Wie eine Freiburger Studentin die Straßenschlachten in Istanbul erlebt hat

Nicola Petek

Panzer, Tränengas und Gummigeschosse: In Istanbul liefern sich Kurden wilde Kämpfe mit der Polizei. fudder-Autorin Nicola Petek lebt und studiert dort. Eines Abends stand sie plötzlich zwischen den Fronten:



Es riecht nach Meer, nach gegrilltem Gemüse und nach Großstadt. Ein vermeintlich normaler Mittwochabend in Istanbul. Auch auf den Straßen des kurdisch dominierten Stadtteils Okmeydani ist alles wie immer: Der Friseursalon an der Ecke ist halbvoll, vor einem Schnellrestaurant hat sich eine kurze Schlange gebildet. Auf dem kleinen Platz in der Mitte der Straße unterhalten sich rauchend einige Jugendliche. Kurz vor 20 Uhr. "Noch ist alles ruhig, es ist Abendbrotzeit", sagt ein Gemüsehändler. Dann warnt er mich: "Das wird sich schon noch ändern, warte ab."

Er behält Recht. Wenig später schon räumt er hastig seine Auslage zusammen und der Friseur lässt das Rolltor herab. Die Straße ist auf einmal menschenleer, bis auf die Jugendlichen. Manche von ihnen ziehen sich schwarze Sturmmasken über. Aus den umliegenden Straßen eilen weitere Menschen, hauptsächlich Männer. Aus Müll und alten Möbeln, die Anwohner auf die Straße gestellt haben, errichten sie Straßenbarrikaden, dann zünden sie diese an.

Große Wut auf die Türkei

Die ganze Welt blickt in diesen Tagen auf Kobane. Die syrische Stadt ist nur wenige hundert Meter von der Grenze zur Türkei entfernt. Seit Wochen verteidigen sie kurdische Kämpfer gegen die Angriffe der Terrororganisation IS. Die USA haben eine Koalition zum Kampf gegen den IS gebildet, auch die Türkei hat sich ihr angeschlossen, militärisch will sie die Kurdenmiliz allerdings nicht unterstützen.

Die Grenze zu Syrien hat die Türkei mittlerweile dicht gemacht, und das, obwohl Kobane zwischenzeitlich von drei Seiten eingekesselt war. Im Land folgen nun massive Proteste, vom Südosten bis nach Istanbul. Über 30 Menschen sind dabei schon ums Leben gekommen, Dutzende hat die Polizei verhaftet.

Auch an diesem Abend rückt die Polizei wieder an. Ein gepanzerter Wagen rollt langsam um die Ecke. Langsam geht ihm einer der jungen Männer entgegen, in seiner linken Hand eine Glasflasche, aus der ein brennendes Stück Stoff ragt. Noch ehe er den Molotowcocktail werfen kann, ertönt ein lauter Knall, die Straße verschwindet im Qualm. Es riecht nach Feuerwerkskörpern, schon bald beginnt die Haut im Gesicht zu brennen, die Augen tränen. Ich flüchte in einen Imbiss. "Wir erleben jeden Abend einen Ausnahmezustand", sagt der Besitzer. "Das wird auch noch eine Weile so weiter gehen."



Zwei türkische Kamerateams kommen an. Ich frage die Journalisten, wie sie die Situation einschätzen. Sie ignorieren mich. Einer der Kameramänner posiert mit schusssicherer Weste, Helm und Atemmaske, während sein Kollege ein Handyfoto schießt. Um Mund und Nase habe ich mir einen Schal gebunden, er soll mich vor dem Tränengas schützen. Die türkischen Medien bleiben hinter der Polizei, Interviews führen sie nur mit dem diensthabenden Polizeichef des Bezirks - niemand spricht mit den Demonstranten auf der anderen Seite.

Die Einschränkung der Pressefreiheit in der Türkei ist besorgniserregend. Sie ist zwar verfassungsrechtlich verankert, allerdings sehen sich Journalisten immer wieder massiven Angriffen von Seiten der Politik ausgesetzt. Die EU-Kommission geht von mehreren Dutzend inhaftierten Journalisten aus. Eine unabhängige Berichterstattung ist unter diesen Bedingungen schwierig - das wissen auch die Demonstranten. "Danke, dass du dich für unsere Visionen und Ängste interessierst und sie weiter gibst", sagt einer der Jungs zu mir.

Auch Ali demonstriert. "Es geht nicht nur um Kobane und den Islamischen Staat, auch nicht darum, dass die türkische Regierung nichts unternimmt", sagt er. "Erdogan hat keine Angst vor dem IS - er hat Angst vor uns Kurden."

Der Friedensprozess droht zu scheitern

Im Jahr 1993 scheiterte der erste Friedensprozess zwischen der Türkei und der kurdischen Minderheit. Die Türkei erlebte daraufhin eine Welle der Gewalt. Radikale Linke, hauptsächlich Anhänger der heute verbotenen PKK, lieferten sich Kämpfe mit der selbsternannten Türkischen Hizbullah, bestehend aus Ultranationalisten und Islamisten. Der damals stark militarisierten Regierung wurde vorgeworfen, diese zu unterstützen, um die PKK zu zerschlagen.

Es ist ein dunkles Kapitel in der türkischen Geschichte. PKK-Mitglieder und die Hizbullah ermordeten einander, tausende Zivilisten verloren ihr Leben. "Die Geschichte wiederholt sich gerade", sagt Ali. Sein Vorwurf: "Der IS und die türkische Regierung arbeiten zusammen." Tatsächlich steht wieder ein kurdisch-türkischer Friedensprozess kurz davor zu scheitern.

Der Polizeipanzer hat sich zurückgezogen, der Tränengasnebel lichtet sich etwas. Zeit für eine Zigarette. "Hast du schon mal von Rojava gehört?", fragt mich ein anderer junger Demonstrant. "Ich komme von dort", sagt er stolz. Rojava, auch bekannt als West-Kurdistan, ist ein autonomes kurdisches Gebiet im Norden Syriens.

Die AKP hat der kurdischen Bevölkerung in den letzten Jahren einige Zugeständnisse gemacht: Seit diesem Schuljahr ist es möglich, Kurdisch als regionale Muttersprache an der Schule zu belegen. Ich spreche mit einigen Journalisten, einer von ihnen ist Deniz. Er ist in Köln aufgewachsen, seine Eltern leben heute in der Nähe von Lörrach. Deniz erklärt: "Rojava ist für uns Kurden ein demokratisches Experiment. Wenn Kobane in die Hände des IS fällt, ist es gescheitert."

Rojava hat sich in den vergangenen Monaten zu einem Beispiel entwickelt, wie eine Alternative zu den totalitären Regierungen des Nahen Ostens aussehen könnte. Anfang des Jahres haben die syrischen Kantone Afrin, Jazira und Kobane zudem ihre Selbstständigkeit verkündet.

"Pass auf, Gummigeschosse!"

Bei der Verteidigung Kobanes geht es also nicht nur um geopolitische Interessen. Alis Freunde stimmen ihm zu, als er sagt: "Der IS attackiert hier nicht nur eine Stadt, sondern eine Revolution." Nimmt der IS Kobane ein, könnte der Traum von einem freien Kurdistan sterben. Das sei dann ganz im Sinne der Machthaber in Ankara sei, glauben die jungen Männer. In Okmeydani stehen alle Zeichen auf Revolution: Graffiti verweisen auf die Macht des Volkes, Portraits von Che Guevara finden sich neben Abbildungen kurdischer Rebellen.

Der Polizeipanzer ist zurück, in Begleitung eines kleineren gepanzerten Fahrzeugs. Die Barrikaden sind schnell überwunden. Die Wagen rasen auf die Demonstranten zu, die Gruppe zersplittert. Die Einsatzkräfte versprühen noch mehr Tränengas, plötzlich feuert jemand mehrere Schüsse ab, in kurzer Reihenfolge hintereinander. "Pass auf, Gummigeschosse!", ruft mir Ali noch zu, dann verschwindet er in einer der schmalen Gassen.

Ein junges Mädchen zerrt mich in einen Hauseingang. Ihr Name ist Tülay. Sie ist nicht hier um zu demonstrieren - Tülay will nur sichergehen, dass es ihrem Bruder gut geht. Auch er protestiert heute. Es sei wichtig, dass er ein Bewusstsein dafür hat, was gut und was schlecht ist, sagt sie. Und: dass er für ein freies Kurdistan auf die Straße geht.



Zur Person

Nicola Petek ist 25 Jahre alt. Sie kommt aus Müllheim (Baden), in Freiburg hat sie ihren Bachelor in Kunstgeschichte und Islamwissenschaft absolviert. Während ihres Studiums hat Petek Türkisch gelernt, jetzt arbeitet sie an der Technischen Universität in Istanbul an ihrem Master in Kunstgeschichte.

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Fotos: Nicola Petek

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