Wie es ist, Neurodermitis zu haben

Anna-Lena Zehendner

Jana* ist eine hübsche junge Frau. Trotzdem vergräbt sie am Küchentisch ihr Gesicht hinter einem dicken Schal. Ihren Tee trinkt sie ohne Zucker, denn Zucker tut ihr nicht gut. Eine Creme hat die junge Studentin immer griffbereit. Jana hat Neurodermitis.

Neurodermitis ist eine chronische, nicht ansteckende Hautkrankheit, die in Schüben auftritt. Die Symptome sind Entzündungen und trockene, raue Haut, immer verbunden mit starkem Juckreiz. Die typisch betroffenen Partien sind Armbeugen, Kniekehlen sowie der Hals und das Gesicht. In Deutschland leiden etwa sechs Millionen Menschen an atopischer Dermatitis, so der Fachname. Dabei tritt bei 60 Prozent der Betroffenen die Krankheit bereits im ersten Lebensjahr auf.  


Einfach eine Creme in der Drogerie zu besorgen, kommt nicht in Frage.

„Ich hatte schon als Baby Neurodermitis“, erinnert sich Jana. „Meine Eltern haben mir immer meine Hände verbunden, damit ich mich nicht blutig kratze.“ Die dreiungszwanzigjährige Studentin zeigt Bilder aus ihrem Fotoalbum. Jana mit einem Jahr und wenigen Monaten: Ihre Backen sind von roten Flecken überzogen, ihre kleinen Händchen in weiße Verbände gepackt. Ursachen für Neurodermitis sind individuell sehr unterschiedliche  Faktoren. So können Klimaveränderungen oder bestimmte Nahrungsmittel die Schübe hervorrufen. Aber auch Impfungen im Säuglings- und Kleinkindalter können auslösende Faktoren sein.

„Letztendlich ist Neurodermitis genetisch bedingt“, sagt Andrea Pfister-Wartha, Oberärztin in der Hautklinik der Universität Freiburg. „In der Fachsprache nennt man die Betroffenen Atopiker, was bedeutet, dass sie eine Neigung zu Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis haben.“ Menschen, die unter der chronischen Hautkrankheit leiden, reagieren daher meistens auch auf Pollen, Hausstaub und Tierhaare sowie auf bestimmte Lebensmittel wie Äpfel, Nüsse und Zitrusfrüchte.

Regelmäßige Hautpflege ist bei Neurodermitis ein absolutes Muss, denn sie kann die immer wiederkehrenden Schübe entscheidend verringern. „In meinem Bad sieht es aus wie in einer Apotheke“, sagt Jana. Einfach eine Creme in der Drogerie zu besorgen, kommt für die junge Studentin nicht in Frage. Denn die meisten Inhaltsstoffe der dort erhältlichen Pflegeprodukte verträgt ihre sensible Haut nicht. Im Winter braucht sie eine besonders gute Pflege, denn Kälte und trockene Heizungsluft sind Gift für Menschen mit Neurodermitis. Durch den ständigen Temperaturwechsel steht die Haut unter Spannung, trocknet aus und fängt an zu jucken. „Immer gegen den Juckreiz anzukämpfen, ist fast das Schlimmste. Meine Freunde sagen immer so einfach: Hör auf zu kratzen. Dabei weiß doch jeder, der mal einen Mückenstich hatte, wie schwer das ist.“

Neben der normalen Basispflege sind regelmäßige Therapien bei Neurodermitis unumgänglich. „Behandlungsformen gibt es eine ganze Palette, von Lokaltherapien bis hin zu starken Tabletten und Infusionsbehandlungen“, sagt  Pfister-Wartha. „Es gibt aber auch hilfreiche UV-Bestrahlung mit UVA-Licht.“ Jana hat schon viele Therapien gemacht. „Im Alter zwischen zehn und sechzehn Jahren war ich oft für sechs Wochen an der Nordsee“, erinnert sie sich. „Die Luft und das Meer sind sehr gut für meine Haut.“

Auch die Psyche steht in engem Zusammenhang mit der chronischen Hautkrankheit. In stressigen Zeiten erleiden Betroffene häufig einen Schub. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt Jana. „Während meiner Abizeit und auch jetzt in meinem Studium wird meine Haut oft durch den Prüfungsstress schlechter. Aber mitten im Gesicht Ausschlag zu bekommen, ist ebenfalls psychischer Stress.“ Vor allem als Kind habe sie sehr unter den Blicken ihrer Mitmenschen gelitten.

Eine Situation ist ihr dabei bis heute stark in Erinnerung geblieben. „Mit neun Jahren war ich zusammen mit meinen Eltern am Wörthersee. Als mein Vater mich bei einer Surfschule anmelden wollte, hat mich der Surflehrer gemustert und gefragt, ob das mit meiner Haut ansteckend wäre.“ Daraufhin habe sie  keine Lust mehr auf Surfen gehabt.

Oft vermindern sich mit dem Älterwerden die Symptome oder verschwinden sogar mit Beginn der Pubertät. Jana bleibt bis heute nicht von ihren Schüben verschont.  „Inzwischen weiß ich ziemlich genau, was meiner Haut gut tut und was nicht. Ich sollte wenig künstlichen Zucker und Zitrusfrüchte essen, am besten keinen Alkohol trinken und nicht rauchen.“ Doch dafür, sagt Jana,  sei sie häufig nicht diszipliniert genug.

[*Name von der Redaktion geändert; Bild: Archiv]

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