Weihnachten allein und in der Großfamilie

David Weigend

Dijana (24) verbringt Weihnachten mit ihrer Familie in Haslach. Das heißt: am ersten Feiertag werden sich etwa 35 Leute um die festliche Tafel versammeln. Bei Hanno (44) in der Wiehre geht es etwas beschaulicher zu. Denn er will über Weihnachten am liebsten allein bleiben. Zwei gegensätzliche Gesprächsprotokolle.



1. Diana, Friseurin (24): Weihnachten in der Großfamilie

„Mein Vater kommt aus Bosnien, meine Mutter ist Slowenin. Sie sind katholisch und wohnen in Haslach. Ich habe zwei Schwestern und einen Bruder.

Am 24. Dezember arbeite ich bis 13 Uhr und komme gleich anschließend nach Hause. Meine Mutter nimmt sich schon den 23. Dezember frei, bäckt Kuchen, spickt den Braten für den ersten Weihnachtsfeiertag. Mein Vater richtet die Wohnung, zieht den Tisch aus. Der Baum steht schon seit dem 1. Dezember. Es ist ein künstlicher, wir haben ihn seit Jahren. Inzwischen gefällt er mir.

Wir holen das gute Silberbesteck raus, das benutzen wir nur an Feiertagen. Mama kocht den Fisch für den Abend. Eingelegter Seelachs, paniert, ihre Spezialität. Ich schnibbel’ den Kartoffelsalat, würze ihn schön scharf, mit Zwiebeln. Zwischendurch entführe ich die Mama und mache ihr die Haare, anschließend meiner Schwester. Dann ziehen wir uns schick an, mit viel Glitzer. Um 18 Uhr beginnen wir mit dem Essen.

Gegen 21.30 Uhr kommt meine Schwester mit ihrem Mann zu uns. Sie bringen ihre beiden Töchter mit (6 Jahre und 15 Monate alt) und die Schwiegermama. Unser enger Kreis ist komplett, mit diversen Partnern sind wir zirka 14 Leute.
Die Kinder schreien schon, weil sie die Geschenke haben wollen.

Das Auspacken der Geschenke ist ein Ritual. Einer hält dabei immer eine witzige Rede. Meist mein Bruder oder ich, weil wir die Chaoten der Familie sind. Die Kinder kriegen ihre Sachen zuerst, damit sie sich beruhigen. Wir rütteln die Geschenke und schmeißen sie dann dem Besitzer zu. Das mit den Geschenken dauert lang, etwa 90 Minuten. Viele Geschenke bleiben vorerst unterm Christbaum, da die ganzen Onkels, Tanten und Cousins erst am 25. Dezember zu uns kommen. Wir haben ein beeindruckendes Foto, auf dem sieht man eine Wand von Geschenken, die den halben Baum verdeckt.

Um Mitternacht gehen die Eltern in die Kirche. Mama lässt das Fleisch für den nächsten Tag mit Weihrauch segnen.

Gegen 1.30 Uhr kommen sie zurück, dann fängt die Feier erst richtig an. Die Telefonlawine bricht los. Es klingelt ununterbrochen. Wir rufen in Bosnien an, Bekannte aus Amerika rufen uns an. Da wird jedem frohe Weihnacht gewünscht, komme was da wolle.

Gleichzeitig wird die Musik aufgedreht. Alle sind am Tanzen. Bis der Letzte aufgibt. Meine Eltern sind die Anführer, echte Partymäuse. Die sind durchgehend auf der Tanzfläche im Wohnzimmer. R’n’B, Hip Hop, bosnische Folklore, die tanzen auf alles. Die Jüngeren gehen auf Lady Gaga ab, die ganz Kleinen sind nach der Bescherung müde. Die Schwiegermama nimmt sie mit, dass sie schlafen können. Wir legen abwechselnd auf, deswegen gibt’s manchmal Ärger. Alkohol trinkt man in Maßen.

Am ersten Feiertag zum Mittag wird’s ziemlich voll. Wir versammeln uns in der Küche, noch ein wenig groggy vom Partymachen. Da sind wir dann starke 30 Leute, es kommen auch Verwandte aus Slowenien und aus Deutschland hinzu. Man stellt auf dem Tisch einen goldenen Kerzenhalter mit vier Kerzen auf. Einer der Jüngsten kommt in die Küche und spricht ein kleines Gebet in Reimen. Wir beten alle und dann ist das Büffet eröffnet. Es besteht vor allem aus Fleisch. Cevapcici, Braten, Pljeskavica, da artet es echt aus. Man haut richtig rein. Die Eltern trinken mit den Freunden Rakija. Mir schmeckt dieser Schnaps nicht.

Am 26. Dezember bin ich bei meinem Patenkind eingeladen. Da machen wir dann alle etwas ruhiger, denn man ist echt ein wenig geschafft von der ganzen Feierei an den Vortagen. Aber so läuft das nun mal bei uns. Wir sind eine große Familie."



2. Hanno, Programmierer (44): Weihnachten allein

"Ich bin verheiratet. Meine Frau ist schon gestern zu ihrer Familie gefahren. Ich bleibe daheim in der Wiehre und versuche, weitgehend allein zu bleiben. Es gibt ab und zu andere Weihnachtsflüchter, die bei mir mal vorbeischauen. Aber am liebsten bin ich über diese Tage ohne Gesellschaft und am schönsten ist es für mich, wenn sie so normal verlaufen wie jeder andere Tag auch, an dem ich frei habe. Also: Ich kann machen, was ich will, sitze vorm Fernseher, spiele irgendwas am Computer. Ein Rennspiel, 3-D-Shooter, Strategiespiel, worauf ich gerade Bock habe. Meist mache ich mir einen Auflauf, von dem ich zwei, drei Tage esse.

Ich will es möglichst unspektakulär. Und in Ruhe gelassen werden. Gegen 2 Uhr, 2.30 Uhr gehe ich ins Bett, ich bin ein Nachtmensch.

Mir bedeutet Weihnachten nichts. Ich bin evangelisch erzogen worden, mein Vater ist studierter Theologe, meine Mutter ist auch sehr gläubig. Weihnachten war bei uns sehr religiös geprägt. Es hatte weniger mit einem kommerziellen Familienfest zu tun. Ich habe keinen Glauben, bin aus der Kirche ausgetreten.

Mein zweites Problem ist: Die Welt stellt sich an Weihnachten auf etwas ein, an dem ich zwangsläufig teilnehmen muss. Da alle Menschen Weihnachten feiern, ist die Stadt leer. Alle sind beschäftigt und ich muss damit zurecht kommen. Und ich komme damit zurecht, indem ich mich von alledem fernhalte. Ich wollte von diesen Konventionen, die man an Weihnachten zu erfüllen hat, irgendwann nichts mehr wissen. Ich habe damit ein Problem, wenn mir andere vorschreiben, wie ich bestimmte Tage zu verbringen habe; welche Stimmung ich da zu haben habe.

Früher versuchte ich, an Weihnachten zu arbeiten, um der Stimmung zu entgehen. Aber man kann ihr eigentlich nicht entgehen. Das war schon früher so, in meiner Freiburger 4er-WG. Ich wollte, dass alles normal weitergeht und die drei WG-Kollegen fuhren nach Hause, um mit ihren Familien Weihnachten zu feiern. Das einzige Mal im Jahr war die WG einfach leer. Du willst abends in die Kneipe gehen und die Kneipen sind fast alle zu. Die Kinos auch. Das hat mich geärgert. Alle wollen, dass ich mache, was die anderen machen, obwohl ich das eigentlich nicht will. So ist bei mir auch eine Art Trotzreaktion entstanden.

Meine Frau ist ein Klanmensch, der gern in größeren Gruppen feiert. Sie hat aber schnell akzeptiert, dass das bei mir anders ist. Ihre Familie hat länger gebraucht. Witzigerweise glauben ja die meisten, man würde ungern Weihnachten allein sein. Selbst alte Freunde kommen immer wieder auf die Idee, mich zu fragen, ob ich Heiligabend nicht bei ihnen zum Essen vorbeikommen will. Dann sag ich: „Wenn ich überhaupt an Weihnachten irgendwo sein wollte, dann natürlich bei meiner Familie.“

Schon seit 25 Jahren bin ich Weihnachten allein. Es war ein langer Kampf, vor allem mit meiner Mutter. Mein Vater ist tolerant, der hat das akzeptiert. Meine Mutter ist da emotionaler, die hätte gern ihre Kinder beieinander. Sie hat immer wieder versucht, mich zu bearbeiten. Wollte es lange nicht glauben, dass ich es wirklich so haben will. Aber inzwischen hat sie es auch akzeptiert.

Ich habe zwei ältere Geschwister. Meine Schwester hat drei Kinder, die kommen nicht, sondern feiern selber. Mein Bruder war lange Zeit über Weihnachten bei den Eltern. Vor zwei Jahren ist er selbst Vater geworden und ich weiß gar nicht, ob er morgen ins Elternhaus fahren wird. Das könnte langfristig ein Problem für meine Mutter sein: wenn an Heiligabend keines ihrer Kinder nach Hause kommt."

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