Wie ich versuchte, auf dem Münstermarkt billigere Preise rauszuhandeln

Johanna Wagner

In Italien, Marokko und der Türkei handeln Verkäufer und Käufer mit Spaß und Eifer. In Freiburg handelt kein Mensch. Warum eigentlich nicht? Ein Selbstversuch:



"Ich nehme die 500-Gramm-Schale, aber nur, wenn ich sie für 1,50 Euro kriege". Ich stehe an einem Obststand auf dem Freiburger Münstermarkt und blicke in die Augen einer verständnislosen Verkäuferin. Sie schüttelt den Kopf und sagt, dass ihre Erdbeeren schon sehr günstig seien. "Da kann man nichts machen?" "Nein!" Die Marktfrau blickt über mich hinweg und strahlt den nächsten Kunden an. Eine ältere Dame in der Schlange schüttelt den Kopf. Mit rotem Kopf zottle ich ab.


Ein paar Tage zuvor hatte ich einen Gedanken, der mich nicht mehr los ließ. Auf italienischen Mercati, auf türkischen Bazaren und auf marokkanischen Souks wird doch gehandelt was das Zeug hält. Warum, fragte ich mich, macht das in Deutschland keiner? Und was passiert, wenn man es doch tut?

Zweiter Versuch: am Weinstand

Ich wage einen zweiten Versuch an einem Weinstand. Leute, die sich mit Wein auskennen, sind doch meistens reich. Vielleicht lassen die sich auf einen Deal ein? Die Verkäuferin sieht sehr böse und sehr stark aus. Ich versuche auf eine Weinflasche zu zeigen, die 7,50 Euro kostet, doch anstatt auf eine Flasche zu zeigen, umkreist mein Finger zittrig alle angebotenen Weinflaschen.

"Machen wir fünf Euro?", piepse ich. "Der Wein kostet 7,50 Euro pro Flasche", sagt sie. Das klingt ziemlich endgültig. Ich schlage trotzdem vor: "Aber machen wir doch fünf draus". "7,50 Euro", wiederholt sie stoisch. Die Frau muss denken, ich bin dumm oder betrunken. Auch hier komme ich nicht weiter.

An was könnte das liegen? Sind die Menschen hier nicht bereit für südländische Lockerheit? Sind die Preise schon von vorn herein günstiger? Verlange ich zu viel Rabatt? Oder habe ich bisher einfach schlecht verhandelt?

Über den Münstermarkt wehen italienische Sprachfetzen. Ich spitze die Ohren: In Italien wird doch gehandelt, dass kennt man vom Sommerurlaub mit den Eltern. Da haben deutsche Männer doch auch immer auf das gefälschte Trikot von Oliver Kahn gezeigt und dann gerufen: "Tschinkwe!" Womit sie sagen wollten: 5 Euro, mehr zahle ich dafür nicht. Was dann auch meist geklappt hat. Mich so daran erinnernd, nehme ich gleich eine andere Haltung ein. Offensive, nicht Defensive. Oliver Kahn, nicht Philipp Lahm.

Handeln wie in Italien

Schultern zurück, Kinn nach oben. Mit abfälligem Blick nehme ich das Obst in die Hand und drücke darauf herum. Ein Kilo Melonen gibt es für 3,20 Euro: "Machen wir doch 3 Euro", sage ich zu dem Verkäufer. Endlich klingt das ganze wie eine wohlüberlegte Forderung. Der Verkäufer schaut mich listig an, kneift ein Auge zu und wirft mir ein langgezogenes, erfreutes "Aaaah" entgegen, als hätte er nur auf mich gewartet.

Wir blicken uns in die Augen wie zwei Boxer im Ring. In meinem Kopf läuft das Intro von "The Eye of the Tiger". Der Händler ruft weiter laut "Aaaaah". Man braucht wohl Vokale zum Handeln, denke ich - und antworte: "Oooh". Das klappt. "Va bene, machen wir das!", sagt der Italiener lachend. Beim Endpreis schlage ich sogar nochmal 50 Cent raus. "Grazie, ciao!"

Beim Libanesen nebenan sehe ich leckere Oliven. Lauter und tiefer als jemals zuvor rufe ich: "Ich nehme die 100 Gramm, aber nur für einen Euro!" Dabei haue ich mit der Hand energisch auf die Theke. Kurz erschrecke ich mich über mich selbst, überspiele das aber gekonnt, indem ich so tue, als ob mein Erschrecken der Waren-Qualität gilt. Der Händler zieht kritisch eine Augenbraue hoch.

Wir kabbeln uns ein bisschen, dann mache ich die Sache mit den Vokalen. "...weil du es bist", sagt er schließlich. Stolz frage ich ihn: "Ich habe gut gehandelt, was?" "Bei dir", sagt er, "ist es was anderes". Dann legt er die Hände flach und deutet zwei Hügel auf seiner Brust an.

Schön und gut, beim Italiener und beim Libanesen hat das geklappt. Aber nur, weil sie das aus ihren Ländern schon so kennen, schätze ich. Was ist mit den Badnern?

Ein letzter Versuch bei einem weiteren Obstverkäufer. Eigentlich sollte ich jetzt fordern, bei ihm traue ich mich aber nur zu fragen: "Kriege ich die Erdbeeren für 1,50?" Er antwortet sofort: "Nur, weil du so lieb fragst!" Dann erzählt er mir, dass er dass ohnehin gerne mache. Vor allem Obdachlosen und Bedürftigen gebe er öfter Rabatt. Denen geben, die nichts haben, sagt sein Blick.

Ich denke an die Melone in meiner Tasche, die Oliven, meinen ohnehin vollen Kühlschrank. Dann gehe ich nach Hause.

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