WG-Party-Besucher - eine Typologie

Eva Hartmann

Das abgehetzte Geburtstagskind, das angetrunkene Laszivmädchen mit dem verschmiertem Lidschatten, die VWL-Schnösel mit dem H&M-Jackett, der schottische Erasmusstudent, die THC-gepimpten Küchenphilosophen - dies sind die Haupt- und Nebendarsteller einer jeden WG-Party. Eva beschreibt sie in einer wunderbar lesenswerten Typologie.



Es ist Freitagabend. Eine liebe Freundin hat zur Geburtstagsparty in ihre WG eingeladen, und ich mache mich, ausgestattet mit einer Flasche Rotwein und einem kleinen Geschenk, auf den Weg.


Am Ort des Geschehens angekommen, wird mein Klingeln erst nach dem dritten Mal erhört – offensichtlich ist die Party schon in vollem Gang - , der Türsummer brummt und ich betrete das Treppenhaus. Schon während ich die drei Treppen nach oben nehme, vernehme ich dröhnende Bässe und lautes Gelächter. Im zweiten Stock brüllt mir eine Nachbarin im Bademantel irgendetwas von einer „Unverschämtheit“, irgendeiner „Uhrzeit“ und einer gewissen „studentischen Saubande“ entgegen. Leider kann ich mir überhaupt keinen Reim darauf machen, was sie damit meinen könnte und so setze ich meinen Weg zur Party unbeirrt fort. Dort begegnen mir all die typischen Gestalten, denen man bei solch einer WG-Party typischerweise begegnet. Eine Typologie.

Bereits kurz bevor ich mein Ziel erreicht habe, mache ich Bekanntschaft mit dem ersten stereotypen Gast einer jeden WG-Party: sechs Stufen unterhalb der Wohnungstür werde ich von einer kleinen Gruppe dieser ewigen Treppensteher begrüßt. Drei Jungs buhlen offensichtlich um die Gunst eines angetrunkenen Mädchens mit verschmiertem Lidschatten und erheblich verrutschter Stretchhose, das sich lasziv am Treppengeländer windet. Als ich mich an den Vieren vorbeidrängen will, versucht mich einer der Jungs aufzuhalten: „Hi, wer bist’n du? Ey, die Party ist total ätzend, echt, die wahre Party geht hier draußen! Bleib doch lieber hier und trink was mit uns...“

Die Tür, hinter der die Party stattfindet, ist einen Spalt geöffnet. Gerade, als ich sie ganz öffnen will, wird sie mir aufgerissen und vor mir steht, adrett gekleidet, mit einem breiten Grinsen und vor allem stocktrunken das männliche Mauerblümchen. „Ha-lleau, sch-chö-höne F-Frau!“ lallt er mir entgegen, „dahfichir die, äh, S-ssehe-sehnswürdichk-keiten dieser F-ffeier sseigen?“ Es irritiert mich, ausgerechnet den so enthemmt zu sehen – wo er doch sonst kaum ein Wort herausbekommt und sich immer extrem zurückhaltend und unauffällig benimmt. Schade eigentlich, dass der nur auf Parties so aufdreht und dann auch immer gleich übertreiben muss mit dem Alkohol.

Noch bevor ich auf seine Einladung eingehen kann, stürmt mir schon Helen, das abgehetzte Geburtstagskind entgegen. Eigentlich würde ich ihr gerne gratulieren und feierlich meine Geschenke überreichen, doch: keine Chance. Während sie mir die milden Gaben aus den Händen nimmt und sie, ohne ihnen weitere Beachtung zu schenken, hastig auf der Kommode im Flur abstellt, klagt sie mir mit einem leicht hysterischen Unterton in der Stimme ihr Gastgeberinnenleid: „Gott sei Dank, dass du endlich da bist, wenigstens noch eine die nüchtern ist! Ulrike hat gerade auf mein Bett gekotzt!“. Na super – ich bin noch keine zwei Minuten da und werde schon am Ärmel in das Zimmer der Gastgeberin gezerrt, um die riesige Lache einer erbrochenen Mischung aus Salamipizza, Erdbeerbowle und diversen Alkoholika zu bestaunen, welche Ulrike, die kleine Schwester der Gastgeberin, auf deren Satinbettwäsche hinterlassen hat. „Da hilft nichts, das muss alles runter und am besten sofort in die Waschmaschine!“, diagnostiziere ich mit geschultem Blick. Mit spitzen Fingern ziehen wir das Bett ab und tragen die versaute Wäsche ins Badezimmer.

Dort haben sich bereits zwei improvisierte Krankenschwestern der kleinen Schwester angenommen; eine hält ihre Haare beiseite, während sie sich munter weiter erbricht, die andere steht mit einem Glas Wasser und einer Rolle Küchenkrepp parat. Nachdem es Helen und mir gelungen ist, das Bettzeug in die Maschine zu stopfen, ohne mit dem Erbrochenen in Kontakt zu kommen, folgen wir den aufgebrachten Stimmen, die aus der Küche dringen.

Hier sind zwei auch nicht mehr ganz nüchterne Küchenphilosophen in einer Diskussion über den Sinn und Unsinn von Religiosität verbal aneinander geraten. Umringt von ein paar teils interessierten, teils amüsierten Zuschauern fuchteln sie aufgebracht mit ihren Rotweingläsern und Zigaretten in der Luft herum und erzürnen sich über die Engstirnigkeit des jeweils anderen. Als sich ein VWL-Student mit einer haarsträubenden These über den Zusammenhang von Religion und Wirtschaftswachstum in das Streitgespräch einmischt, fühle ich mich genötigt, die Küche zu verlassen.

Auf der Suche nach einem ruhigeren Plätzchen komme ich wieder an der Wohnungstür vorbei, durch die gerade eine Horde Partytouristen hereinströmt. „Und, was geht hier so?!“, will man wissen, um anschließend zu verkünden, von welcher Party man gerade komme, und dass man hier nicht lang bleiben könne, weil man im Anschluss noch hierhin und dorthin und dahin müsse.

Zuviel Action für mich - ich verziehe mich in das Zimmer von Ian, dem schottischen Erasmus-Studenten und lasse mich seufzend auf das Sofa fallen. Endlich mal eine etwas entspanntere Atmosphäre: In durchlöcherten Bierdosen flackern Teelichte, zwei Lavalampen wabern vor sich hin und indisch inspirierte Drum’n’Bass-Klänge bilden einen angenehmen, leisen Soundteppich im Hintergrund, während sich Ian und seine Kumpels wortlos auf Bett, Sofa und Teppich herumfläzen. Nach mehreren Minuten Stille bemerkt immerhin Ian meine Anwesenheit und unterbreitet mir ohne Vorwarnung seine „Vision“ einer Umgestaltung dieses WG-Zimmers: „Wouldn`t it be nice to have sand in here? Ich meine so richtig viel Sand, eine Tonne oder so. Und dann müsste hier noch ein, how do you say it in german, so ein, äh, Känguruh herumhüpfen, das wäre doch so cool!“ Spätestens jetzt, nach einem prüfenden Blick in Ians knallrote Augen, wird mir klar: Hier hat sich das Kiffervolk zum kolletiven Chillen eingefunden. Die zum Schneiden dick verqualmte Luft, dieser ganz spezielle Geruch und die Wasserpfeife auf dem Tisch hätte mir ja eigentlich auch früher auffallen können.



Ich sehne mich nach frischer Luft und gehe auf den Balkon. Leider kann ich hier nicht lange bleiben, denn das heftig fummelnde Liebespärchen, das gerade offensichtlich auf einen handfesten One-Night-Stand hinarbeitet, fühlt sich wohl durch meine Anwesenheit gestört. Auch gut – so langsam bekomme ich sowieso Hunger – hatte Helen nicht erzählt, es würde ein kleines Buffet geben? Sofort mache ich mich auf die Suche nach selbigem.

Seine Überreste finde ich im Wohnzimmer der WG: Hemmungslose Interieur-Vandalen haben aus den übriggebliebenen Leckereien die sieben Weltwunder nachgebaut und „Cocktails“ aus den restlichen Inhalten verschiedener Gläser und Aschenbecher gemixt und mit Mandarinenschalen verziert. Ein Großteil des ehemaligen „Buffets“ wurden bereits in den Teppich einmassiert – ein Anblick, der meinen Appetit wieder etwas zügelt. Ich beschließe, mich in irgendeine Unterhaltung einzuhaken und finde mich kurz drauf in einem Beratungsgespräch wieder, für das andere Leute an meiner Stelle 75 Euro pro Stunde verlangen: Ein Kommilitone entpuppt sich als sentimentaler Lebensgeschichte-Loswerden-Woller und klagt mir, angefangen von der gestörten Beziehung zu seinen Eltern, bis hin zu den Schwierigkeiten mit dem Studium und dem Schmerz über eine ganz frische Trennung, sein gesamtes Leid. Als er, offensichtlich in der Erwartung, ich hätte nun ausreichend Mitleid, um augenblicklich mit ihm in die Kiste zu steigen, Anstalten macht, an meinem Hals herumzulutschen, suche ich schnellstens das Weite.

Die Toilette aufzusuchen könnte mal nicht schaden – mittlerweile dürfte sich Ulrike ja weitestgehend entleert haben. Die Tür zum Bad ist jedoch abgeschlossen und es dringen Fetzen eines handfesten Beziehungsstreites nach draußen. Auf die Launen des sich gerade trennenden Pärchens kann ich ob meines stärker werdenden Bedürfnisses leider keine Rücksicht nehmen – also klopfe ich beständig gegen die Tür. Selbige fliegt schließlich so heftig auf, dass ich eine Kollision der Türkante mit meinem Kopf nur mit Glück verhindern kann, und heraus stürmt ein wütend heulendes Mädchen, das sich schluchzend daran macht, die Party zu verlassen. Im Bad bleibt ein verdatterter Exfreund zurück, der mir nach einem entsprechenden Hinweis dann auch die nötige Privatsphäre zum Pinkeln lässt und seiner Exfreundin hinterher rennt.

Aus der Küche sind erneut laute Stimmen zu vernehmen: Die vormaligen Diskussionspartner haben sich mittlerweile in Partysänger verwandelt und beschwören unter bier- und rotweinseligem Absingen schmutziger Lieder mehrere Male die Vorzüge echter Männerfreundschaften. In der anderen Ecke der Küche hat sich ein kleines Grüppchen offensichtlich hungrig gewordener Kiffer daran getan, seinen Fressflash zu befriedigen und bastelt gerade an einem Auflauf aus sämtlichem Essbaren, das die WG-Küche hergibt.

Während sich ein Großteil der Partygäste mittlerweile schon verabschiedet hat, taucht einer erst jetzt auf: Der Schnösel, den eigentlich keiner eingeladen hat, kommt in Begleitung noch schnöseligerer Kumpels, die erstrecht keiner eingeladen hat, zur Tür herein. Sämtliche Versuche seitens der Gastgeberin, die unerwünschten Besucher wieder loszuwerden, ignoriert die Bande und macht sich zielstrebig daran, die Party auszuchecken. Als sich herausstellt, dass diese sich langsam dem Ende zuneigt, beginnen die Jungs missmutig über nicht mehr vorhandenes Bier zu meckern und über den generellen Mangel dieser Party und ihrer Gäste an Coolness zu pöbeln. Man rückt die nadelgesteiften H&M-Jacketts zurecht und verabschiedet sich nicht, ohne ein paar zweifelhafte „Nettigkeiten“ zurückzulassen. Egal, Hauptsache, die Typen sind wieder weg.

Meine persönliche Erlösung finde ich schließlich im dritten WG-Zimmer, das Helens musikbegeistertem Mitbewohner Max gehört: Außer Max haben sich bereits ein paar andere hier eingefunden und warten gespannt auf den Beginn des improvisierten Konzerts, das Max gleich mit seiner Gitarre zum besten geben wird. Kaum hat er begonnen, fängt fast das gesamte Publikum an, ohne Rücksicht auf Wohlklang mitzusingen. Glücklicherweise gewinnen die Stimmen einiger begabter Sänger und Sängerinnen Oberhand, und so klingt die Party in den frühen Morgenstunden langsam zwischen den Smashing Pumpkins, RHCP und den Beatles aus.

Weil ich von der Musik so hingerissen bin, bekomme ich nicht mehr mit, wie sich Helen gemeinsam mit ein paar treuen Helferlein daran macht, die leeren Flaschen und das dreckige Geschirr zu spülen und Wohnung wenigstens wieder einigermaßen auf Vordermann zu bringen.