BZ-Gespräch

Was Studentinnen aus Freiburg über Feminismus denken

Heidi Ossenberg

Drei junge Frauen, die gemeinsam Theater machen, sprechen anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März über ihren Kampf um Gleichberechtigung. Sie sagen: "Feminismus ist wie Demokratie".

Was fangen junge Frauen mit dem altehrwürdigen Feminismus an? Wie werden Gleichberechtigungs- und Machtfragen nach den Internet-Erfahrungsberichten #Aufschrei und #MeToo bei unter 30-Jährigen diskutiert? Die Idee zur aktuellen Spurensuche entstand im Theatersaal. Sarah Busch, Charlotte Großmann, Maria-Xenia Hardt und Kai Wörner inszenierten im Februar die "Vagina-Monologe" von Eve Ensler mit der englischsprachigen Theatergruppe Maniacts in Freiburg. Beeindruckt von der Ernsthaftigkeit der Produktion lud Heidi Ossenberg die Regisseurinnen zum Gespräch – passend zum Weltfrauentag.

Bin ich Feministin?

Auf die Frage, ob junge Frauen sich überhaupt noch für Femininismus interessieren, bricht es aus allen drei Studentinnen heraus – die Journalistin verabschiedet sich von der Idee, ein klassisches Frage-Antwort-Interview zu führen:
Maria-Xenia Hardt: Wenn man mich zu jedem Zeitpunkt meines Lebens gefragt hätte, bist Du Feministin, hätte ich immer Ja gesagt. Ich war auf Mädchenschulen, da wird so etwas kultiviert. Was sich in den letzten ein, zwei Jahren verändert hat, ist, dass ich persönlich wieder mehr das Bedürfnis habe, das in die Öffentlichkeit zu tragen. Es reicht nicht mehr, wenn wir alle in unseren stillen Kämmerchen Feministinnen sind. Wir müssen damit etwas machen. Es gibt das Gerücht, junge Frauen seien keine Feministinnen. Das kommt vielleicht sogar daher. Ich finde nicht, dass das mal so war. Aber das Thema wurde in der Öffentlichkeit nicht von jungen Frauen vorangetrieben. Wenn es feministischen Content in der Öffentlichkeit gab – dann lief das über Alice Schwarzer.
Charlotte Großmann: Das hat sich ja schon verändert! Spätestens mit #Aufschrei und #MeToo.
Hardt: Diese beiden Ereignisse sind ein Kipppunkt. Im öffentlichen Diskurs sind seither junge Frauen, junge Menschen generell, als Feministen präsent.
Sarah Busch: Ich habe viele Freundinnen, die Geisteswissenschaftlerinnen sind. Da gibt es eine große Diskussion: Warum muss man das denn Feminismus nennen? Kann man denn nicht Gleichstellung sagen?
Großmann: Humanismus!

Die Freiburger Blase

Halt! Welche Rolle spielt denn die eigene Umgebung, wenn wir über Feminismus oder Gleichberechtigung reden?
Großmann: Das ist ein ganz spezieller Echoraum, in dem wir uns befinden.
Busch: Die Freiburger Blase. Wenn man dann nach Hause geht, fällt einem auf: Es gibt sexistische Witze, Sprüche, etwa beim Opa daheim.
Großmann: Freiburg ist deutlich diverser als das Publikum, das wir mit den "Vagina-Monologen" angesprochen haben, oder auch als diejenigen, die bei unserem Theaterstück mitmachen wollten. Deswegen haben wir vielleicht so irritiert auf die Frage reagiert: Wieso, wir sind doch alle Feministinnen. Natürlich hat es auch mit dem Internet zu tun, dass sich Echoräume viel stärker aufspalten. Ich glaube, nach der Trump-Wahl im Jahr 2016 wurde das Gefühl größer, lauter werden zu müssen. Aber wir haben uns auch zuvor schon als Feministinnen dargestellt.
Busch: Bei mir kam das erst durch die Uni. Es hat auch mit dem Alter zu tun. Man ist in der Schule, im Schoß der Familie, dann zieht man weg – und engagiert sich mehr oder weniger politisch oder hochschulpolitisch. Dann merkt man: Ach, das ist ja gar nicht normal, dass ich genauso sein kann, wie die Jungs in der Schule. Meine Eltern – ich bin Einzelkind – haben mir immer gesagt, du kannst alles machen im Leben, was du willst. Es wurde gar nicht thematisiert – du bist ein Mädchen. Die ganze Sozialisierung, die auf Geschlecht getrimmt ist, du musst Kleider tragen und so, das hat man bei mir wohl versucht, aber das ging schief. Schon mit zwölf fand ich das doof, wollte lieber kurze als lange Haare haben; die stereotypen Geschlechterrepräsentierungen habe ich abgestoßen.
Großmann: In der Schule war ich als Emanze verschrieen – das war ganz klar negativ konnotiert. Das Pendant bei den Jungs war Macho. Schon da habe ich mich ganz stark falsch verstanden gefühlt. Denn ein Macho ist jemand, der sich anderen Leuten gegenüber gemein verhält...
Hardt: Emanze ist ein hässliches Schimpfwort...
Busch: Sobald man eine selbstbewusste Frau ist...
Großmann: … ist man eine Emanze.

Frauen an der Uni

In einer Blase kann man sich wohlfühlen – aber das akademische Umfeld ist, was Machtstrukturen angeht, auch nicht unproblematisch...
Großmann: Natürlich erleben wir das – nur 19 Prozent der Lehrstühle in Freiburg sind von Frauen besetzt.
Hardt: In der Romanistik, wo etwa 85 Prozent der Studierenden Frauen sind, ist letztes Jahr die erste Professorin berufen worden. Vorher war das ein reiner Männerhaushalt, da musste man bis tief in den Mittelbau hinuntersteigen, um eine Frau zu finden.
Großmann: In der Geschichte gibt es ein paar Lehrstuhlinhaberinnen, das ist ein großes Fach. Aber die Mehrheit sind natürlich Männer.
Hardt: Und dann: Wer von den Professoren hat Familie? Muss ja nicht jeder haben. Aber viele Professoren haben Kinder – auch mehrere. Bei den Professorinnen sieht das überwiegend anders aus. Das ist doch ein Problem! Man muss nur mal darüber nachdenken: Was wäre für eine Akademikerin ein kluger Zeitpunkt, um Kinder zu kriegen? Die Antwort darauf: den gibt es nicht. Entweder Du bekommst zwei Kinder, weil Du das willst. Dann nimmst Du aber Einbußen in Kauf – oder halt nicht.
Großmann: Das gibt uns schon immer wieder zu denken. Und da müssen wir nicht mal auf die Professorinnen schauen. Das fängt schon jenseits des Masterabschlusses an.
Hardt: Der Knackpunkt ist Postdoc.
Großmann: Es gibt viel Platzhirschgehabe in vielen Fächern.

Wo engagieren?

Was regt die Jungen noch auf, wenn sie an Frauenrechte denken?
Großmann: Wir gehören schon zu einer Generation, die viele Ungerechtigkeiten spürt. Man muss laut reden: dass jede Woche in Deutschland drei Frauen von ihrem Partner umgebracht werden. Das kann doch nicht wahr sein! Was mich richtig wütend macht: Die Unterfinanzierung des Frauen- und Kinderschutzhauses in Freiburg. Da könnte man ganz gezielt ansetzen. Mit Geld.
Hardt: Man kann das von ganz lokal auf ganz global skalieren. Oder von ganz persönlich auf ganz öffentlich: Als Frau abends wegzugehen ist etwas völlig anderes, als als Mann abends wegzugehen. Daran ändert sich nichts. Das Schwierige am Feminismus ist, dass man ganz viele Dinge abdecken muss. Sobald man anfängt, sich für irgendetwas einzusetzen – etwa, dass das Frauenhaus besser finanziert wird, dass Frauen an der Uni gleichgestellt werden, dass Abtreibungen legalisiert werden in Deutschland – dann wird einem gleich vorgeworfen, dass man sich für das Falsche einsetzt. Schließlich gibt es Frauen auf der Welt, denen es noch viel schlechter geht. Stimmt ja auch.
Busch: First World Problems. Mein Cousin wirft mir so etwas vor. Der lebt in Neuseeland als Doktor der Biologie. Er sagt, der Feminismus weißer westlicher Frauen sei ein Luxusproblem. Wir würden alle gleichberechtigt aufgezogen, während in Indien Frauen von Männergruppen vergewaltigt würden. Das deprimiert mich. Und ich bin wieder bei: Gesellschaft macht Geschlecht. Mädchen müssen höflich und leise sein, Jungs dürfen das Gegenteil. Auch später, wenn es darum geht, wie sexuell aktiv man ist. Männer sind tolle Hechte, wenn sie viel Sex haben, bei Frauen ist das schwierig. Wenn es das Geschlecht nicht gäbe, gäbe es das auch nicht. Schade, dass wir es nicht verschwinden lassen können.
Großmann: Gerade in dem Bereich gibt es ja einen totalen Backlash. Wenn ich an das Mädchen-Überraschungs-Ei denke, muss ich brechen. Wenn wir uns ansehen, wie Kinderbücher heute aussehen, dann sind die stärker mit Genderstereotypen versehen als in den 70er Jahren. Da ist nichts mit Gleichstellung, das ist eine Reproduktion und sogar Verstärkung der Unterschiedlichkeit. Und gleichzeitig wird dann postuliert: Feminismus ist vorbei – Mädchen dürfen jetzt auch blaue Stifte benutzen.

Feminismus – in Zukunft?

Wird man ihn irgendwann nicht mehr brauchen, den Feminismus?
Hardt: Das Ende des Feminismus muss keiner proklamieren – wenn es keine negativen Erfahrungen mehr gibt, gibt es ihn nicht mehr. Solange aber gibt es noch den Kampf um Gleichberechtigung.
Großmann: Ich habe den Eindruck, Feminismus ist wie Demokratie. Das sind Dinge, die muss man sich erkämpfen und dann muss man sie verteidigen. Ich glaube, dass es den Backlash immer geben wird, daher bin ich nicht ganz so optimistisch. Wir müssen diese Werte für uns erst einmal erkennen und verstehen und dann immer wieder proklamieren und einfordern. Demokratin sein, Feministin sein, das muss man verteidigen. Das sieht man in Zeiten wie den heutigen.