburg

Baustellen sind für blinde Menschen eine besondere Herausforderung, da sie übliche Wege abschneiden und manchmal nicht blindengerecht aufgebaut sind. Fischer erzählt von Problemen mit den Bauzäunen: "Die durchsichtigen Draht-Bauzäune sind für mich nicht zu erkennen, da sie keine Kontraste bieten. Gefährlich sind dabei aber die Fußplatten, die manchmal in den Weg reinstehen und über die man leicht stolpert."

Die Zukunft: 3D Drucker

3D Drucker sind nicht nur Spielzeuge für Nerds: Der Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden hat sich gerade so ein Teil angeschafft, erzählt Fischer. Damit können kostengünstig ertastbare Pläne von Straßen oder Gebäuden gedruckt werden. Im öffentlichen Raum in Freiburg gibt es solche sogenannten Relief-Pläne für Blinde nicht, so Fischer. Dank der neuen Technik können sich Menschen selbst damit versorgen.
Zur Person

Hans Georg Fischer ist 65 Jahre alt und lebt in Freiburg. Er hat lange Zeit als Bäcker gearbeitet – bis seine abnehmende Sehfähigkeit das nicht mehr zuließ. Er verlor sein Augenlicht fast komplett durch eine Netzhautablösung. Also arbeitete er als Telefonist an einem speziellen Arbeitsplatz für blinde Menschen. Inzwischen ist Fischer in Rente gegangen und ist im Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden aktiv.

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