Wein- und Popfest

Wie aus der Foire aux Vins in Colmar ein riesiges Festival wurde

Bärbel Nückles & Peter Disch

Popfestival, Weinfest und Konsumgüterschau, alles zur selben Zeit und am selben Ort – in Colmar hat zum 70. Mal die Foire aux Vins begonnen.

Es ist einer dieser Abende auf der Foire aux Vins in Colmar. Im Amphitheater spielt eine Rockband. 10 000 Menschen haben hier Platz, über die Jahre ist das Halbrund Stück für Stück erweitert worden. Die Bühne sieht aus wie eine Fabrikhalle, der eine Längswand fehlt. Eine Stahltraverse, die über die ganze Breite geht, trägt ihr Dach, das weit über die Sitzreihen aus lehnenlosen Holzbänken ragt. Aus der Luft sieht es aus wie ein riesiger Schraubenzieher.

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In dessen Mitte fügt sich das Dach der gegenüberliegenden Tribüne wie ein spitz zulaufender Fächer ein. Über die Stehplätze an den Seiten spannen sich Pagodenzelte. Wenn der Regen Wind mitbringt, werden die Besucher trotzdem nass. Das Amphitheater ist eine bucklige, in die Jahre gekommene Schönheit. Das macht ihren Charme aus. Die Freiluftarena hat Seele, Charakter, eine eigene Atmosphäre. Und weil sich das Colmarer Publikum nicht lange bitten lässt, ist die Stimmung oft großartig.

Eine Messe, viele Welten

Zwischen 23 Uhr und Mitternacht sind die Konzerte zu Ende. Ein paar Meter, ein paar Treppenstufen hinunter wartet eine andere Welt. Die Foire aux Vins ist eine Weinmesse, die einheimischen Kellereien sind prominent vertreten. Aber sie ist auch Popfestival, Volksfest, Jahrmarkt und Konsumgüterschau. In der Halle neben der Konzertbühne gibt es Messer, Lederjacken und Couchgarnituren, im Saal dahinter spielt eine Tanzkapelle. Draußen schieben sich Massen an Ständen und Buden vorbei. Balzende Jungs und Mädels trinken Riesling aus der Flasche. Ein DJ legt im Partyzelt auf, nicht weit entfernt davon feiern die Verkäufer. Um diese Zeit interessiert sich keiner für einen Whirlpool. Morgen ist ein neuer Tag.

In diesem Jahr feiert die Foire aux Vins ihren 70. Geburtstag. In einem der Flure zwischen den Messehallen hängen Plakate der vergangenen Jahrzehnte. Da wird schnell klar: Messe wie Werbung unterliegen dem Zeitgeschmack, Jahrzehnt um Jahrzehnt hat sich die Messe verändert. Anfangs dominieren die Symbole der Weinwirtschaft und elsässische Folklore. In den 1970ern wird das Biedere bunter, kokette Frauengesichter lösen unpersönliche Motive ab. Auch Tomi Ungerer stellt seinen Zeichenstift einmal in den Dienst der Messe, ab 2014 posiert gleich dreimal die aus dem Elsass stammende Ex-Miss France Delphine Wespiser.

Im Kern ist die alljährlich im Hochsommer ausgerichtete Weinmesse mit rund 300 000 Besuchern immer nur so viel von ihren Ursprüngen abgewichen wie nötig. Das ist ein Teil des Geheimnisses, wie sie auf Platz drei aller französischen Messen gerückt ist. "Einen schönen Messebesuch wünsche ich noch, bonne foire", sagt eine Parfümverkäuferin an einem Stand aus der Duftstadt Grasse zu zwei Frauen. Hinter dem Tresen einer Bar schnippeln Studentinnen Zitronenschnitze und zupfen Minzeblätter ab.

350 Aussteller sind im Jubiläumsjahr dabei. Im Schnitt 40 Millionen Umsatz erwirtschaftet die Weinmesse pro Jahr, sagt Messechef Christophe Crupi. "Manche Aussteller schließen mit vollen Auftragsbüchern für das nächste halbe Jahr ab." "Zumindest können wir es uns nicht leisten, nicht präsent zu sein", sagt Xavier Bartolomé, Verkaufsleiter eines Ofenbauers aus Colmar. Entscheidende Verkäufe würden aber schon lange nicht mehr hier getätigt. Früher hätten die Leute bis zur Messe mit einer großen Anschaffung gewartet. Auch heute hoffen sie noch auf Rabatte. "Aber sie vergleichen auch, unter Umständen mit unserem Freund Google", sagt Bartolomé.

Die Foire aux Vins ist Weinfest und Konsumgüterschau

Auf dem Freigelände, wo eine weiße Zeltstadt steht, erklärt Bruno Marchal aus Logelbach einen leuchtend roten Holzspalter. "Wir verkaufen Geräte für Wein-und Waldwirtschaft, die bis zu 40 000 Euro kosten – da sehen die Kunden genau hin." Vor 20 Jahren hätten viele auf der Messe bestellt. Als sich die Sonne endlich zeigt, steht er blinzelnd in dem Meer aus bunten Landmaschinen, neben Abfüllanlagen für Weinflaschen und Geräten für die Bodenbearbeitung. "Im Februar hat jemand eine Maschine gekauft", erklärt er nach kurzem Nachdenken, "die hat er sich vergangenes Jahr hier auf der Messe bei mir angesehen."

Gerade ist die Eröffnungszeremonie zu Ende gegangen. "Gäbe es die Weinmesse nicht, man müsste sie erfinden", hat Regionspräsident Philippe Richert vor den geladenen Gästen erklärt. Die Foire aux Vins ist auch ein Pflichttermin der regionalen Wirtschaft und Politik. Der Eröffnungstross macht an den großen Weinständen halt, Weinkönigin und Prinzessinnen lächeln und nippen. Eine japanische Touristin schiebt sich geschmeidig mit ihrem Smartphone dazwischen. Trotz Ferienzeit sind die Gänge voll. So mancher, erzählen sich Insider, verbringe seinen Urlaub hier, um die Weinmesse nicht zu verpassen.

Der Außerirdische unter französischen Musikfestivals

Dann sind da noch die Konzerte. Etliche – wie die Konzerte von Sting (31. Juli) und Les Insus (1. August) – sind ausverkauft, das Festival lockt mit moderaten Eintrittspreisen (Konzerttermine und Tickets auf bz-ticket.de). Der Wandel der Zeit spiegelt sich auch im Programm. Jahrzehntelang gaben Folklore, Chanson, Schlager und etwas Jazz den Ton an. Auf einem Foto von 1966 ist eine schüchterne Mireille Mathieu auf der Bühne zu sehen, 1975 waren Ike & Tina Turner da. Seit den 80ern tauchen mehr und mehr Rock- und Popbands auf. Heute bestimmen sie das Bild, die Bandbreite aber ist geblieben. Einheimische Künstler sind dabei, aber auch Rocklegenden wie Neil Young kamen. Die Scorpions sangen vom "Wind of Change", während es blitzte und donnerte, Punkpate Iggy Pop stürzte sich hier Kopf voraus in die Menge (Fotos: Iggy Pop bei der Foire aux Vins in Colmar). Seit einigen Jahren gibt es eine Techno- und DJ-Nacht für das Clubpublikum. Die Hardrock Session, ein Minifestival im Festival, soll auch in Deutschland zum Begriff werden – eine Agentur in München bewirbt es in Musikmagazinen.

"Unser Festival ist gewissermaßen der Außerirdische unter den französischen Musikfestivals", sagt Nicolas Pierrat, ein Endzwanziger mit dunklem Hipster-Bärtchen und zurückgebundenem Haar. Als Runner, als Mädchen für alles hinter den Kulissen, hat er während seines Studiums zu jobben begonnen. Heute ist er zum Teil für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, managt aber auch den Backstagebereich und betreut Künstler. Dolores O’Riordan von den Cranberries war der erste Star, den er vom Hotel zur Messe chauffiert hat. Inzwischen wisse er nach 30 Sekunden, wie jemand einzuschätzen sei. Oft seien die Manager gestresster als die Stars. Er weiß auch, warum Manu Chao problemlos ein zwei- bis dreistündiges Konzert durchtanzt. "Er hat ein Bassin voller Eiswürfel verlangt und darin gebadet", erinnert sich Pierrat. Dass auch Backstage die Qualität stimmt, spricht sich herum. Pierrat schwärmt von der Bühne. Mit 10 000 Plätzen habe das Theater eine Dimension, bei der man den Stars nahekomme – selbst wenn man ganz hinten stehe.

Sobald am letzten Messetag die Tore geschlossen sind, die letzten Glasscherben weggefegt und die Hallen durchgesaugt sind, beginnt hinter den Kulissen die Vorbereitung von Neuem. Nach der Messe ist vor der Messe – so lautet die Devise. In Colmar.
Die Konzerte auf der Foire aux Vins im Überblick

Samstag, 29. Juli, 23.45 Uhr

Wer: Axwell & Nicky Romero
Vorverkauf: 50,30 Euro, Tickets online kaufen

Sonntag, 30. Juli, 20.30 Uhr

Wer: Renaud
Vorverkauf: 48,03 Euro, Tickets online kaufen

Montag, 31. Juli, 20.30 Uhr

Wer: Sting
Vorverkauf: Das Konzert ist ausverkauft

Dienstag, 1. August, 20.30 Uhr

Wer: Les Insus
Vorverkauf: Das Konzert ist ausverkauft

Mittwoch, 2. August, 20 Uhr

Wer: Pixies
Vorverkauf: 45,75 Euro, Tickets online kaufen

Donnerstag, 3. August, 20 Uhr

Wer: MHD, Maitre Gims
Vorverkauf: 39 Euro

Freitag, 4. August, 18.30 Uhr

Wer: Julien Dore, Vianney, Claudio Capeo
Vorverkauf: Das Konzert ist ausverkauft

Samstag, 5. August, 19.30 Uhr

Wer: Placebo & The Jacques
Vorverkauf: 50,30 Euro, Tickets online kaufen

Sonntag, 6. August, 17.30 Uhr

Wer: Hammerfall, Amon Amart, Gotthard & Pretty Maids
Vorverkauf: 53,70 Euro, Tickets online kaufen

Was: Foire aux Vins
Wann: bis 6. August, täglich geöffnet bis 1 Uhr, an Wochentagen ab 11.30 Uhr. Samstags ab 10 Uhr, Sonntags ab 11 Uhr.
Wo: Messegelände (Parc des Expositions), Avenue de la Foire aux Vins, 68000 Colmar (F)

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