Wie das Internet unser Sexleben verändert

Janina Schnoor

Dass sich immer mehr Paare übers Internet kennen lernen, ist hinlänglich bekannt. Doch das Internet hat auch das Sexualleben der Frau revolutioniert, behauptet der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann, der am Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung in Paris tätig ist. In seinem Buch "Sex@mour – Wie das Internet unser Liebesleben verändert" schildert er, welche Regeln beim Flirt im Internet zu beachten sind und welche Chancen dieser Kommunikationsweg gerade den Frauen bietet. Janina hat mit dem 63-Jährigen gesprochen.

 

Herr Kaufmann, warum melden sich Menschen bei Online-Kontaktbörsen an?


Jean-Claude Kaufmann:
Es gibt zwei verschiedene Erwartungshaltungen: Die einen sind auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung, sie hoffen, ihren Seelenverwandten zu finden. Die anderen sind eher auf der Suche nach einer unkomplizierten Affäre. Diese zweite Gruppe legt den Anspruch einer Kontaktbörse in ihrem Sinne aus. Das stößt bei der ersten Gruppe auf Unverständnis und Ablehnung, da diese wirklich einen Partner fürs Leben sucht. Aber dieses Phänomen beschränkt sich nicht nur auf Kontaktbörsen, sondern auch soziale Netzwerke und Blogs werden aus diesen beiden Gründen besucht.

Glauben denn Frauen noch an Märchenprinzen?

Ja, aber es gibt Märchenprinz und Märchenprinz. Einige Frauen warten auf den Märchenprinz, wie er im Buche steht. Er entscheidet, wann er auftaucht. Aber wenn er dann da ist, dann ist dieses Treffen wie eine Erleuchtung und es scheint ganz klar, dass er der einzig Richtige ist. Das Problem: Man muss manchmal ziemlich lange warten. Es gibt jedoch auch Frauen, die mit dem Märchenprinzen Ideale definieren, denen ein Mann entsprechen sollte, und das kann sehr nützlich sein. Wer weiß, was er sucht, kann dem Schicksal auf die Sprünge helfen.

Das erste Offline-Treffen ist oft etwas heikel. Warum ist es so schwierig, den letzten Schritt zu tun und sich im echten Leben zu treffen?


Das Internet ermöglicht es den Nutzern, sich dem anderen gegenüber sehr schnell zu öffnen. Sie geben mehr von sich preis, als sie es bei einem realen Kennenlernen tun würden. Dadurch sind sie beim ersten Treffen leicht peinlich berührt, denn eigentlich ist der andere noch ein Fremder, der jedoch schon die intimsten Details kennt. Zudem bedeutet ein Treffen auch ein Urteil über das Erscheinungsbild des anderen. Das kann sowohl positiv als auch negativ sein. Das Ideal der inneren Schönheit zählt von einer Sekunde auf die andere überhaupt nicht mehr.

Und wenn einer nicht zum Date kommt?

Für den Wartenden ist das natürlich eine furchtbare Situation. Er fühlt sich zurückgewiesen und weiß meist noch nicht einmal, warum man ihn stehen lässt. Derjenige, der nicht kommt, macht oft im letzten Moment den Rückzieher: Ein Treffen zu vereinbaren heißt, dem Flirt eine Chance geben, mehr zu werden. Aber am Ende fehlt dann doch der Mut, den letzten Schritt zu tun.

Kann das Internet das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit stillen, das einen an einem einsamen Abend überkommen kann?

Das hängt von der Intensität des Bedürfnisses ab. Auf gewisse Art schon, da im Internet auch viele virtuelle Küsschen ausgetauscht werden. Man hat das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören. Aber wenn man sich nach einer Schulter zum Anlehnen sehnt, reicht das Internet nicht aus.

In Ihrem Buch sprechen Sie auch von einem Netzwerk der „regelmäßigen, gefühlvollen Bettgeschichten“. Welchen Reiz hat ein solches Netzwerk?

Marion, eine Bloggerin, hatte diese Idee. Jeder hat zu bestimmten Zeiten unterschiedliche Bedürfnisse. Dazu zählt nicht nur Sex, sondern auch der Wunsch nach Nähe und Zärtlichkeit. Aber viele haben Angst vor einer festen Bindung. Deshalb hat Marion vorgeschlagen, ein bisschen Liebe in die sexuellen Abenteuer zu streuen, aber ohne den anderen in seinen Alltag zu lassen. Das ist natürlich ein wenig utopisch, da man sich der Liebe nicht völlig verschließen kann. Marion ist das beste Beispiel: Sie hat ihr Singleleben aufgegeben. „Ein Blick, eine Nachricht, das bedeutet noch nichts.“

Wie hat das Internet das sexuelle Leben der Frauen revolutioniert?

Eine kleine Gruppe von Frauen hat damit angefangen, ihre sexuellen Freiheiten via Internet einzufordern. Damit hatten sie einen wahnsinnigen Erfolg. Die Männer haben sie bewundert und alle anderen Frauen als prüde und langweilig abgestempelt. Das Internet hat diese sexuelle Liberalisierung der Frau möglich gemacht. Aber wenn diese Frauen sich in einer anderen Lebensphase eine feste Bindung wünschen, merken sie schnell, dass ihnen ein Ruf anhaftet, der das schier unmöglich macht. Das Internet hat die Entwicklung hin zu mehr sexueller Freiheit zwar beschleunigt, aber nicht alle Probleme aus dem Weg geräumt.

Was kann frau also tun, um ihre sexuellen Wünsche ausleben zu können, ohne gleich als „Schlampe“ bezeichnet zu werden?

Auf diese Frage habe ich keine richtige Antwort. Jede Evolution braucht Zeit. Internet hat die Diskussion über die weibliche Sexualität zwar angestoßen, aber die Geschichte hat unser Bild von fraulichem Anstand geprägt und das lässt sich nicht so leicht abschütteln.

Stellt das Internet auch eine Gefahr für bestehende Paare dar?

Auf jeden Fall. Diejenigen, die ihren Partner über das Internet kennengelernt haben, haben sich den Reflex angeeignet, mal kurz eine Runde in der virtuellen Welt zu drehen. Und es ist sehr schwer, damit wieder aufzuhören. Für die anderen Paare wird es gefährlich, wenn die Beziehung gerade ein Tief durchläuft. Dann ist die Verlockung sehr groß, sich anderweitig umzuschauen. Und das Internet bietet den Vorteil, dass man den Eindruck hat, seinen Partner nicht wirklich zu betrügen. Ein Blick, eine Nachricht, das bedeutet noch nichts. Aber das kann so sehr weit gehen. Das Internet hat zwar das Kennlernen sehr vereinfacht, erschwert jedoch dauerhafte Bindungen.

Mehr dazu:

Jean-Claude Kaufmann
Sex@mour
Wie das Internet unser Liebesleben verändert.
UVK Verlag, Konstanz 2011.
19,99 Euro
ISBN 3867642834  
[Symbolbild: © Alexander Fatkulin - Fotolia.com; Autorenportrait: Stefan Erhard (Literaturtest)]