Wenn der Tod als einziger Ausweg erscheint, will U25 helfen

Marlena Maerz

Jugendliche in Deutschland gehören zu der Altersgruppe mit der höchsten Suizidversuchsrate. Bei der E-Mail-Beratung von U25 in Freiburg helfen Jugendliche Jugendlichen in Krisensituationen:



"Julia, danke, wegen dir lebe ich noch", wenn Julia diesen Satz in ihrem E-Mail-Postfach liest, dann weiß die BWL-Studentin, dass sie das Richtige tut. Die 19-jährige Julia hilft Jugendlichen, die sie noch nie gesehen hat und wahrscheinlich auch nie sehen wird. Jugendlichen, die überlegen, sich das Leben zu nehmen. Ihnen schreibt Julia, Typ lange blonde Haare, blaues Karohemd, weißer Schal, E-Mails, hört zu, fragt nach und versucht, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen.


"Beziehungen halten am Leben", erklärt Solveig Rebholz, hauptamtliche Mitarbeiterin bei U25 in Freiburg. 2001 wurde das Suizidpräventionsprojekt für Jugendliche vom Verein "Arbeitskreis Leben" gegründet, seit drei Jahren arbeitet Julia ehrenamtlich mit.

In Deutschland sind Jugendliche die Altersgruppe mit der höchsten Suizidversuchsrate. Ein Grund sei, dass viele Lebenskrisen durch Veränderungen ausgelöst werden und gerade das Erwachsenwerden eine große Veränderung für Jugendliche darstelle, erklärt Rebholz. "Jugendliche erreicht man aber nicht durch ein klassisches Beratungsangebot." Deshalb setzt U25 darauf, dass Jugendliche anonym und kostenlos per E-Mail Hilfe bekommen können. Und zwar nicht von Therapeuten oder ausgebildeten Sozialarbeitern, sondern von jungen Menschen, die auch ihre Freunde sein könnten, englisch Peers genannt.

Drei dieser Peers sind an diesem Tag zum Teamtreffen in die Räume des Vereins "Arbeitskreis Leben" gekommen, um über ihre – wie sie die Jugendlichen nennen – Klienten zu sprechen. Alle drei unterschreiben ihre E-Mails mit Vornamen – Julia, Anne, Franziska. Nur so wollen sie auch in diesem Artikel heißen.

Mit Solveig Rebholz sitzen die drei jungen Frauen um einen Tisch, auf dem Kaffee, Tee, Kekse und Wasser stehen. Es sieht nach einer gemütlichen Kaffeerunde aus. Doch statt über eine Vorlesung oder den neusten Kinofilm zu sprechen, blicken die drei auf Zettel, auf denen sie notiert haben, worüber sie zuletzt mit ihren Klienten geschrieben haben. Bei einem besonders heftigen Fall nestelt Anne nervös an den Ärmeln ihrer Strickjacke, ansonsten sprechen die drei ruhig über die Probleme der Jugendlichen: Der eine hat Probleme in der Familie, eine andere ritzt sich immer wieder die Arme, jemand anderes war schon in der Psychiatrie oder will sich das Leben nehmen.

Standardsätze gibt es nicht

Julia ist eher zufällig über ein Sozialpraktikum zu U25 gekommen. Andere Peer-Berater haben selbst schon Krisen erlebt oder über Suizid nachgedacht und wollen nun anderen Betroffenen helfen. "Bei der ersten E-Mail an einen Klienten saß ich eine Stunde an fünf Zeilen", schildert Julia. Inzwischen braucht die Studentin für eine Mail nicht länger als für eine Facebook-Nachricht an ihre Freundinnen. Worauf die Peers in Mails an die Jugendlichen achten sollen, hat Julia in einer sechsmonatigen Ausbildung gelernt. Standardsätze gibt es allerdings nicht. "Wichtig ist, dass jeder Peer auf seine Art schreibt", sagt Solveig Rebholz. Und was ist mit der großen Verantwortung? Damit könnten die Jugendlichen sehr gut umgehen, sagt Solveig Rebholz. "Ich glaube, man traut Jugendlichen oft zu wenig zu."

Mehr als 1900 Jugendliche aus ganz Deutschland haben sich 2012 an die Freiburger Organisation gewandt. 232 von ihnen konnten von einem Peer-Berater übernommen werden, 1700 hilfesuchende Jugendliche mussten abgewiesen werden, weil das Projekt überlastet war. Den U25-Mitarbeitern blieb nur, ihnen andere Projekte zu empfehlen. Der Träger Caritas hat nun in Berlin, Dresden, Hamburg und Gelsenkirchen weitere U25-Projekte ins Leben gerufen. Die neuen Mitarbeiter wurden in Freiburg geschult.

Julia hat gelernt, die Probleme ihrer Klienten nicht mit in den Alltag zu nehmen. "Wenn ich mich aus dem System auslogge und den PC runterfahre", sagt sie, "dann ist das für mich wie eine andere Welt."

Immer gelingt der 19-Jährigen das jedoch nicht. Wenn ihr ein Klient seinen Suizid angekündigt hat, schaut Julia alle fünf Minuten in ihre Mails. Sie und die anderen Helfer müssen jedoch häufig mit einer Ungewissheit leben. Denn wenn sich eine Jugendliche längere Zeit nicht meldet, wissen die Peers nicht, weshalb. Es kann sein, dass jemand sich erst Monate später wieder meldet, es kann sein, dass das Postfach leer bleibt. Manchmal schreiben Angehörige in das Online-Gästebuch von U 25, dass ein Jugendlicher Suizid begangen hat. Manchmal aber schreibt ein Jugendlicher einfach nur "Danke".

U25

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von U25 sind über die Website u25-freiburg.de zu erreichen. Das Angebot ist anonym und kostenlos. Der Arbeitskreis Leben (AKL) in Freiburg bietet außerdem Beratung für Menschen in Lebenskrisen, Suizidgefahr oder Menschen, die in Sorge um Angehörige sind.

Für Erwachsene gibt es zudem eine kostenlose Alltagsbegleitung durch ehrenamtliche Krisenbegleiter. Außerdem bietet der AKL eine "Offene Gruppe" für Trauernde nach Suizid an. Die Mitarbeiter des AKL sind montags, mittwochs und freitags von 10 bis 13 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 14 bis 16 Uhr unter der Telefonnummer 0761.33388 erreichbar.

AKL und [U25] Freiburg (Arbeitskreis Leben)

Quelle: YouTube

Mehr dazu:

 
[© Artem Furman - Fotolia.com]