Interview Florian Mehnert

Welche Gefahren birgt Big Data?

Savera Kang

Der Künstler Florian Mehnert macht in der Region immer wieder auf den Wert der Privatsphäre aufmerksam – mit aufsehenerregenden Installationen oder wie diese Woche in einem Vortrag zum Thema Big Data.

Der Sonntag: Herr Mehnert, Sie hatten angekündigt, diese Woche bei der IHK in Schopfheim über die Grundidee von Big Data zu sprechen. Welche Idee ist es, die dem massenhaften Sammeln von Daten zugrunde liegt?



Mehnert: Sie besteht aus drei Überlegungen. Die eine ist die Echtzeiterfassung des öffentlichen und auch des privaten Raumes. Das kann Google zum Beispiel schon hervorragend, die Navigations-App beispielsweise kann sehen, ob irgendwo ein Ampelstau herrscht. Und dann ist Big Data an "digital profiling" interessiert. Das heißt: Persönlichkeitsmuster extrahieren aus den Hinterlassenschaften der Menschen im digitalen Raum. Das müssen gar nicht Facebook-Einträge sein, das können auch Amazon-Einkäufe sein oder Kommentare, die man online hinterlässt. Big Data hat Algorithmen, die Textanalysen durchführen und mit Persönlichkeitsmustern verknüpfen können. Auch in Echtzeit. Also: Wie es dem Menschen gerade geht, wo aktuell seine Interessen liegen oder seine Probleme – egal, in welchen Bereichen, Krankheit, Familie, Einkaufsbedürfnisse.

Der Sonntag: Und die die dritte Überlegung?

Mehnert: Das ist die Vorhersage von zukünftigem Verhalten, prädiktive Analyse. Was wird jemand in Zukunft wollen? Wie wird es ihm in Zukunft gehen? Was wird er denken? Und wie kann man ihn möglicherweise dahingehend bedienen oder auch manipulieren? Das schafft ein sehr breites Feld der Eingriffsmöglichkeiten.

Der Sonntag: Sie sagten vorhin, die Daten hierzu werden auf verschiedenen Plattformen hinterlassen. An welchem Punkt laufen sie zusammen, wer wertet diese zunächst nicht verknüpften Massen aus?

Mehnert: Das große Wort ist Korrelation: Es geht nicht um einzelne Daten auf einzelnen Plattformen einzelner Betreiber. Erst durch die Verknüpfung kann man ein perfektes Abbild einer Persönlichkeit bekommen. Für Persönlichkeitsmodelle, mit denen die Psychologie Menschen sehr genau kategorisieren kann, hat man im Analogen sehr viele Probanden gebraucht. Jetzt werden Algorithmen geschrieben und Verfahren angewandt – das bekannteste hat wohl Michal Kosinski entwickelt – die man über Foren und Netzwerke laufen lassen kann. So gewinnt man Millionen oder Milliarden von Probanden.

Der Sonntag: Und dann?

Mehnert: Verschiedene Großkonzerne korrelieren das – bekannte wie Facebook und Google und unbekannte wie Palantir. Wer es macht, spielt aber eine untergeordnete Rolle, denn die Daten werden einfach verschoben. Man darf sich nicht darauf verlassen, die Daten blieben irgendwo – sie werden als Rohstoffe gehandelt. Der Rohstoff Daten wird durch tägliches Verhalten generiert, unabsichtlich. Allein, weil sie existieren, schaffen Menschen Informationen über sich. Für viele ist es schwer zu verstehen, was jetzt daran Rohstoff sein soll, dass man jemandem schreibt oder einfach einkauft. Jede kommunikative Äußerung ist letzten Endes eine Aussage über einen selbst.

Der Sonntag: Und diese Aussagen sind wahrscheinlich sogar zuverlässiger als die Tests, die Probanden einst ausfüllten.

Mehnert: Ja sicher! Das ist nahezu perfekt. Das ist ja das Erschreckende. Man muss nicht glauben, dass man den Algorithmen etwas vormachen könnte – das kann man nicht.

Der Sonntag: Trotzdem ist die Meinung weit verbreitet, bei Big Data ginge es um Massendaten und nicht um einen persönlich. Sie aber sagen, dass es genau darum geht: um individuelle Profile.

Mehnert: Ja. Amazon hat zum Beispiel Verfahren entwickelt, mit denen Profile erstellt werden, auch wenn man kein Kunde ist. Sie lesen den Browserverlauf aus, um zu sehen, auf welchen Webseiten der Nutzer vorher gesurft ist – und schreiben ganz offen: "Inspiriert von Ihrem Browserverlauf". Ich glaube, es rührt noch aus der Snowden-Ära, dass die Leute zwar schockiert sind, aber da in Geheimdienstzusammenhängen abgehört wurde, sagen sie: "Ich hab ja nichts zu verbergen." Und: "Wer soll das denn alles lesen?"

Der Sonntag: Was entgegnen Sie diesen Menschen?

Mehnert:Das lesen Computer. Und es geht nicht mehr ums Verbergen, es geht um Persönlichkeitsanalysen. Was zum Beispiel auch erst Big Data möglich macht, ist das "automated decision making" – also dass Menschen gar nicht mehr über bestimmte Prozesse entscheiden. 80 Prozent aller Börsengeschäfte werden nicht mehr von Menschen getätigt. Es sind Softwareempfehlungen, die den Markt viel schneller einschätzen können, als es ein Mensch kann. Und im Kreditgewerbe ist es so, dass die Ratings der Kunden nicht mehr von einem Sachbearbeiter gemacht werden, sondern von einer Software.

Der Sonntag: Und auf der Ebene, sagen Sie, wird es für jeden kritisch?

Mehnert: Auf jeder Ebene, es gibt tausend Beispiele. Nehmen wir die Buchungsplattform booking.com: Wenn man nach Rom fahren möchte und auf der Seite nach einem Hotel sucht, dann ist klar, dass die Plattform – durch die IP-Adresse, Spracheinstellungen und vieles mehr – sieht, wo man sich befindet. Dann wissen die: Ah, der ist ja nicht in Rom. Wenn man aber schon in Rom ist und spontan vom Smartphone aus buchen möchte, dann sieht der Algorithmus: Der ist in Rom und muss irgendwo übernachten – und dann sind die Preise höher.

Der Sonntag: Da spielt Big Data in unser wirtschaftliches Leben hinein. Sie sagen jedoch auch, dass es Prinzipien der Selbstbestimmung über psychisches und soziales Leben in Frage stellt.

Mehnert: Ja klar. Wir werden von der Big-Data-Industrie hineinreguliert: Wer seine Fitnesstracker-Daten an die Krankenkasse überträgt, wird jetzt mit einem Bonus belohnt. Morgen wird es so sein, dass die Krankenkasse sagt: "Wenn wir keine Fitnesstracker-Daten von dir bekommen, dann können wir dich als Kunde ja nicht einschätzen und müssen halt einen teuren Tarif machen." Das heißt, man wird über seine Finanzen gezwungen, Daten zu liefern. Und die Frage ist: Wo ist die Würde des Menschen, wenn man sich Informationsfreiheit nicht leisten kann? Die Krankenkasse sagt einem natürlich nicht: "Wir haben Statistiken darüber, dass Alleinstehende 20 Prozent höhere Krankenhauskosten verursachen, weil sie länger bleiben und schlechtere Heilungschancen haben." Das Problem ist, dass das zu einer Asozialisierung der Gesellschaft führt, weil dann jeder sagt: "Ich habe gerne einen Tracker in meinem Auto, weil ich defensiv fahre und warum soll ich denn für den anderen mehr bezahlen?" Dass das zu einer Entmündigung führt, vergisst er dabei. Und die Frage ist: Wie viel Entmündigung möchte ich über mich ergehen lassen und wie würdelos wird das irgendwann? Was bin ich dann noch?

Der Sonntag: Was könnte Transparenz noch bewirken, wenn man eh keine Wahl hat?

Mehnert: Transparenz würde wahrscheinlich relativ wenig ändern. Momentan ist das Feedback von der digitalen Welt in die analoge für viele Leute nicht so deutlich. Und es ist im Interesse vieler Konzerne, das nicht so deutlich zu machen. Die Debatte, die wir als Gesellschaft führen müssen, ist: Wollen wir, dass Daten als Rohstoff gehandelt werden?

Der Sonntag: Welche Möglichkeiten sehen sie für den Einzelnen, der das nicht möchte?

Mehnert: Er muss vermögend sein und die soziale Exklusion ertragen.

Der Sonntag: Wie halten Sie es?

Mehnert: Ich habe nicht so viel Geld, aber ich ertrage soziale Exklusion. Man ist dann nicht bei Facebook, hat kein Whatsapp...

Der Sonntag: Und ein Smartphone zu besitzen ist okay?

Mehnert: Ich hab eins, aber das geht eigentlich auch nicht. Ich habe keine Lust darauf, dass Vodafone, Google oder Apple wissen, wo ich bin. De facto wissen sie es aber.

Der Sonntag: Für Unternehmer ist Big Data so gesehen ein Traum.

Mehnert: Ja klar. Aber sie sind auch selbst betroffen. Man müsste einen ethischen Konsens finden. Und den wird die Gesellschaft vielleicht auch finden, wenn sie merkt, dass ihr zu viele wirtschaftliche Nachteile aufgrund von Psychogrammen entstehen. Man wird vielleicht diskutieren, dass wir eine Art "bio" brauchen, eine Demeter-Wirtschaft in der Big-Data-Welt. Es wird darum gehen, dass ich damit werbe, dass ich keine Daten sammle.

Das Gespräch führte Savera Kang
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