Wie ein syrischer Flüchtling mein Freund wurde

Jule Markwald

Kann man eine Freundschaft verordnet bekommen? Unsere Autorin Jule Markwald hat genau das getestet, beim Flüchtlingsprojekt Start-with-a-friend. Ein Text über ihre Freundschaft zu Abdul aus Syrien, Völkerverständigung mit Marianne Rosenberg und arabischen Brotsalat:



Die meisten meiner Freunde habe ich irgendwann im Studium aufgesammelt. Über die einen kamen andere dazu, manche waren nach einem Semester wieder weg und wieder andere habe ich über die Arbeit kennengelernt. Oft war Alkohol im Spiel, irgendwann kam der Moment, als man über den selben dummen Witz gelacht oder dieselbe Serie geschaut hat und sich enthusiastisch über ein Staffelfinale unterhalten konnte.


Man wurde Facebookfreund, dann ging man zusammen abends weg und ab irgendeinem Punkt konnte man sich im Bestfall auch nachts um vier anrufen und sagen: "Ich habe Liebeskummer. Komm vorbei und bring Schnaps mit!" Im Bestfall eben.

Verordnet habe ich eine Freundschaft hingegen noch nie bekommen.

Das Start-Up Start-with-a-friend macht genau das: Es bringt Deutsche und Geflüchtete aus verschiedenen Ländern in Zweierpaaren zusammen. Die Idee ist: Mit einem Freund an der Seite klappt die Integration besonders einfach. Regeln gibt es keine: Bei einem Infoabend kann man sich registrieren lassen, gibt eigene Hobbies und den Beruf an und dann suchen die Projektleiter einen passenden Partner aus den registrierten Geflüchteten aus. Mit dem kann man sich dann auf einen Kaffee treffen, wandern gehen oder ihm bei alltäglichen Dingen helfen.

Blind Date mit meinem neuen Freund

Als ich Abdul das erste Mal zum Mittagessen treffe, ist das Ganze noch ein bisschen komisch. Wie ein Blind Date am helllichten Tag und dann auch noch mit Sprachbarriere. Gott sei Dank spricht Abdul gut Englisch und ist wahnsinnig nett. Wir gehen Hummus essen.

Eine Woche später gehen wir Kaffee trinken, dann mal auf ein Bier. Nach ein paar Wochen lädt er mich mit ein paar Anderen zum Abendessen ein. Er kocht syrische Gerichte, deren Namen ich nicht aussprechen kann und die alle fantastisch schmecken. Eine Nationalküche, bei der frittiertes Brot in einen Salat kommt, ist eine gute Nationalküche!



Klar ist unsere Freundschaft von anderen Leuten geplant worden, trotzdem ist es ungezwungen. Denn auch wenn ich nicht vermutet hätte, dass ein 24-jähriger Syrer und eine 29-jährige Deutsche so furchtbar viele Gemeinsamkeiten haben, finden wir genug Gesprächsstoff.

All die Dinge, die man für ein Leben in Deutschland wissen sollte zum Beispiel. "Wie viele Mülltonnen gibt es?" und "Was zur Hölle ist GEZ und muss ich das auch zahlen, wenn ich weder Radio noch Fernseher besitze?", sind noch die einfachsten Fragen. Auf die gibt es wenigstens klare Antworten. "Wenn mich jemand zum Essen einlädt – soll ich dann was mitbringen, auch wenn der Gastgeber sagt, dass ich wirklich nichts mitbringen muss?" ist da schon schwieriger.

In einem schrottreifen Boot übers Mittelmeer

Natürlich reden wir auch über seine Flucht. Wie er in einem schrottreifen Boot über das Meer gekommen ist, wie viel Angst die Frauen und Kinder auf der Überfahrt hatten, wie er in Ungarn von der Polizei aufgegriffen wurde und ins Gefängnis kam. Hauptsächlich sprechen wir aber über ganz normale Sachen. Über Filme, Fußball, Musik und die schwierige Suche nach WG-Zimmern in Freiburg. Irgendwann erzählt er mir begeistert von einer deutschen Sängerin, die er entdeckt hat und die so deutlich singt, dass er den Text versteht.

Er zeigt mir einen Youtubeclip von Marianne Rosenberg, die in der Hitparade "Er gehört zu mir" trällert. Ich falle vor Lachen fast vom Sofa. Dann verbringe ich 10 Minuten verzweifelt damit, ihm das Wort "Schlager" zu erklären.

Waffenruhe für das WM-Finale

Zur Erklärung ziehe ich in meiner Not sogar Helene Fischer heran. "Ah, die kenne ich," sagt Abdul. "Die hat mit der deutschen Nationalmannschaft auf der Bühne getanzt, als ihr die WM gewonnen habt". Ich bin überrascht. "Das habt ihr in Syrien gesehen?", frage ich. "Ja klar. Für das Endspiel gegen Argentinien wurde sogar der Krieg angehalten. Es gab eine Waffenruhe, damit jeder das Finale schauen konnte und dann wurde weitergeschossen". Ich bin sprachlos.

Ich frage Abdul irgendwann, was er sich für sein Leben in Deutschland wünscht. Sein Masterstudium will er im Herbst anfangen, sagt er, und viele Freunde finden. Ganz oben auf der Liste steht jetzt aber erst mal gut Deutsch zu lernen. "Vielleicht kann ich irgendwann so gut Deutsch, dass ich für einen Deutschen gehalten werde und mich die Leute akzeptieren. Das wäre schön."

Info

Momentan werden bei Start-with-a-friend wieder neue Locals als Tandempartner gesucht. Wer mitmachen will, meldet sich einfach und unkompliziert unter "Start with a Friend" an. Alle weiteren Infos gibt es dann von den Projektmachern per Mail.

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