Wie eine Blinde den Freiburger Weihnachtsmarkt erlebt

Lucia Hoffmann

Glühwein, Lebkuchen und Duftöl: Die Journalistin Lucia Hoffmann war für fudder in Freiburg auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs. Das Besondere daran: Hoffmann ist blind.



Meine Nase und Ohren leiten mich auf meinem Weg über den Freiburger Weihnachtsmarkt. Ich lasse mich treiben, tauche ein in ein Potpourri aus Gerüchen und Geräuschen. Der Duft von Kartoffelpuffer und Glühwein liegt in der Luft, Menschen schwatzen, Kinder lachen – ich sehe nichts, aber die Eindrücke sind deshalb nicht weniger intensiv als bei sehenden Menschen. Weihnachtsmärkte mag ich immer besonders gerne. Es gibt dort so viel zu erleben, zu fühlen, zu riechen, zu hören.


"Pling, Pling, Pling". Was ist das? Es klingt ein bisschen wie eine Triangel, aber irgendwie auch anders. Das Geräusch passt nicht so recht zu denen, die ich von Weihnachtsmärkten kenne. Ich will dem auf die Spur gehen. An meiner Seite ist Daniela Mörschel. Ich habe sie auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt kennengelernt. Ich fragte sie nach dem Weg und sie entschied spontan, mich ein Stückchen durch das Gewühl auf dem Rathausplatz am Freitagabend zu begleiten.

Daniela blickt sich um, beschreibt mir eine Frau: weiße Schuhe, weiße Hose, weiße Jacke, Perücke und ein weiß bemaltes Gesicht - das macht mich neugierig. Daniela führt mich zu ihr. "Was machen Sie hier? Wieso sind Sie ganz in Weiß gekleidet?“, frage ich die Frau. Keine Antwort. Auf einmal spüre ich eine Hand, doch kein Wort kommt der Frau über die Lippen. Ich verstehe: Ich habe eine Pantomimekünstlerin angesprochen, die strikt in ihrer Rolle bleibt.

Mit fortgeschrittener Stunde wird es enger und voller auf dem Rathausplatz. Ich schlage mich alleine durch, Daniela Mörschel hat sich verabschiedet. In diesem Gewühle ist mir irgendeine Form von Orientierung so gut wie nicht mehr möglich. Ich kann ja mit meinem Stock kaum noch laufen vor lauter Menschen. Das macht mir aber nichts aus. Es gehört zum Weihnachtsmarkt genauso dazu wie Lebkuchen, Kerzen und Schaffelle.

Entspannt schiebe ich mich durch die Menschen, als mir ein Duft unter die Nase kommt: Glühwein und Punsch. Da kann ich nicht widerstehen. Der Punsch ist süß und lecker, an der heißen Tasse wärme ich meine klammen Hände. Das ist auch unbedingt nötig, denn mit kalten Händen kann ich nichts fühlen - und fühlen ist das A und O auf einem Weihnachtsmarkt.



Am nächsten Stand ertaste ich einen kleinen Holzpilz. Meine Hände gleiten durch die liebevoll gestaltete Auslage. Schlüsselanhänger mit Naturholzanhängern ziehen meine gefühlten Blicke auf sich. Ein Anhänger gefällt mir besonders gut, er hat eine ganz glatte Oberfläche.  "Das ist Pflaumenholz", erklärt mir die Verkäuferin. Mit einem Lederband ist er an einem Schlüsselring befestigt.

Ich taste mich weiter voran. An einem anderen Stand gibt es Keramikhäuschen für Räucherkegel und  Duftöle. "Die Häuschen sind alle handgemacht“, sagt Verkäuferin Julia Schmidt. Es gibt sogar eine Nachbildung des Freiburger Rathauses. Wie gerne hätte ich es mit den Fingern ertastet und mir so vor meinem inneren Auge ein Bild davon gemacht. Aber leider steht das Objekt meines Interesses hinten im Stand auf einem Regal und kann nicht heruntergereicht werden. Schade. Dafür wird meine Nase mehr als doppelt entschädigt: Es gibt zahlreiche Duftöle durch die ich mich ausgiebig durchschnuppere.

"Oh, was ist das?" Mit dem Kopf stoße ich an etwas, greife nach vorne, ertaste eingepackte Lebkuchensterne und Häuschen. Mein Magen meldet sich. Lebkuchen, Magenbrot, Früchtebrot, Nussecken und weitere Leckereien wollen mich verführen, einige darf ich auch probieren. Schlussendlich entscheide ich mich für eine kleine Pause mit großer Nussecke.

Der Geruch von Misteln weckt am nächsten Stand meine Sinne. Ich mag ihren Duft, genauso wie den nach Tannengrün. Das erinnert mich an früher, als ich noch ein Kind war. Mit den Händen berühre ich die frischen Zweige mit den schönen länglichen grünen Blättern und den kleinen Perlen. Misteln und Tannengrün gehören für mich zwingend zur Weihnachtszeit dazu – genau wie Zimt, Nelken oder Anis. Ihr Duft hüllt mich an einem Gewürzstand ein, ein wundervolles Potpourri. Auch gibt es leckere Bonbons in wohl so allen Farben, die ich mir nur vorstellen kann.

Zum Schluss gönne ich mir an einer Bude mit Strickwaren ein neues Paar Handschuhe. Damit meine Hände warm bleiben bis zum nächsten Weihnachtsmarktbesuch.