Was ist eigentlich aus Philadelphia geworden?

Alex Ochs

In den vergangenen Jahren begeisterten drei Geschwister die Passanten in der Freiburger Innenstadt mit ihrer Musik – und nicht nur die. Doch seit September 2011 ist Schluss mit der Geschwisterband Philadelphia. Was machen die drei jetzt?

Ein klirrend kalter Endwintertag. Ein paar staubtrockene Schneeflocken rieseln auf Freiburg herab. Sie haben lauter Bobbycars, Laufräder und Spielsachen vor dem Katholischen Studentenwohnheim in der Lorettostraße in zartes Weiß gehüllt. Drinnen ist es, so muss es sein, warm und gemütlich. Es gibt Vollkornpizza, Rotwein und dann noch Eis, zwischengelagert auf dem Balkon.


Hier wohnen Max Trommsdorff, 30, ein Drittel von Philadelphia, seine Freundin Johanna und die beiden Kids Lara und Till, 1 und 3 Jahre alt, die noch um den Tisch herumwuseln. Am Tisch sitzen quasi die Philadelphia All Stars: Die anderen beiden Drittel der Straßenmusikcombo, namentlich Lena und Lugi („Luudschi“), sowie die Gastmusiker Matthias (Gitarre), Sebastián aus Chile (Trompete) und eben Johanna, die alle hier nur Johnny nennen (Geige und Djembe). Überhaupt, die Namen: Die drei Geschwister haben ihre klassischen Vornamen allesamt auf Konsonant-Vokal- Konsonant-Vokal eingedampft: Magdalena – Lena, Maximilian – Maxi, Ludwig – Lugi. Alle im Gleichklang.

Wirklich?

Ja und nein. Denn seit Herbst 2011 haben sich die Wege der drei Geschwister aus dem Bayrischen getrennt. Die Band wurde aufs sprichwörtliche Eis gelegt, jeder geht erst einmal seinen Weg. Den 29-jährigen Lugi hat es nach Hamburg verschlagen, wo er gerade eine 65-Prozent-Stelle als Lehrer angetreten hat – mit „nur“ dem 1. Staatsexamen in der Tasche. Seine Schwester Lena, mit 26 Jahren die Jüngste im Bunde, ist nach Barcelona gezogen und macht dort Straßenmusik im Parc Güell in der Band von Amélie Angebault. Im März geht es auf große Südamerika-Reise mit ihrem chilenischen Freund, zugleich Sänger und Trompeter der spanischen Reggae-Band Microguagua, entlang der legendären Panamericána – von Nordamerika bis nach Feuerland.

Yo apoyo a los musicos del Park Güell : Amélie Angebault

Quelle: YouTube


Nur VWL-Student Maxi hält die Stellung in Freiburg. Doch auch er nutzt die Auszeit seiner beiden Geschwister und packt im Frühjahr seine Sachen: Das große Projekt von Maxi und Johanna ist eine Kutschfahrt in Osteuropa. Ein halbes Jahr lang wollen sie mit den Kids im Rhythmus der Pferdehufe unterwegs sein. „Wir starten in Ungarn und wollen dann mit der Kutsche heimkommen“, sagt Maxi.

Die Philadelphias: jeder auf seinem Weg. Doch eigentlich muss es heißen: Durch Lenas Reisepläne gehen die Brüder auch erst mal auf Reisen oder einfach woanders hin. Straßenmusik: vorübergehend mehr Straße als (gemeinsame) Musik.

„Wir wissen den Anfang und den Schluss“, freut sich die quirlige Lena über die bevorstehende Reise, „und was dazwischen passiert, weiß niemand. Das ist das Schöne!“ Dieser Satz ist emblematisch für die drei Trommsdorffs: So ähnlich ist es auch mit ihrem Trio.

Obwohl – wie es weitergeht und wann, das steht erst einmal in den Sternen. Neuauflage? Neuanfang? Fortsetzung? Für 2013 ist dies mal angepeilt. „Im Herbst 2012 wollen wir uns zusammensetzen und dann mal schauen, ob und wie es 2013 weitergeht. „Es muss schon viel passieren, damit Philadelphia zu Grabe getragen wird“, macht Lugi den Fans Hoffnung.



Denn davon hat das Trio reichlich, ihr Publikum haben sie sich auf der Straße erspielt: In Freiburg vor allem am Bertoldsbrunnen, aber auch als Überraschungssieger der Rampe 2009, als ZMF-Tourband und in den Straßen von Hamburg, Ludwigsburg oder Leipzig. Kaum ist Lena nach fünf Monaten Abwesenheit wieder für kurze Zeit zurück in Freiburg, fragen sie gleich drei Leute: „Hi Lena, bist du wieder zurück?“

Ja und nein.

Auch auf der Straße Musik: Das lebhafte Mädel ist noch kurz hier, bevor es Anfang März loszieht. Im Gepäck hat sie natürlich ihr Instrument, allerdings nicht das kompakte Schlagzeug, das Maxi ihr für Philadelphia gebastelt hat, sondern ihre Geige. Ihr Freund nimmt seine Trompete ebenso mit.



Lugi, der zufällig zu seinem Lehrerjob gekommen ist, hat gerade seine zweite CD in Freiburg gemischt, die im März erscheinen wird. Nach anderen Band-Splitups würde es heißen: Er konzentriert sich auf seine Solokarriere als Liedermacher. „Ich spiele im Februar meine ersten offenen Bühnen in Hamburg“, berichtet Lugi. „Alleine auf der Bühne zu stehen, ist etwas ganz Anderes als zusammen zu spielen, da kann auch ein anderer was auffangen, zum Beispiel, wenn es gerade nicht so rund läuft beim Auftritt.“ Klingt da Sehnsucht nach Philadelphia durch? – Auf alle Fälle.

„Maxi, was willst du denn nach der Kutschfahrt machen– weiter studieren?“, frage ich. Der junge Mann mit rot-weiß gepunktetem Band im Haar, rotem Halstuch, blauem Wollpulli und schwarzer Lederhose zögert. „Na, da warte ich erst mal auf Philadelphia. Im Zweifelsfall muss das Studium eine Pause einlegen.“ Insofern blicken beide Brüder indirekt auf ihre Schwester Lena.

„Ja“, bestätigt Maxi, „die Entscheidung hängt zu 60 Prozent von Lena ab, zu 30 Prozent von Lugi und zu zehn Prozent von mir.“ Es scheint wie früher bei ihren gemeinsamen Gigs: Lena gibt den Takt vor. Alle drei träumen von einer Fortsetzung von Philadelphia. Genügend Songs für eine dritte CD haben die Trommsdorffs schon zusammen. Doch erst einmal heißt es: abwarten, wohin die Reise geht.

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    [Fotos: Alex Ochs]