Wer rettet die WM? - das WM-Tagebuch (7)

Rudi Raschke

Heute ist ein trauriger Tag: Als erster spielfreier reißt er ein Loch in die WM. Außerdem sind bereits 24 Mannschaften auf der Heimreise, die Gastgeber werden von ihren netten Partygästen nach und nach allein zurück gelassen. Da ist der Kater vorprogrammiert. Zu hören in jedem Stadion, wo "Ohne Holland..."-Gesänge angestimmt werden und man sich für die zweifelhafte Leistung des Deutschseins mit Aufstehen belohnt.



“Wer rettet die WM?” fragte vor acht Jahren die Berliner taz, als das Spektakel in Frankreich begann. Diese Frage stelle ich mir am heutigen Tag auch, da alle Viertelfinal-Spiele feststehen. Wer von den acht Finalisten erfüllt nun unsere Sehnsüchte vom schönen Spiel, seinen großen Genies, die mit zwei, drei guten Aktionen ein Match unvergesslich machen können? Oder den Teams, die mit einer überragenden Spielintelligenz die Summe ihrer Einzelteile übertreffen?


Die Brasilianer mit ihrem bürokratischen FC-Bayern-Fußball haben in diesem Kreis aktuell nichts zu suchen. Und unter den Mannschaften, die ein Spiel 90 Minuten lang aussitzen und sich auf Elfmeter in letzter Sekunde verlassen, wird es leider eine ins Halbfinale schaffen, die Ukraine oder Italien. Die frischen Spanier haben gestern die Franzosen aus ihrer Midlife-Crisis geweckt und fliegen gerechterweise heim. Bleiben Argentinien, Deutschland und Portugal als Hoffnung.

Zwei Bilder nehme ich vom gestrigen TV-Marathon mit: Das eine waren die Trainings-Szenen, die die deutsche Mannschaft gestern um die Welt schicken ließ, um im Argentinien-Lager das große Bettnässen auszulösen. Wir sahen die komplette Klinsmannschaft in ärmellosen Mucki-Shirts. Der Großteil von ihnen mit Tätowierungen, bei Robert Huth sahen sie nach längerer Haft aus. Beim Sprint zogen sie Eisen-Anhänger mit vier Hantelscheiben hinter sich her. Die Botschaft dieses fröhlichen Rocker-Camps: Wir haben Fitness für 120 Minuten und werden die 1,60 Meter großen Messis und Saviolas mit altdeutschem Kraftfußball attackieren. Im Sinne der Fußball-Rettung glaube ich fest daran, dass das eine Psycho-Finte war.

Das andere Bild war übrigens der dauergrinsende Zinedine Zidane, der als ehemaliger Fußballmönch offenbar auf einer neuen Bewusstseinsstufe angekommen ist. Auch das ist kein schlechtes Vorzeichen, um endlich mal den (besonders in deutschen Studi-Kreisen gern goutierten) Samba-Sonne- Caipirinha-Mythos Brasilien aus dem Turnier zu werfen.

Es gibt also doch eine Hoffnung auf echte Finalkracher. Die unvermeidlichen Abgründe der Nach-WM-Zeit muss man heute erstmal ignorieren: Christiansen und Westerwelle drängen früh genug wieder vor die Kamera-Scheinwerfer. Und mit Bär Bruno und Otti Fischer halte ich es wie mein Kollege Detlef im Zimmer nebenan: Man hätte den Puffgänger erlegen und den Bär bei Fischers Frau einziehen lassen sollen. Aber so ein Sommerloch ist kein Wunschkonzert. Wie eine WM.

P.S.: Die Antwort des großen Hinterfragers Volker Finke lautete in der “taz” 1998 übrigens: “Die Frage ist mir zu pessimistisch”. Nicht nur das damalige Halbfinale Brasilien gegen Holland gab dem alten Lehrer wieder mal recht.

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Der gebürtige Freiburger Rudi Raschke ist der Autor unseres Tagebuch-Blogs, das wir während der WM auf fudder führen. Er lebt in München und arbeitet als Redakteur des Playboy.