Wie es ist, eine Vulva aus Salzteig zu basteln

Adele Kopsidis

Studenten der Uni Freiburg haben ein Projekt gegründet, das mehr Offenheit bei den Themen Sex, Menstruation und Verhütung fordert. Unsere fudder-Autorin war beim ersten Treffen, hat ihre Scham abgelegt und eine wunderhübsche Vulva gebastelt.

Das Freizeichen ist den Freiburgern als Feier-Location oder Gastgeber für Literatur und Musik bekannt. Am Montag war jedoch alles anders. Die scheppernden Bässe wurden durch gemütliche Beats ausgetauscht, aus einem sonst mit Menschen gefüllten Raum wurde ein intimes Beieinandersitzen bei Tee und Gebäck – und ich sitze mittendrin. Das von Uni-Cross neu gegründet Projekt V! hatte geladen, um die Themen Sex, Menstruation und Verhütung in einem intimeren Raum anzusprechen.


Die beiden Studentinnen Annika Lorenz (26) und Nina Kramer (25) gründeten das Projekt, weil sie der Meinung waren, dass viel Redebedarf zum Thema vorhanden war. Mit dem Projekt wollen sie Irrtümer aufdecken und den gesellschaftlichen Scham nehmen, sagt Nina.

Aus Salzteig werden Vulven

Als ich den Raum betrete, bin ich noch skeptisch. Auf einem Tisch liegen Kartoffeln, Orangen und Kiwis. Daneben Farben, Pinsel und Papier. Annika sitzt am Boden, einen Salzteig knetend. "Der ist für das spätere Basteln von Vulven", erklärt sie lachend. "Wir wollen hier nicht provozieren oder nur Aufmerksamkeit erreichen, sondern einen persönlichen, intimen Austausch anbieten. Für Männer und für Frauen". Am Tisch befinden sich zunächst nur Frauen. Schreckt das Thema weibliches Geschlecht und Zyklus Männer ab? Später sind es zwei Männer und drei Frauen. Einer der Teilnehmerinnen sagt, dass viele Männer der Meinung seien, dies wären ausschließlich weibliche Themen, mit denen sich ein Mann nicht zu beschäftigen habe.

Trotz Schamgefühl möchte ich es trotzdem versuchen, nehme mir Salzteig und rote Farbe und muss erstmals nachdenken. Wie sieht eine Vulva überhaupt aus ? Warum kann ich in jede Ecke meines Notizblockes einen Penis kritzeln, aber bin nicht fähig meine eigene Anatomie nach zu stellen? Sebastian, ein anderer Kursteilnehmer, setzt sich neben mich und erkennt mein Hadern. Das weibliche Geschlecht bekäme zu wenig Aufmerksamkeit und wird tabuisiert, meint er und fügt schmunzelnd hinzu, wie interessant es sein könne, beim Basteln komplett daneben zu liegen.

Projekt soll anregen, sich über den weiblichen Körper Gedanken zu machen

Während wir beide an den Vulven arbeiten, merke ich, wie ich meine eigenen Vorurteile langsam ablege. Als würden wir über die Uni oder den Einkauf reden, beginnen wir uns über den weiblichen Zyklus zu unterhalten – und ich habe kein komisches Gefühl, auch wenn mein Gegenüber ein Mann ist. "Genau das ist ein Austausch, den wir mit unserem Projekt anbieten wollen", erklärt Nina. "Wir können die Themen nicht abgekoppelt von uns betrachten". Ich vergesse die Zeit inmitten von Gesprächen über free-bleeding und Verhütung mittels Messen der eigenen Körpertemperatur.

Nach zwei Stunden habe ich eine rote Vulva vor mir liegen und schaue auf die Arbeitsfläche der Anderen. Jedes Ergebnis sieht anders aus, mal größer, mal kleiner, mal rötlich gefärbt, andere Vulven sind lila. Eine andere Kursteilnehmerin schnitzt aus Kartoffeln Vulva-Stempel. Die Individualität des Ergebnisses spiegelt sich in den Gesprächsthemen wieder. Auffällig ist die intime und gleichzeitig offene Situation. Eine der Teilnehmerinnen erzählt über ihre Menstruationstasse, die andere über die filmische Inszenierung der Vulva. "Wenn man fragt, dann sprudelt es aus allen immer heraus", erzählt Nina.

Die Gründerinnen Nina und Annika wollen es nicht nur bei diesem einen Workshop belassen, sondern stehen am Anfang eines größeren Projekts. Bis Ende Januar sollen die ersten Beiträge auf der Website Unicross veröffentlicht werden.

Fazit

Zunächst war ich skeptisch, aber ich wurde schnellgelassen. Alle haben sich unkompliziert und ehrlich auf das Thema eingelassen. Es sind Wissensunterschiede sichtbar geworden, aber es gab keine falschen, peinlichen Fragen. Nur Offenheit und Dialog können Scham und Tabuisierung ablösen und einen gesellschaftlich Diskurs ermöglichen, bei dem sich keiner schämen muss. Es ist interessant sich zu fragen, mit welchen Adjektiven man sein Geschlecht bezeichnet. Oder wie lange der Zyklus einer Frau dauert. Oder was deine Vagina sagen würde, wenn sie sprechen könnte. Das lohnt sich.

Der nächste Workshop V!-Sex-Menstruation-Verhütung soll kommen. Das Datum steht allerdings noch nicht fest. Auf der Website von Unicross soll es allerdings angekündigt werden.

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