Wie läuft heute eigentlich Aufklärungsunterricht ab?

Frank Zimmerman

Aufklärungsunterricht – von Schülern mit peinlicher Spannung erwartet und dann oft als langweilig abgetan. Biologielehrerin Annelie Köster klärt seit elf Jahren Schülerinnen und Schüler am Rotteck-Gymnasium auf. Was sie dabei erlebt, darüber sprach die 42-Jährige mit Frank Zimmermann. [Mit fudder-Debatte.]



Frau Köster, wenn Sie loslegen mit der Aufklärung, wird da gekichert oder herrscht ein peinliches Schweigen?

Annelie Köster: Das kommt auf die Klassenstufe und auf die jeweilige Klasse an. In der sechsten Klasse ist das Kichern groß und es herrscht eine gespannte Erwartung, in der achten wollen die Schüler schon mehr wissen als das, was sie aus der Bravo oder woher auch immer kennen. Manche Kinder wissen sehr gut Bescheid und manche sehr wenig – Zehntklässler, die nicht wissen, wann im Zyklus die fruchtbaren Tage sind.

Welche Klassenstufe ist für Sie der schwerere Brocken?

Die achte. Die Fragen, die da kommen, gehen manchmal schon in eine pornografische Richtung, da muss ich entscheiden, wo mein Bereich endet.

Sie haben sich bei dieser Gratwanderung genaue Grenzen gesetzt, was Sie erklären und was nicht?

Ja, wobei das keine Grenzen sind, mit denen ich in den Unterricht gehe. Das entwickelt sich vielmehr. In manchen Klassen kann man beispielsweise über sexuelle Praktiken von Homosexuellen sprechen, ohne dass man das Gefühl hat, dass es abdriftet, in anderen Klassen geht das gar nicht.



Gibt es noch die legendären Schulbücher mit abstrahierten Zeichnungen von Mann und Frau?

Ja, wir arbeiten mit schematisierten Zeichnungen und wissenschaftlichen Begriffen. Von Jungs kommt gerne die Frage, ob wir nicht mal einen Film anschauen können. Da sage ich natürlich Nein, das geht in der Schule nicht. Es gibt also einen Wissensdurst jenseits der reinen Sachinformation. Wenn es gut läuft, stellen sie unendlich viele Fragen. Natürlich gibt es da auch Hemmungen, deshalb lasse ich die Fragen schriftlich und anonym formulieren. Ich trenne auch mal Mädchen und Jungs für eine Stunde, da werden ganz andere Fragen gestellt.

Wie unterscheiden sich Mädchen und Jungs in ihrem Interesse für Sex?

Die Mädchen interessieren sich immer sehr fürs Kinderkriegen, Schwangerwerden, Menstruation und Verhütung. Die Jungs finden Verhütung außer das Kondom eher uninteressant. Jungs haben oft ganz viele Sorgen, dass was nicht stimmt bei ihnen: Krankheiten, Missbildungen, Hodenhochstand.

Überfordert Sie das nicht?

Doch. Deshalb holen wir auch manchmal Pro Familia dazu, wenn wir es für sinnvoll erachten – die haben noch einmal ein anderes Know-how.

Schüler erleben peinliche Momente  – dass sie vor der Klasse ein Kondom über einen Holzpenis ziehen mussten. Kann man als Lehrer so etwas nicht vermeiden?

Im Sexualkundeunterricht rufe ich niemanden auf, der sich nicht meldet. Viele sind einfach noch nicht so weit. Ich  würde das mit dem Kondom nicht machen. Wir haben auch Holzpenisse, aber ich lasse so etwas jeweils in der Jungs- und in der Mädchengruppe üben.

fudder-Debatte

Wie war Euer Aufklärungsunterricht? War er peinlich oder locker, hilfreich oder überflüssig? Wie sollte Aufklärungsunterricht heute sein?

Du bist gefragt!

 

Mehr dazu:

    [Dieser Text erscheint heute ebenfalls auf der 'Frisch gepresst'-Seite der Freiburger Lokalausgabe der Badischen Zeitung.]