Wie finden junge Muslime durch Musik eine Identität? An der Uni findet der Workshop "Rocking Islam" statt

Fabian Thomas

Das Bild des jungen Muslimen, der durch HipHop seine Identität findet, ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. Dabei gibt es noch so viele andere identitätsstiftende Musik, sagt Fatma Sagir, die kommende Woche die Konferenz "Rocking Islam" organisiert.

Frau Sagir, um was geht es im Workshop "Rocking Islam"?

Fatma Sagir: In dem Workshop geht es um Musik und die Rolle von Musik in der Identitätsfindung von jungen Muslimen. Dazu gibt es in Europa schon einige Arbeiten. Allerdings habe ich festgestellt, dass viele aus der Perspektive drauf gucken, wie ein jugendlicher, meist männlicher Delinquent irgendwie durch Rap oder Hip-Hop doch noch zu einer Identität findet. Das ist eine wichtige Perspektive und mit dieser Tagung möchte ich diese Perspektive gerne ergänzen.

Zum Beispiel habe ich im Guardian über eine muslimische Schulmädchen-Band aus Indonesien gelesen. Die machen Thrash Metal und können das auch mit ihrer islamischen Identität vereinbaren. Das ist für sie auch halal und sie können auch kritische Texte singen. Das weicht ein bisschen von der Wahrnehmung ab, die wir aktuell in der Wissenschaft haben.

Was wollen sie damit erreichen?

Ich möchte daher solche Phänomene aufgreifen und einen Beitrag dazu leisten, dass der Diskurs über Muslime in dieser Gesellschaft differenzierter wird. Ich möchte zeigen, dass es eben auch Kulturleistungen von Muslimen gibt – abgesehen von Getto Rap. Außerdem gibt es am Freitagabend ein "Open House" im Goethe Institut in Freiburg.

Ich wünsche mir, dass es zu einem Dialog kommt zwischen Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit. Damit nicht jeder in seiner Bubble bleibt. Ich wünsche mir, dass die Menschen auch ein bisschen beeindruckt sind von dem was sie auf unserer Veranstaltung sehen und sie mit anderen darüber sprechen.

Steht zuerst Identität, die dann durch Musik sichtbar gemacht wird oder beeinflusst Musik auch die Identität?

Ich glaube, beides geht Hand in Hand, und wir haben auch Vorträge, die von beidem ausgehen. Es gibt zum Beispiel das Panel "Sounds, Lyrics, Audiences", das erforscht wie Identität in der Musik hörbar gemacht wird. Die schauen, was für Texte verwendet werden, welche musikalischen Elemente aufgegriffen werden und wie das Publikum reagiert. Identität ist ein vager Begriff für ein noch vageres Phänomen. Ich habe die Tagung "The Making of Muslim Identities" genannt, weil ich den Fokus darauf legen will, wie sich die Auseinandersetzung mit Identität ganz praktisch im Bereich der Musik äußert.

Was für Musik hören Sie gerne?

Ich höre gerne Oldschool Hip-Hop und Musik aus den 80ern. Ich mag die Kraft, die Hip-Hop hat, und ich mag auch besonders die weiblichen Hip-Hop Künstlerinnen aus den 80ern, die sind natürlich auch für meine Forschung besonders spannend. Ich höre auch aktuelle Musik, wie Cardi B und klassische Musik.

Warum organisieren Sie den Workshop Rocking Islam?

Im Rahmen meines Post-Doc Projekts "Muslim Lifestyle" forsche ich zu jungen Muslimen aus der digitalen Kultur mit den Schwerpunkten Mode und Musik. Mit der Veranstaltung möchte ich erstens zeigen, welche Phänomene muslimischer Popkultur es eigentlich gibt. Zweitens hoffe ich, dass unsere Beiträge in die Gesellschaft hineinwirken können. Dass Menschen wissen, was wir tun.

Diese Veranstaltung wird unter Anderem gefördert von der Robert Bosch Stiftung, die ja den Auftrag hat, den Dialog mit der Gesellschaft zu fördern. Innerhalb der Wissenschaft wünsche ich mir, dass wir nicht nur in die Terrorismusforschung gucken, wenn wir über junge Muslime reden. Wenn wir nur über Extremismus reden, werden alle anderen Elemente, die der Islam ja auch hat, ausgeblendet.

Welches Programm erwartet die Gäste von Rocking Islam?

Es gibt Vorträge von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, zum Beispiel von Su’ad Abdul Khabeer, der Autorin von Muslim Cool, die per Skype zugeschaltet wird. Sie entwickelt die These, dass "Blackness" auch für Muslime interessant ist, die selber nicht schwarz sind, aber sich aber sich sehr stark mit schwarzer Kultur identifizieren.

Darüber hinaus haben wir Künstler eingeladen. Es kommt zum Beispiel Arshia Fatima Haq. Sie sammelt vom Verschwinden bedrohte Musik, die es digital gar nicht mehr gibt. Sie ist oft in den Gegenden der ehemaligen Seidenstraße gewesen, und hat da ihren Recorder irgendwo hingestellt oder hat alte Kassetten gesammelt, und so sehr viel Musik archiviert.

Sie hat mir erzählt, dass alte, arabische Seemannslieder für eine Kunstinstallation auf der Manifesta in Palermo kompiliert. Das fand ich spannend, weil Palermo 200 Jahre lang muslimisch war. Ich denke, dass ist schon eine Art der Kulturleistung so an das Vergangene anzuknüpfen und darauf aufmerksam zu machen, dass eben diese Polarisierung – Islam gegen den Westen – kulturhistorisch kompletter Blödsinn ist, und eben politisch ausgeschlachtet wird. Arshia Fatima Haq ist auch ein DJ. Sie legt unter dem Motto "Discotan" auf, beim Open House am Freitag. Außerdem legt DJ Ramin Büttner aus Leipzig auf.

Bei der Abendveranstaltung am Freitag würden wir uns freuen wenn ganz viele Freiburgerinnen und Freiburger kommen. Es gibt eine kleine Einführung durch mich und man kann bei Essen und Trinken mit Künstler und Wissenschaftler ins Gespräch kommen und fragen stellen. Man auch einfach kommen und sich amüsieren.
Was: Internationaler Workshop Rocking Islam
Wann: Donnerstag bis Samstag, 27. bis 29. September
Wo: Zentrum für Populäre Kultur und Musik
Programm: Gibt’s auf dieser Website
Open House: Am Freitagabend im Goethe Institut Freiburg, 19-22 Uhr
Eintritt: Eintritt frei.