Start-ups

Wettbewerb in Freiburger Lokhalle gibt jungen Gründern Starthilfe

Dominik Heißler

Junge Unternehmer aus ganz Deutschland lassen sich zurzeit im Freiburger Kreativzentrum in der Lokhalle coachen. Experten vom Grünhof-Gründerzentrum helfen ihnen mit Businessplänen und Tipps zur Vernetzung.

Türen und Tore der Backsteinhalle stehen weit offen. Ein leichter Wind weht über die Tische und Designerstühle. An den ausgestatteten Containern blättert der Lack ein wenig ab. Dran, drauf und drin unterhalten sich junge Gründer oder starren fokussiert in ihre Laptops. Derzeit findet der "Smart Green Accelerator" im Freiburger Kreativzentrum in der alten Lokhalle statt. Das bedeutet: Coaches vom Grünhof-Gründerzentrum greifen 14 ausgewählten Start-up-Unternehmen aus ganz Deutschland unter die Arme.


"Start-up, das ist doch bloß Denglisch für Existenzgründung – so weit, so falsch", erklärt Jürgen Gomeringer. Er arbeitet als Coach fürs Freiburger Grünhof-Gründerzentrum. Gomeringer erklärt, dass ein Start-up immer eine Innovation brauche. "Ein Friseurladen ist kein Start-up." Die Start-up-Gründer seien zudem meist Idealisten, die langfristige Ziele verfolgten. Nur wenige seien "exit-getrieben", spekulieren also von Anfang an darauf, die Firma lukrativ zu verkaufen, sobald sich der Erfolg einstellt.

Denglisch selbst für Gründer schwer verständlich

Tatsächlich vermengen die Leute in der Start-up-Szene ziemlich oft Deutsch und Englisch. Das Denglisch der Szene ist teilweise sogar für die Gründer selbst schwer zu verstehen. "Bootstrapping", sagt etwa Marina Lommel. Ihr Bruder Manuel kennt das Wort nicht. Es meint, dass eine im Aufbau befindliche Firma nur Innenfinanzierung nutzt – und kein Kapital von außen. Die Geschwister sitzen sich an einem kleinen Tisch gegenüber. Die Laptops zwischen sich aufgeklappt, arbeiten sie zusammen.

Ihre Geschäftsidee: eine App, die individuell bei der Ernährung berät – nach dem Motto: Hauptsache weniger Kohlenhydrate, aber lecker. Nach dem Bachelor in Ernährungswissenschaften hat Marina Lommel "Foodpunk" 2015 gegründet. Die Firma ist schnell gewachsen. Sie wolle gesundes Essen und Digitalisierung verbinden, erklärt die 28-Jährige. Am Anfang der Gründung habe sie auch mal 14 und mehr Stunden am Tag gearbeitet. "Inzwischen kann ich aber auch mal abends ins Kino gehen", sagt sie. Seit vier Jahren habe sie keinen Urlaub gehabt, der länger als ein Wochenende gedauert hat. "Wenn man für eine Sache brennt, findet man keine Ruhe", fügt sie lächelnd hinzu.

"Bootstrapping" gelingt nur wenigen. Oft ist Geld von außen nötig. Robert Heinecke etwa braucht Finanzierungspartner für seine Firma Breeze Technologies. Bei dem Accelerator-Event in der Lokhalle kommt der studierte Wirtschaftsinformatiker unter anderem mit der Stadtverwaltung Freiburg ins Gespräch. "Wir helfen Städten, Luftqualität besser zu messen und so zu verbessern", erklärt er.

Die meisten Gründer kennen keinen routinierten Alltag

Dafür sollen kleine Kästen in der Stadt verteilt werden, die alle relevanten Parameter messen. Die Messwerte sind dann auf einer Bürgerplattform online für alle einsehbar. Ein Pilotprojekt in Hamburg-Rothenburgsort läuft bereits. Auf die Idee kam Heinecke, als er in Istanbul die Wand gegenüber seinem Hotelzimmer nicht mehr sehen konnte – wegen des Smogs. Daraus entwickelte sich das Start-up.

Heineckes Aufgabe im elfköpfigen Team ist es, Kunden zu gewinnen. Er ist viel unterwegs, einen Alltag kennt er nicht. Das geht vielen Gründern so. Michael Dittel etwa sitzt zusammen mit zwei Kollegen und einem Coach hinten in der Lokhalle, ganz klassisch vor Pinnwand und Flipchart. Sie sammeln Ideen auf Karteikarten, feilen an ihrem Pitch, daran also, wie sie ihre Firma Leaftech möglichen Geldgebern präsentieren.

Start-ups tauschen sich aus

"Wir machen Gebäude intelligenter", sagt Dittel. Mittels Wettervorhersagen und 3-D-Modellen würden sie einem Gebäude "beibringen, wie viel Energie es in den nächsten Tagen braucht". Der 28-Jährige hat in Berlin regenerative Energien studiert. Zwar ist auch er viel unterwegs, doch es gibt auch feste Büroräume – in Berlin, direkt unterm Dach. Günstig sei es, im Winter aber zu kalt, im Sommer zu heiß. "Das motiviert sehr, Gebäude besser zu machen", sagt Dittel mit einem Schmunzeln.

Am Accelerator in Freiburg schätzt er den Austausch unter den Start-ups. "Viele scheitern an den kleinen Dingen, wie der Verwaltung oder gesetzlichen Vorgaben", sagt er. Weniger Bürokratie wünscht sich darum auch Robert Heinecke. Und Jürgen Gomeringer weiß: "Nur eins von zehn Start-ups ist erfolgreich." Innovation sei immer unsicher. Marina Lommel indes ruft gerade Frauen dazu auf, sich zu trauen, die eigenen Ideen umzusetzen – aktuell sind nur rund 15 Prozent aller Gründer weiblich. Aber sie warnt auch: Ein ruhiges Leben könne man nicht erwarten.
Der Accelerator

Der "Smart Green Accelerator" (Accelerator heißt Beschleuniger) will Start-ups aus den Bereichen Umwelttechnik, Energie, grüne IT und grüner Lebensstil voranbringen. Aus 168 Bewerbern aus ganz Deutschland haben die Grünhof-Experten 14 ausgewählt, denen sie nun die Chance auf eine gute Vernetzung mit potenziellen Auftrag- und Geldgebern bieten. Außerdem arbeiten die Coachs mit den Gründern an Businessplänen, drehen Promotion-Videos und helfen auch anderweitig. Die Teilnehmer zahlen dabei nur die Anfahrt – den Rest das Land aus Steuermitteln.

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