Wie es mit dem Freiburger CSD weitergeht: Organisatoren wollen linkspolitisch bleiben

Gina Kutkat

Der CSD sei durch linksautonome Kreise vereinnahmt – das war der Vorwurf, der nach dem vergangenen CSD auch aus der LGBTTQIA-Community selbst kam. Beim Talk im Teng am Mittwochabend debattierten Organisatoren und Szenemitglieder darüber.

Schon nach einer Viertelstunde kommt es zu einem Kreuzverhör: Der CSD-Organisator Ronny Pfreundschuh geht gerade auf die Kritik ein, mit der ihn Moderatorin Eva Gutensohn konfrontiert. Der CSD Freiburg 2017 habe mehrere Gruppen der LGBTTQIA- Community ausgeschlossen, zum Beispiel ältere Menschen und Familien, außerdem seien Gruppen aus dem queer-feministischen Spektrum ferngeblieben.


"Wir haben uns mit der Kritik auseinandergesetzt", sagt Pfreundschuh.

"Und habt ihr einen Plan gemacht?", fragt Dita Whip, Burlesque & Vintage Dragqueen.

"Wir sind am Planen", entgegnet Pfreundschuh.

"Und was ist Eure Lösung?", fragt Whip weiter.

Und Pfreundschuh sagt einen Satz, der an diesem Abend mehrmals fällt: "Unser Plenum ist basis-demokratisch, jeder kann zu unseren Sitzungen kommen und mitmachen."

Nur wenige engagieren sich im Orga-Team

Die Debatte wird noch öfter an diesen Punkt gelangen,man könnte auch sagen: Sackgasse. Wenn Änderungswünsche oder Verbesserungsvorschläge vom Podium oder aus dem Publikum kommen, weist Pfreundschuh darauf hin, dass jeder und jede bei ihnen willkommen sei. Das Problem nur: Es scheint keiner mitmachen zu wollen. Etwa acht bis zehn Leute engagieren sich laut Pfreundschuh im CSD-Orgateam – zu wenig für eine Veranstaltung, bei der mehr als 6.000 Menschen jährlich feiern.

Der vierte Talk im Teng im The Great Räng Teng Teng sollte die Frage klären, wie es mit dem CSD Freiburg weitergeht. Nachdem die bunte Parade am 1. Juli 2017 durch die Stadt gezogen war, gab es Kritik von mehreren Seiten: Die Stadtverwaltung mopperte, weil es Auflagenverstöße gab, Menschen aus der Szene sahen den CSD durch linksautonome Kreise vereinnahmt. Die Moderatorinnen Eva Gutensohn und Pia Masurczak gaben ihren Podiumsgästen viel Raum. Neben Dita Whip und Ronny Pfreundschuh war die queer-feministische Aktivistin Annika Spahn dabei.

Der CSD in linksradikaler Tradition

"Wer sind die traditionellen queeren Gruppen, die sich ausgegrenzt fühlen?" fragt Spahn zum Beispiel. Und vermutet, es handele sich bei den Kritikern um schwule Cis-Männer. Als Cis-Mann/Cis-Frau werden Menschen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

Einer Frage aus dem Publikum, warum der CSD nicht neutral sein könne, kontert Spahn eloquent. Man könne niemals politisch-neutral sein, "alles was wir tun, ist politisch". Zu diesem Zeitpunkt ist die Debatte an ihrem hitzigsten Punkt. Ronny Pfreundschuh erklärt, warum er den CSD Freiburg in linksradikaler Tradition sieht. Nur so könne man die Wurzeln der Diskriminierung angreifen, denn der Christopher-Street-Day erinnere an die militanten Straßenschlachten in New York.

"Alles was wir tun, ist politisch." Annika Spahn
Es war einer der schwerwiegendsten Vorwürfe: Der CSD sei politisch überladen und werde von Linksaktivisten unterwandert. So hatte der CSD beispielsweise auf seiner Facebookseite zur Teilnahme an der "Welcome to hell"-Demonstration beim Hamburger G20-Gipfel aufgerufen. "Bedenklich", findet das ein junger Gast aus dem Publikum.

Konstruktive Kritik von Dita Whip

Die Botschaften der LGBTTQIA- Community kämen zu kurz, sodass – angeblich – viele Gruppen der Parade fernblieben. Für Pfreundschuh und sein Team steht fest: "Der CSD bleibt linksradikal" – nur so könne man gegen Hasskriminalität und Ungerechtigkeit kämpfen. Man werde weitermachen, bis alle der rund 40 Forderungen aus dem Katalog erfüllt seien.

Konstruktive Kritik gab es von Dragqueen Dita Whip, die auch der Interessengemeinschaft CSD angehört. Zusammen mit rund 100 Unterzeichnern aus der Community hatte sie im Juli in einem offenen Brief einen kompletten Neustart des CSD gefordert. "Ihr könnt nicht warten, bis die Leute zu euch ins Team kommen", sagt sie zu Pfreundschuh. "Man muss auf die Menschen selbst zugehen." Immer wieder fragt sie genau nach – und übernimmt damit die Aufgabe der beiden Moderatorinnen: "Hat eine Evaluierung stattgefunden?", "Warum kommt denn niemand zu euren Sitzungen?", "Wo ist die Teilhabe?".

Die Devise laute "engagieren und selbst mitmachen" – nur das könne den CSD besser machen. Und Annika Spahn ergänzt, dass die Gemeinsamkeiten der Community betont werden müssten – und diese seien antifaschistisch und links. Der Kampf für Akzeptanz und gleiche Rechte müsse von allen gemeinsam gekämpft werden.

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