Wie funktioniert eine Vernehmung? (1)

David Weigend

Wenn man selbst noch nie verhört wurde, hat man meist nur diffuse und verzerrte Vorstellungen davon, wie das abläuft. Wir sind der Frage nachgegangen und haben die Antworten in einem zweiteiligen Feature zusammengefasst. Bitte nehmen Sie Platz.

Ein Mann steht unter Verdacht, seine Tochter missbraucht zu haben. Das Mädchen, etwa neun Jahre alt, sitzt im Polizeipräsidium und soll berichten, wie sich das abgespielt hat. Vor ihr steht ein kleiner, gelber Plüschelefant. „Ja, die Mama ist runter gegangen in die Gaststätte. Die hat bedienen müssen. Um acht hab ich ins Bett gemusst. Der Papa hat dann noch die Nachrichten geschaut und ist dann zu mir ins Zimmer gekommen.“


Jetzt wird dem Kind das Erzählen peinlich. Sie wird langsamer, leiser. Vernehmungsbeamtin: „Wie ging’s dann weiter?“ Das Mädchen sagt, kaum hörbar: „Der Papa ist dann zu mir ans Bett gesessen.“ Dann kommt nichts mehr. Ein leises Schluchzen. „Was war dann? Was hat der Papa dann gemacht? Woran erinnerst du dich noch?“ Keine Antwort. „Hat er was gesagt?“ Keine Antwort. „Hat er dich unter der Decke angefasst?“ Jetzt antwortet das Mädchen wieder. „Nein. Zuerst hat er mich am Hals gepiekst.“

Lothar Edelmann lehnt sich zurück. Ein Mann von mittlerer Statur mit heiteren Augen und einem grauen Bart. Das Gesicht eines potentiellen Beichtvaters, wie sich noch herausstellen soll. Edelmann ist Dozent für Vernehmungslehre an der Akademie der Polizei des Landes Baden-Württemberg in Freiburg.

Was er da gerade erzählt, ist eine Verhörsituation, in der eine so genannte Suggestivfrage weiterhelfen kann. Eine Frage, die der Befragten die Antwort bereits in den Mund legt. Edelmann fährt fort: „Die Unter-der-Deckenfrage hat die Barriere beim missbrauchten Mädchen gelöst. Es erzählte daraufhin, wie sie sich schlafend gestellt hatte, den Körper zur Wand gedreht. Der Vater piekste ihr in den Hals, damit sie sich umdreht.“



Läuft eine Vernehmung so ab, wie man sie aus dem Tatort kennt? Ein Schimanski, der den Verdächtigen am Kragen packt, ihn schüttelt, gegen die Wand presst?

„Solche Drangsalierungen würden ein Ermittlungsverfahren gegen den Beamten nach sich ziehen“, sagt Edelmann. Er erklärt zunächst die Rahmenbedingungen einer Vernehmung. Sie besteht aus Bericht und Verhör. So regelt es die Strafprozessordnung. Bericht heißt: Die Person schildert aus freier Erinnerung und wird dabei nicht von Fragen unterbrochen. Zu diesem Bericht kann der Polizist dann Fragen stellen, um den Bericht zu präzisieren. Dieses Nachfragen nennt man Verhör.

Bevor es damit losgeht, bemüht sich der Vernehmungsbeamte darum, einen guten Kontakt zu seinem Besucher herzustellen. Die Vernehmungsetikette legt großen Wert auf diese Kontaktphase. Gute Atmosphäre schaffen. Small Talk. „Und zwar bei jedem, auch bei demjenigen, der einer schweren Straftat verdächtigt wird. Ich muss Be- und Entlastendes gleichermaßen erforschen. Meine Ressentiments gegenüber dem Verdächtigen und meine Gefühle für die ausgeraubte Oma muss ich außen vor lassen. Ich muss neutral und unvoreingenommen sein. Es darf auch nicht der Eindruck entstehen, ich wolle auf gut Freund machen“, sagt Edelmann.

Nun sitzt der Verdächtige also im Vernehmungsraum. Wie sieht der aus? So, wie man ihn im Spitzelstreifen „Das Leben der anderen“ gesehen hat? Mit Jalousien und verspiegelten Sichtfenstern?

„Für die Filmdramaturgie macht sich das natürlich gut“, sagt Edelmann. Er kenne aber keine Polizeidienststelle, die dergestalt ausgestattet sei. „Es würde auch ein anderes Problem mit sich bringen. Tatverdächtige sind sehr sensibel. Wenn der merkt, dass da hinter einer Scheibe was raschelt oder sich was bewegt, ist der in seiner Vernehmungswilligkeit befangen. Das schüchtert ihn ein, macht ihn aggressiv. Das ist für mich als Kriminalist eher hinderlich.“

Ebenso ungeeignet sei die Trennung durch einen Schreibtisch. „Ich will meinen Gegenüber ja auch ein wenig beobachten können.“ Am besten, man sitzt über Eck. Edelmann bevorzugt zur Vernehmung einen runden Glastisch. Gerade bei einer Videovernehmung habe sich der bewährt. „Wenn Kinder sich schwer tun, zu beschreiben, wie der Missbrauch stattgefunden hat, sieht man, wie sie die Finger kneten. Das ist unheimlich beredt.“

Vor der Vernehmung belehrt Edelmann seinen Gast. So lautet seine Vorschrift. Das machen die Kommissare im Fernsehgerät eigentlich nie. In der Belehrung sagt der Beamte dem Beschuldigten, was ihm vorgeworfen wird, dass er ein Schweigerecht hat und dass er nichts aussagen muss. „Das Schweigen darf ich nicht negativ interpretieren. Es ist das Recht desjenigen, der mir gegenüber sitzt. Er darf einen Verteidiger seiner Wahl konsultieren“, so Edelmann. Der Befragte darf Beweisanträge stellen und sagen: Ich hätte gern, dass dieses und jenes veranlasst wird, das das mich entlasten könnte. „Fragen Sie den Herrn Müller, der kann bezeugen, dass ich nur zugeschaut habe.“

Man darf zwar als Beschuldigter vor einer Vernehmung einen Anwalt konsultieren, aber man darf ihn nicht mitbringen in dem Sinne, dass er bei der Vernehmung anwesend sein dürfte. Das kann man nur indirekt erreichen, indem man sagt "Ohne meinen Anwalt sage ich nichts". Da man nicht verpflichtet ist, überhaupt mit der Polizei zu reden, muss dann der Polizist entscheiden, ob er die Person in Anwesenheit des Anwalts oder gar nicht vernehmen will.

Nehmen wir einmal an, man sitzt bei Herrn Edelmann nicht zum Keksverzehr, sondern deshalb, weil man eines Delikts verdächtigt wird. Nehmen wir außerdem an, dass man nicht schweigen, sondern aussagen will. Dann wird Edelmann ein Bein übers andere schlagen und einen auffordern, mal zu erzählen. Nicht alles, was man am Tag des relevanten Geschehens getan hat. Man soll den Bericht an einer logischen Stelle beginnen. Etwa beim Verlassen des Hauses. Oder beim Feierabend.

Wie gesagt, am Anfang fragt Herr Edelmann gar nichts. Er hört nur zu. Die Fragen werden aber vor allem dann notwendig, wenn es den genauen Tatbestand zu klären gilt: Einfache oder gefährliche Körperverletzung? Einbruch oder einfacher Diebstahl?

Viele Polizeibeamte benutzen beim Verhör den so genannten Fragetrichter. Am Anfang offene Fragen, die dann, wie ein Trichter, immer enger und unentrinnbarer werden.

Allerdings, so könnte man einwenden, ist doch selbst ein ausgeklügeltes Fragesystem nichts wert, wenn der Befragte lügt. Wie also kann der Polizeibeamte Wahrheit von Lüge unterscheiden?

Diese Frage soll unter anderem die zweite, morgen erscheinende Folge klären. Bis dahin gibt's noch ein kurzes Video. Darin haben wir eine Vernehmungssituation simuliert. Es geht um einen fingierten Handtaschenraub. Ich wollte herausfinden, wie man sich als Mann auf dem heißen Stuhl so fühlt.

Obwohl ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen, fühlte ich mich total unwohl. Vor allem am Anfang. Das Filmchen ist stark gekürzt. Wir wollen euch einen kleinen Eindruck geben, wie so ein Szenario aussehen könnte. An dieser Stelle herzlichen Dank an Herrn Edelmann und das Team der Polizeiakademie!

Mehr dazu:

Wie funktioniert eine Vernehmung? (Teil 2)  
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