Wenn Laufen zum Lebensinhalt wird

Hannah Allgaier

Greta Hettich (18) und Lukas Nägele (19) vom PTSV Jahn Freiburg gehören zu den großen Lauftalenten in der Region. Sie trainieren bis zu sechs Mal in der Woche, sehen diesen Sport als Gegenpol zum Schulstress und Gradmesser ihrer Willensstärke zugleich. Wie kommt solch ein Lebensinhalt zustande? Einige Trainingseindrücke.



Montagabend, kurz vor 18 Uhr. Die Leichtathleten des PTSV-Jahn Freiburg trudeln plötzlich von allen Seiten auf das zuvor verwaiste Trainingsgelände.


Kurze Begrüßungen, zehnminütiges Einlaufen. Der Höllentäler pfeifft und lässt die Backen erröten, doch bald schon bemerkt man ihn kaum mehr. Der Atem der Sportler wird beim Ausatmen sichtbar. Gekicher aus den Mädchengruppen und ermahnende Pfiffe der Trainer sind zu hören. Doch es geht hier nicht nur um Leistung, sondern auch um Spaß. Viele der Mädchen und Jungen, die hier mitunter für die Deutschen Meisterschaften trainieren, haben hier auch ihre besten Freunde gefunden.



Die Läufergruppe kommt mit roten Köpfen nach zehn Minuten zur Tribüne. Dehnen. Hände an die Fußspitzen, die Männer stöhnen. Sie sagen, sie hätten Modelmaße, also lange Beine und kurze Arme. Deswegen würden sie bei diesem Streching an ihre physischen Grenzen stoßen. Nun ja.



In dieser Läufergruppe trainieren auch Lukas Nägele, 19 und Greta Hettich, 18. Für Greta bedeutet dieser Sport, das Laufen, sehr viel in ihrem Leben. Wenn sie ein Wochenende keinen Sport treibt, bekommt sie schlechte Laune, sagt sie. Die 800 Meter sind ihre Spezialdistanz. 2 Minuten und 22 Sekunden hat sie dafür am 12. Juli bei den Badischen Meisterschaften in Schutterwald gebraucht. Gretas Bestzeit.

Für Greta ist das Laufen Gegenpol zum Schulstress. Bei Lukas ist das so ähnlich. „Ich hab mich schon als Kind gern bewegt und immer schon Sport gemacht. Sport bedeutet für mich sowohl Ausgleich, wenns stressig wird, als auch Spaß. Ich brauche aber auch einen gewissen Druck, sonst würde ich keinen Leistungssport betreiben.“



Früher war Greta eher im Mehrkampf aktiv. Erst bei der Freiburger Laufnacht 2006, bei der sie Zweite wurde, hat sie gemerkt, dass das Laufen ihre Disziplin ist.

Lukas kam über den Fußball zur Leichtathletik. Sein Talent hat allerdings seine ehemalige Englisch- und Sportlehrerin erkannt. Sie meldete ihn für einen Herbstlauf in Bad Krozingen an, bei dem er fünf Kilometer laufen sollte. Er lief aus dem Stand eine 21er-Zeit, ohne jegliches Training.

Das Fußballspielen machte ihm auch nicht mehr soviel Spaß und so landete er beim PTSV-Jahn, in der Läufergruppe von Rolf Luxenburger, der im Übrigen auch den MTB-Olympioniken Moritz Milatz trainiert. Seitdem laufen Lukas und Greta sechs Mal in der Woche.



Auch Steigerungsläufe gehören zum Training: 80 Meter, langsam beginnend und dann beschleunigend. Diese Übung fördert die Schnelligkeit des Athleten, die er gerade für den Endspurt auf der Zielgeraden braucht. Greta zeigt uns auch andere Übungen, die wichtig sind: Sprungläufe etwa, für die Stärkung der Oberschenkel. Sie spult die Übungen mit einer Routine ab, die man sonst nur bei erfahrenen Athleten sieht.



2008 scheint Gretas Erfolgsjahr zu werden. Sie gewann die Freiburger Laufnacht und ist über die 800 Meter Badische Meisterin geworden.

Für Lukas begann die Saison weniger gut. Schon früh entzündete sich sein Knie, das sich nur langsam erholte. Dadurch verpasste er die meisten Qualifikationswettkämpfe und konnte nicht zu den Deutschen Meisterschaften fahren. Trotzdem gewann er die Freiburger Laufnacht im Juli in einer beachtlichen Zeit. Lukas ist amtierender Baden-Württembergischer Meister über zehn Kilometer (Zeit 32:06). 2005 löste er auf Anhieb die Fahrkarte zu den Deuschen Meisterschaften über 3000 Meter und belegte damals den zwölften Rang.



In der Wintersaison stehen für die Greta und Lukas Crossläufe auf dem Programm: es geht über Stock und Stein, Wiesen, Felder und durch den Wald. Kondition und Willensstärke sind hier gefragt. Die Distanzen betragen zwischen vier und acht Kilometern. Greta gewann schon 2007 fast alleCrossläufe der Region. Lukas hofft, dass seine Kniebeschwerden ausbleiben, wenn er sein Trainingspensum erhöhen wird.



Die Stärke der Psyche wird beim Ausdauersport oft unterschätzt. „Runde um Runde zu drehen ist für den Kopf sehr anstregend. Gerade wenn man in den Grenzbereich kommt, wo dein Laktatspiegel steigt, geht es ums Durchhalten“, sagt Lukas.

Bei den Deutschen Meisterschaften 2006 über 3000 Meter ist ihm das nicht gelungen. Eine Runde vor Schluss stieg er aus dem Rennen aus. "Wäre ich weitergerannt, wäre ich umgekippt“, sagt er. Dieses Erlebnis verfolgte ihn: „Sobald es ans Eingemachte geht, hat man diesen Gedanken: jetzt muss ich aussteigen.“



Im heutigen Training sieht man ihn diesen Gedanken jedenfalls nicht an. Die 2000 Meter reißt er in anmutigem Laufstil runter. Sein Trainer Rolf Luxenburger steht mit vier Stoppuhren gleichzeitig in der Hand an der Ziellinie. Nicht jeder läuft die gleiche Distanz.



Einen richtigen Tiefpunkt hatte Greta bisher nicht. Vielleicht wegen ihres gesunden Selbstbewusstseins: „Niemand hat zu mir gesagt, dass ich Laufen soll. Ich hab mir das immer alles selber in den Kopf gesetzt.“

Lukas sieht seinen seinen Trainer Rolf Luxenburger als Garant für seinen Erfolg: "Er ist für mich die wichtigste Person, die mich bis hierher gebracht hat. Er hat Erfahrung, er ist ein Fachmann und ein unheimlich lieber Mensch."



Lukas hat dieses Jahr Abitur am Bertholdgymnasium gemacht. Glück im Unglück war, dass er wegen der Verletzung nicht trainieren durfte und sich deswegen besser auf sein Abitur vorbereiten konnte. Wobei er in der Kombination Lernen und Laufen keinen Widerspruch sieht: „Auch, als es während der Schulzeit mal stressig war, bin ich eben mal abends um Sieben noch eine Stunde laufen gegangen an die Dreisam. Hier kann ich abschalten und mich danach besser aufs Lernen konzentrieren.“

Greta besucht die 12.Klasse des Technischen Gymnasiums. Auch für sie ist es kein Problem, Sport und Schule unter einen Hut zu bringen: "Nach dem Laufen fühlt man sich so frei und unbeschwert."



Leute, die keinen Sport treiben, stoßen bei Greta und Lukas auf Unverständnis. "Wenn Leute anderweitig engagiert sind, ist das natürlich was anderes. Es gibt viele Menschen in meinem Alter, die super ihr Instrument beherrschen und sehr viel Zeit in die Musik investieren. Davor habe ich Respekt. Aber was ist nicht nachvollziehen kann, ist, wenn Leute den ganzen Tag nur zu Hause rumhängen“, sagt Lukas.



Trainingseindrücke: Wenn in den Gesichtern von Greta und Lukas die Anstrengung zu sehen ist und in der Zielgeraden der Willen in ihren Augen aufblitzt, dann sieht man, warum sie laufen. Weil es ein Teil ihres Lebens geworden ist. Das Training endet, im Stadion kehrt Ruhe ein. Die Sportler freuen sich auf die Dusche und gehen langsam in Richtung Umkleiden.