Weiler Impressionen: Auf den Spuren der Antonella Trapani

Anita Reiter

Auf dem Bild sieht man das Relax, Betonung auf der ersten Silbe. Diese Haltinger Kneipe ist eine der Stationen, die wir auf der Suche nach den Wurzeln von Antonella Trapani besucht haben. Zwar kennen wir den angehenden Popstar schon in Unterwäsche, aber wo sie herkommt und was die Menschen in ihrer Heimat über sie denken, wussten wir noch nicht. Eine Reportage aus Weil vor dem Finale heute Abend.



Frieren bei den Outlets

Die Wolken hängen tief, es schneit ununterbrochen, Temperatur am Gefrierpunkt. Wie so viele deutsche Städte versinkt auch Weil dieser Tage in tristem Grau. 30 000 Einwohner bibbern. Aufgrund des Wetters strotzt die Stadt auch nicht gerade vor Lebendigkeit. Es scheinen nur die Leute unterwegs zu sein, die keine andere Wahl haben. Wer sein warmes Heim nicht unbedingt verlassen muss, tut dies auch nicht.

Zu den Leuten, die leider keine Wahl haben, gehören die Schüler des Weiler Kant-Gymnasiums. Seit mehreren Wochen ist diese Schule vor allem für eines bekannt: Es ist die ehemalige Lernstätte von Antonella Trapani, die heute Abend vielleicht zum Popstar wird. Ehemalig deshalb, weil Martin Haas, der Gymnasialdirektor, kein Erbarmen mit der singenden Schönheit hatte und ihr die Wahl ließ: Entweder Schule oder Popstars.

Die Schule liegt zwar ganz in der Nähe des Bahnhofs, aber der tiefe Schneematsch verlängert den Weg dorthin enorm. Wo ist der Räumdienst?

Ein Blick in die Straßen von Weil verrät: Wer hier einen Tag vor dem Popstars-Finale die große Antonellamanie mit Postern, Plakaten und Passanten in Trapani-Shirts erwartet, wird enttäuscht. Auf Plakaten wird allenfalls ein Flohmarkt am nächsten Wochenende angepriesen.



In der Schule

Auch am Kant-Gymnasium zunächst mal keine Spur von glamouröser Vorfreude auf die Lokalmatadorin: Die Kommentare der ersten Schüler, allesamt aus den älteren Jahrgängen, beschränken sich im Vorbeilaufen etwa auf: „Popstars schau ich nicht und Antonella interessiert mich nicht. Persönlich kennen tu ich sie auch nicht.“ Wenn schon ihre ehemaligen Mitschüler eine solche Gleichgültigkeit an den Tag legen, wie soll es Antonella jemals in die Band schaffen?

Lotte (18) und Lea (19), die in die 13. Klasse gehen, erzählen dann noch, dass ausgerechnet heute Abend das Weihnachtskonzert des Kant-Gymnasiums stattfindet. „Deshalb werden wir die Show nicht anschauen können, obwohl wir in den letzten Wochen fleißig geguckt haben“, sagt Lotte.



Ein paar jüngere Mädchen stehen vor dem Haupteingang in einer Gruppe zusammen. Man hört den Satzfetzen „und dann muss ich Popstars schauen“ heraus. Später treffe ich Antonia. Sie ist zwölf Jahre alt und bezeichnet sich mit einem großen Lächeln und glänzenden Augen als großer Fan von Antonella: „Ich kenne Antonella nicht persönlich, aber ich bin stolz, dass sie aus Weil am Rhein kommt und bei Popstars dabei ist.“



Heute Abend wird sie zu Hause das Finale anschauen und vielleicht auch für Antonella anrufen. Hier zeichnet sich ab, was sich später wiederholen wird: Es sind vor allem die jungen Mädchen, bei denen das Antonella-Fieber ausgebrochen ist und für die die Popstars-Schönheit bereits zum Idol wurde. Da wird auch schon mal das Weihnachtskonzert der Schule geschwänzt, während die höheren Jahrgänge dort brav auftauchen wollen.

Simone Brobeil ist Lehrerin am Kant-Gymnasium. Sie versucht für mich herauszubekommen, welche Klasse Antonella besuchte. Auf dem Weg zum Sekretariat fragt sie immer wieder vorbeikommende Lehrer: „Hast du Antonella mal gehabt?“ Zugegeben, der Name Antonella kommt nicht besonders häufig vor, aber dennoch fällt auf, dass nie eine weitere Erklärung nötig ist, welche Antonella denn jetzt gemeint ist. Jeder weiß, von wem die Rede ist.

Die Schule hat über 1000 Schüler. Es gibt viele Stockwerke, Treppen und Gänge, in denen man sich leicht verlaufen kann. Simone Brobeil hat die aktuelle Popstarsstaffel schon deshalb verfolgt, weil ihre Kinder sie schauen. An keinem der vorangegangenen Showabende gab es bisher eine Antonella-Aktion in der Schule. „Heute hätte es vielleicht was gegeben“, sagt Simone Brobeil, „aber da haben wir ja das Weihnachtskonzert.“ Es sei auch einmal überlegt worden, während des Konzerts einen Fernseher aufzustellen, das sei aber aus technischen Gründen gescheitert. „Wie ich den Direktor kenne, wird er am Ende des Konzerts verkünden, was aus Antonella geworden ist“, sagt Brobeil.

Sie ist sicher, dass sich die Schüler per SMS von zu Hause informieren lassen, wie die Finalshow für Antonella verläuft. Dass Anto das vierte Bandmitglied von Queensberry wird, bezweifelt in Weil am Rhein übrigens niemand. Bundesweit wird sie als Favoritin gehandelt, was man in Weil mit Wohlwollen beobachtet.

Endlich ist eine Lehrerin gefunden, die Antonella näher kennt: Sabine Vogler-Kölper unterrichtete Antonella in der siebten und achten Klasse in Englisch. „Sie ist damals noch nicht groß in Erscheinung getreten. Sie war eigentlich eher zurückhaltend. So habe ich sie jedenfalls erlebt“, erinnert sich Vogler-Kölper. Sie habe aber damals schon ihre Anhänger gehabt. „Inwieweit Antonella in den Klassen Thema ist, kann ich nicht beurteilen.



Im Lehrerzimmer habe ich jedenfalls noch keinen darüber reden gehört“, sagt sie. Es sei aber sicherlich etwas Besonderes, dass jemand vom Kant-Gymnasium in den Schlagzeilen ist. Dass Antonella einmal vor Detlef D! Soost, Loona und Sido auf der Popstars-Bühne stehen würde, hat Sabine Vogler-Kölper nicht kommen sehen. „Ich habe nie gewusst, dass Tanzen und Singen zu ihren Hobbies gehören und dass sie da Talent hat.“



Meine letzte Station im Kant-Gymnasium führt mich zu jemandem aus der elften Klasse. Es ist die Jahrgangsstufe, in der Antonella heute ihre Schultage verbringen würde, wenn sie nicht gerade bei Popstars etwas Besseres zu tun hätte.

Sebastian (17) reagiert jedoch genervt auf unsere Nachfrage. Wer weiß, vielleicht tauchen hier ja täglich Journalisten auf, die blöde Fragen stellen. Popstars habe er nicht geschaut, weil es ihn nicht interessiere, sagt er entschieden. Die heutige Finalshow kann er nicht schauen, weil er „gezwungenermaßen“ zum Weihnachtskonzert gehen muss. Ein Mitschüler steckt grinsend den Kopf durch die Tür und erfasst die Situation sofort: „Wegen Antonella, oder was?“

Die Theorie mit den Journalisten, die täglich ins Kant-Gymnasium spazieren, scheint zu stimmen. „Ich kenne Antonella eigentlich nur, weil sie im Unterricht mal hinter mir saß“, sagt Sebastian und wird jetzt doch gesprächiger: „Es ist ein komisches Gefühl, jemanden im Fernsehen zu sehen, den man kennt.“



Nur eine Version

Szenenwechsel: Das Kaufring-Kaufhaus in Weil. Die Produzenten von Popstars haben sich in dieser Staffel einen besonderen Promotrick ausgedacht: Jede der drei Popstars-Finalistinnen hat mit den bereits fest stehenden „Queensberries“ das erste Album der Band eingesungen. So gibt es derzeit drei Versionen von "Volume 1". Jede verkaufte CD wird als eine Stimme für eine der Kandidatinnen gewertet.

In der Musik-Abteilung des Kaufring-Kaufhauses fällt die CD mit Antonellas Stimme zwar nicht gleich ins Auge, sie ist aber leicht zu finden. Ein Schild über den CDs weist extra darauf hin. Wer in Weil die Versionen der anderen beiden Finalistinnen kaufen will, ist eindeutig in der falschen Stadt unterwegs. Hier steht selbstverständlich nur die CD mit dem Namen „Queensberry feat. Antonella“ im Regal. „Sie verkauft sich sehr gut“, versichert die Verkäuferin.



Relax

Haltingen, ein Stadtteil von Weil. Hier wohnt Antonella. Auch hier scheint das Antonella-Fieber, so denn vorhanden, eher im Privaten als in der Öffentlichkeit ausgelebt zu werden: Keine Poster, keine Plakate, keine Fanartikel. Die Lokalpresse schreibt aber immer wieder über Anto, was dazu führt, dass selbst ein 85-jähriger Mann schon mal von Antonella Trapani gehört hat.

Drei Bäckereiverkäuferinnen geben Auskunft zu Antonella: Niemand von ihnen hat sie schon einmal persönlich gesehen, sie alle erfüllt es aber mit einem gewissen Stolz, dass jemand aus Haltingen bei einer Sendung wie Popstars dabei ist. Eine von ihnen, Natascha (23), sagt, dass Antonella im Dorf durchaus ein Thema sei, vor allem unter den Jugendlichen. „Ich sehe das ja bei unseren Bäckerlehrlingen. Die reden immer wieder darüber“, sagt sie.

In Haltingen, wo nur 8000 Menschen leben, gibt es nicht all zu viele Geschäfte, Restaurants oder Kneipen. Es gibt vor allem ein Lokal, wo sich die Jugend trifft: Das Relax. Betonung auf der ersten Silbe.



Die Tochter des Inhabers ist neun Jahre alt und heißt Rojin. Sie gehört zu den jungen Mädchen, die in Antonella ihr Idol ausgemacht haben. Sie hat die Queensberry-CD mit Antonella als vierter Sängerin noch nicht gekauft, hofft aber, dass ihre Mutter sie heute Abend telefonisch abstimmen lassen wird. „Ich hoffe, dass sie in die Band kommt. Sie hätte es verdient“, sagt Rojin.

Zwei Jungs spielen im ansonsten leeren Relax an den Spielautomaten. Sie sind in Antonellas Alter und kennen sie tatsächlich persönlich. Pascal ist 18 Jahre alt und ging mit Antonella in die Grundschule. Auch danach sind sie in Kontakt geblieben. Er hat während der gesamten Staffel mit Antonella mitgefiebert. Es könne gut sein, dass er heute Abend für die Bekannte anrufen wird. „Ich habe mir extra noch Geld aufs Handy geladen“, sagt er.

Antonella habe sich bisher hervorragend geschlagen und wäre ein hochverdientes Mitglied von Queensberry, ist er sich sicher. Das hört man in Antos Heimat öfter: Von ihren bisherigen Leistungen ist jeder überzeugt.
Sie habe sich schon ein wenig verändert, sagt Pascal zögernd. „Sie war schon vorher ein wenig eingebildet. Das hat sich verstärkt“, sagt er. Antonella sei schon öfter im Relax gewesen. Zumindest beim Inhaber hat sie aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Er kann sich nicht an sie erinnern.



Schon zwei Mal stand Antonella mit einem Bein in der Band. Jedes Mal machte die Jury Anto einen Strich durch die Rechnung. Doch das Urteilsvermögen der Truppe um Detlef D! Soost wird sowieso angezweifelt, seit Antonella beim Casting in Rust rausgeworfen wurde und durch das Online-Casting bis ins Finale kam.

Heute Abend ist die Entscheidungsmacht der Jury endlich gebrochen. Um 20.15 Uhr wird sich in Hilversum entscheiden, ob die 17-Jährige aus Haltingen (vorübergehenden) Ruhm genießen wird. Im Relax wird die Finalshow wahrscheinlich auf den Fernsehbildschirmen zu sehen sein. „Das wird", vermutet Pascal, "wichtiger sein als Fußball.“