Wie Freiburger über Facebook teilen und tauschen - für eine bessere Welt

Marius Buhl

Aufstand gegen den Konsumwahn: In Facebook-Gruppen wie "Ich kann was, was du nicht kannst" oder "Skill Sharing Freiburg" tauschen, teilen und verleihen Freiburger. Damit liegen sie im Trend – weltweit haben sich Start-Ups und Projekte der Sharing Economy verschrieben. Ob die funktioniert? Eine lokale Spurensuche.


Zum Friseur? Das kann der Fremde aus der Facebook-Gruppe auch - und zwar kostenlos

Julian de Kieviet hatte ein Problem. Sein Router war kaputt, das Internet in seiner WG tot. Normalerweise hätte er nun in ein Fachgeschäft gehen und einen neuen kaufen müssen. Der 24-Jährige hatte aber seineFacebookgruppe „Ich kann was, was du nicht kannst“. In die schrieb er: „Moin, hat jemand zufällig eine FritzBox übrig oder zu viel? Ich könnte euch im Gegenzug Inception auf DVD schenken.“ 40 Minuten vergingen, da antwortete User Wolfram: „Ich habe eine, die ich schon die ganze Zeit los werden will!“ Julian fuhr los, holte den Router ab und übergab die DVD.


Perfekt für Julian, perfekt für Wolfram, schlecht für den Einzelhandel. Und doch ein weltweiter Trend, den Experten Sharing Economy nennen. Gemeinsamer Nenner: Wir kaufen nicht –  wir teilen und tauschen, egal ob Dinge oder Dienstleistungen.

Die Idee: Ressourcenschonung

Drei Jahre ist es her, da hatte Julians Freund Jannis Kaiser die Idee zu „Ich kann was, was du nicht kannst“. Jannis kannte Julian aus dem Psychologie-Studium, Julian war bei der Gruppe von Anfang an dabei. Als Jannis ins Ausland ging, übernahm Julian die Leitung der Gruppe. Die Intention von Anfang an: Jeder hat Fähigkeiten und Gegenstände, die ein anderer braucht.

Tauscht man sich aus, entsteht eine Win-Win-Situation. Anfangs fanden die Tauschgeschäfte vor allem unter Freunden statt: eine Handschleifmaschine gegen Bananenbrot, ein Kaffeeservice gegen Schwarzwälder Kirschtorte, ein Mischpult gegen Eintrittskarten zu einer Zaubershow.

Dann wurde die Gruppe größer, inzwischen tauschen knapp 900 Freiburger. Julian findet das super –  aus zwei Gründen: „Erstens können Studenten so einiges an Geld sparen. Zweitens schonen wir Ressourcen. Denn all die Dinge, die wir brauchen, liegen irgendwo bereits ungenutzt bereit. Durch das Internet ist die Kommunikation so einfach geworden, dass der Tausch auch stattfinden kann.“


Julian de Kieviet - der Administrator von "Ich kann was, was du nicht kannst"

Ressourcenschonung –  ein Thema, dem sich neben der kleinen Freiburger Facebook-Gruppe weltweit tausende Start-Ups und Projekte verschrieben haben. Beim Carsharing nutzen fremde Menschen Autos gemeinschaftlich, Uber und BlaBlaCar organisieren Mitfahrgelegenheiten, bei Airbnb kann man die eigene Wohnung Reisenden „leihen“. Doch die neuen Angebote verdrängen alte, die wiederum protestieren: das Hotelgewerbe gegen Airbnb, das Taxigewerbe gegen Uber, die Bahn gegen BlablaCar.

Der Stein des Anstoßes: Oft sind die neuen Anbieter deutlich billiger, Facebook-Gruppen wie „Ich kann was, was du nicht kannst“ vermitteln einst kostspielige Dienstleistungen sogar kostenlos. Die Befürchtung: Wer geht noch zum Friseur, wenn man bei Facebook innerhalb kürzester Zeit jemanden findet, der einem die Haare kostenlos schneidet? Wer beschäftigt die Umzugsfirma, wenn User gegen Almosen helfen?

Co-Working - Teilen am Arbeitsplatz

Hagen Krohn, Gründer des Freiburger Co-Working-Spaces Grünhof, findet das nicht schlimm. „Ich habe keine Angst um den Einzelhandel. Kompetenz setzt sich bei Dienstleistungen durch, den Leuten ist die Frisur dann doch zu wichtig. Bei Konsumgütern hingegen ist die Idee  doch perfekt. Nicht jeder braucht einen Billigbohrer – wenn sich ein ganzes Haus einen hochwertigen teilt, ist viel gewonnen.“

In seinem Co-Working-Space Grünhof hat Hagen Krohn diese Idee aus den sozialen Netzwerken ins Arbeitsleben übertragen. Dort teilen sich  Kreative einen Raum, in dem sie gemeinsam an Projekten arbeiten. „Wir teilen nicht Konsumgüter oder Dienstleistungen, sondern Fähigkeiten.“ Einer kann Statistik, einer hat Ideen, einer ist ein guter Werber – gemeinsam sind sie stärker.

Egal ob Tauschhandel, Co-Working oder Carsharing – all diese Projekte verfolgen das Ziel einer besseren Welt. Kann das klappen? Es gibt Bedenken. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte vor einem Jahr bereits einen Abgesang. Einer der Hauptvorwürfe: Die Sharing Economy ermutige uns, das ganze Leben als Kapital zu betrachten. Das Haus? Kann man zwischenvermieten. Das Auto? Mit Mitfahrern vollstopfen und Geld damit verdienen. Den Umzug? Kostenlos machen lassen.

Am Anfang geben, später nehmen

Deshalb will Andreas Ostermann die Sache anders angehen. Auch der 33-jährige Mathematiker hat eine Facebook-Gruppe gegründet. Deren Name: „Skill Sharing Freiburg“. Sein wichtigstes Anliegen hat er in die Gruppenbeschreibung geschrieben: „Es soll hier keine Marktplatzmentalität entstehen.“

Sein Ziel sei es, anderen eine Fähigkeit zu schenken, um gemeinsam eine gute Zeit zu haben – und nicht das Feilschen und Verhandeln um Tauschgeschäfte. Das klappt leider nicht immer: Manchmal bleiben Anfragen und Angebote unbeantwortet, wie bei einer Frau, die Ukulele lernen wollte.

Auch Julian de Kieviet von „Ich kann was, was du nicht kannst“ ist etwas aufgefallen: „Am Anfang hatten wir viele Personen, die ihre Fähigkeiten angeboten haben. Inzwischen wollen die Leute immer öfter etwas haben. Das wollten wir so eigentlich nicht!“

Sharing Economy

Der Begriff Sharing Economy stammt vom US-Ökonomen Martin Weitzman. Seine These: Je mehr wir teilen, desto besser geht es der Gesellschaft. Natürlich ist die Idee des Teilens und Tauschens nicht neu, sondern wurde schon in der Steinzeit praktiziert. Relativ neu sind aber die Möglichkeiten, die soziale Netzwerke bieten: Mit ihrem Aufkommen erstarkte auch die Teil-Kultur. Egal ob Autos, Werkzeug, Häuser oder Essen – geteilt wird über Facebook und spezielle Apps wie Airbnb, Blablacar und Uber fast alles.

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[Foto: Jo.Sephine/Photocase.de]