Wie nutzen Schüler Wikipedia?

Katharina Wenzelis

Schüler mögen die größte Online-Enzyklopädie der Welt, denn Wikipedia erleichtert die Recherchearbeit für Hausaufgaben und Referate. Pädagogen sehen das Web-Lexikon allerdings zwiespaltig: Wikipedia sei eine Bereicherung, allerdings nur dann, wenn man richtig damit umzugehen weiß. Wir haben nachgefragt, wie hoch der Abkupfer-Faktor von Wikipedia ist - beziehungsweise die Verlockung, ihn zu nutzen.



Die Schülerperspektive

Cora (17), Albana (17) und Julie (18) (von links) sind Schülerinnen des Goethe-Gymnasiums in Freiburg. Sie nutzen Wikipedia recht häufig, besonders zu Beginn einer Hausarbeit oder eines Referats, um sich einen Überblick zu verschaffen. "Oft orientiere ich mich an der Gliederung eines Wikipedia-Artikels und benutze dann aber noch weitere Quellen", sagt Albana.

Die meisten Lehrer des Gymnasiums gehen offen mit Wikipedia um und erlauben ihren Schülern, Wikipedia zur Informationsgewinnung zu nutzen. "Es gibt aber auch Lehrer, die sehr kritisch sind und uns von Wikipedia abraten", so Julie.

"Natürlich gibt es auch Schüler, die einen kompletten Text aus Wikipedia kopieren oder auch von Webseiten wie Hausaufgaben.de abkupfern", sagt Julie. "Da kommt es ganz auf den Lehrer an, ob man damit durchkommt. Manche prüfen Internetquellen überhaupt nicht und andere googeln das ganze Internet durch."

Im Deutschunterricht haben die Schülerinnen gelernt, wie man sinnvoll recherchiert - "auch, wie man das Internet für Recherchezwecke nutzen kann. Dabei haben wir auch über Wikipedia gesprochen", sagt Albana. Sie weiß aus dem Unterricht, dass Wikipedia-Artikel auch fehlerhaft sein können. Ihre Freundin Cora sagt: "Ich vertraue meist auf das, was in Wikipedia steht und prüfe nur Informationen aus Artikeln, die mir unzuverlässig erscheinen. Wenn man sich mit einem Thema intensiv beschäftigt, dann merkt man schon, ob ein Eintrag gut ist oder nicht."

Goran (19), Andreas (19) und Dominik (19) (von links) vertreten eine ähnliche Meinung wie die Mädchen. Die drei Schüler des Goethe-Gymnasiums machen dieses Jahr Abitur und benutzen Wikipedia sehr häufig zum Lernen und Recherchieren. "Wikipedia ist einfach genial, um sich über ein Thema einen ersten Überblick zu verschaffen", sagt Andreas.



"Bei meinem Lehrer müssen wir Informationen, die aus Wikipedia stammen, zusätzlich mit einer anderen Quelle bestätigen. Wikipedia als ausschließliche Quelle lässt er nicht durchgehen", sagt Dominik. "Ich finde das sehr sinnvoll."

Goran erzählt, dass viele Lehrer die Quellenangaben prüfen und auch schon manchen Schülern auf die Schliche gekommen sind. "Es kam schon mal vor, dass Fünfer und Sechser verteilt wurden, weil Schüler ganze Passagen aus Wikipedia kopiert haben."

Die Lehrerperspektive

Dr. Erich Schmitz, Direktor des Friedrich-Gymnasiums, hält es für wichtig, dass seine Schüler lernen, wie man im Internet richtig recherchiert. "Meiner Meinung nach dürfen Informationen gerne aus dem Internet stammen, auch von Wikipedia, aber unter der Auflage, dass die Schüler diese Informationen nachprüfen, zum Beispiel mit einem Lexikon."

Nach den Erfahrungen von Christian Heigel (29), Referendar am Schwarzwald-Gymnasium in Triberg, nutzen die Schüler Wikipedia sehr häufig:"Zur Recherche, das dürfen sie auch, wenn sie die Website als Quelle angeben. Leider kommt es aber auch vor, dass Schüler ganze Wikipedia-Artikel einfach kopieren und sich mit dem Thema nicht richtig auseinandersetzen. Das merkt man als Lehrer sehr schnell, beispielsweise, wenn Schüler bestimmte Sachverhalte nicht in eigenen Worten wiedergeben können."

Prizipiell sieht er Wikipedia aber als tolle Möglichkeit für Schüler. "Unsere Aufgabe als Lehrer ist es, den Schülern eine umfassende Medienkompetenz zu vermitteln. Sie sollen lernen, mit den Recherchemöglichkeiten kritisch und sinnvoll umzugehen."



Auch Dirk Bersch, Deutsch- und Sportlehrer am Friedrich-Gymnasium, sieht in Wikipedia eher eine Bereicherung als eine Gefahr. "Die Schüler können auf diese Weise schnell an viele Informationen kommen. Allerdings muss man ihnen beibringen, wie mit diesen Informationen umzugehen ist. Das ist die Aufgabe von uns Lehrern."

Für Bersch ist es in Ordnung, wenn Schüler mit Wikipedia arbeiten, wenn die Online-Enzyklopädie nicht die einzige Quelle darstellt. Bersch nutzt Wikipedia häufig auch selbst: "Wikipedia ist auch für Lehrer eine Bereicherung."

Für Lehrer sind neuen Medien wie Wikipedia eine Herausforderung. "Ich denke, dass die Vorteile von diesen Medien überwiegen. Abgeschrieben und kopiert wurde früher schließlich auch schon, nur aus Büchern statt aus dem Internet."

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Infobox: Wikipedia

Der Name Wikipedia setzt sich zusammen aus dem hawaiianischen Wort für Eile, Wikiwiki, und dem englischen Wort für Enzyklopädie, encyclopedia. Das Projekt verfolgt das Prinzip, dass viele freiwillige Autoren aus unterschiedlichen Fachgebieten ihr Wissen zusammentragen, um eine stetig wachsende Online-Enzyklopädie zu schaffen. Jeder, der das Bedürfnis hat, sein Wissen mit anderen zu teilen, kann bei Wikipedia neue Beiträge veröffentlichen, sowie einen bestehenden verändern oder mit weiteren Informationen anreichern.

Auf diese Weise kommen viele informelle Beiträge zu den unterschiedlichsten Themen zusammen. Die deutsche Webseite ist mit 854.958 Artikeln derzeit die zweitgrößte Wikipedia nach der englischsprachigen, die über zwei Millionen Artikel zählt. Das ist der große Vorteil von Wikipedia - und gleichzeitig ihr Nachteil. Eine Menge Wissen wird zuammengetragen, doch ob dem Wissen eine fundierte Quelle zugrunde liegt und ob die Informationen richtig sind, darauf kann man sich in der Regel nicht verlassen.



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